Glück – ein vernichtendes Feuer der russischen Batterieen brach die Reihen der Dragoner und brachte sie in Unordnung. Mit grossem Verlust zogen sie sich zurück.
Lord R a g l a n sah mit Groll die Niederlage seiner Reiterei unter den Augen der Franzosen und wollte um jeden Preis die englischen Geschütze wieder haben, welche die Russen mit den Redouten erobert hatten. Der stolze Somerset2, der Adjutant und Neffe des eisernen Herzogs, der seine Sporen beim jammervollen Siege von Kopenhagen geholt, aber sie dann auf den blutigen Schlachtfeldern von Fuentes d'Onores, Badajoz und Salamanka verdient hatte, der bei Quatre Bras gegen Kellermann's schwere Reiter mit dem tapfern 42. Regiment gekämpft und vor Waterloo den rechten Arm gelassen, – hatte in dem siebenundzwanzigjährigen Kamaschendienst voll Untätigkeit und militairischer Pedanterie, welche die englische Armee zur schlecht organisirtesten Europa's hat werden lassen, – die Rittertaten seiner Jugend nicht vergessen. Seine Adjutanten flogen zu dem Kommandanten der Kavallerie, dem Grafen Lucan, und überbrachten ihm den Befehl, die russische Stellung durch Lord Cardigan's leichte Kavallerie-Brigade, welche den linken Flügel bildete, attakiren und die zurückgehenden Husaren und Kosacken verfolgen zu lassen.
So unfähig sich beide britische Reiterführer auch im Fortgang des Feldzugs gezeigt haben, so hatten sie doch Einsicht genug, zu sehen, dass die Ausführung dieses Befehls mit grosser Gefahr verbunden war. Selbst wenn die englische Reiterei die russische Schlachtlinie durchbrach, konnte sie leicht in das Kreuzfeuer der Artillerie zweier Corps geraten.
Der Adjutant des kommandirenden Generals harrte daher, nachdem er dem Grafen den Befehl überbracht, vergeblich einige Minuten auf Antwort, während dieser ängstlich sich mit seinem Stabe beriet. Ungeduldig fragte er endlich: "Wollen Euer Herrlichkeit dem General-Feldzeugmeister eine Antwort senden?"
"Mein Herr –" sagte der Graf, "ich gestehe Ihnen, ich glaube den Befehl des Lords missverstanden zu haben. Er kann unmöglich verlangen, dass Kavallerie die verlornen Redouten wiedernimmt?"
"Ich habe Euer Herrlichkeit nur meine Befehle zu überbringen, das Weitere ist Ihre Sache."
"So haben Sie die Güte," sagte der Graf hochmütig, "die Ordre in Gegenwart dieser Herren nochmals langsam und deutlich zu wiederholen."
Der Adjutant tat es.
"Jetzt, mein Herr, melden Sie dem General, dass wir tun werden, was englische Kavallerie tun kann, dass es aber nicht meine Schuld ist, wenn heute Abend die britische Krim-Armee keine Kavallerie mehr besitzt. Vorwärts, Mylord Cardigan! lassen Sie die 4. und 13. leichten Dragoner die Höhe der Redoute links umgehen und den Angriff beginnen, während das 14. Regiment und die Husaren als zweites Treffen nachrücken."
Die Trompeten bliesen und die leichten Dragoner trabten mit jenem todesverachtenden Trotz gegen die Batterieen, welcher immer den Bulldog-Charakter der englischen Soldaten ausgezeichnet hat. Die Regimenter umgingen die Höhe und attakirten die russischen Husaren und Kosacken trotz des Kartätschenfeuers zweier russischen Batterieen in beiden Flanken und ohne auf das Heckenfeuer des Odjessa'schen JägerRegiments zu achten. Das 14. Dragoner-Regiment und die beiden Husaren-Regimenter 8 und 11 drangen nach und warfen sich auf eine donische Batterie, deren Bedienung sie in Stücken hieben. Das blutige Handgemenge wogte gleich einem Knäuel zwischen den Hügeln hin und her und das Feuer der russischen Batterieen musste inne halten, um nicht Feind und Freund zugleich zu vernichten. Der Kommandant der 2. Brigade der russischen Kavallerie, General-Major Ghalezki, fiel; nur mit Anstrengung behaupteten die Husaren und Kosacken das Gefecht.
In diesem Augenblick stürzte sich der Oberst Jeropkin mit seinem Ulanen-Regiment, das so eben erst auf dem Schlachtfelde eingetroffen war und hinter den Odessaer Jägern eine verdeckte Aufstellung genommen hatte, auf die rechte Flanke der englischen Kavallerie. Der Stoss war furchtbar und von dem glänzendsten Erfolge begleitet. Die ganze Reiterbrigade wurde vollständig geworfen, geriet in die grösste Unordnung und wandte sich zur wilden Flucht, verfolgt von den Ulanen, niedergeschmettert von den Kartätschen der Batterieen auf den Hügeln und des Schabokritski'schen Corps. An fünfhundert Reiter liessen die Engländer auf dem Kampfplatz.
Die Flucht war so ungestüm und unaufhaltsam, dass sie selbst die schwere Dragoner-Brigade Scarlet's, welche Lord Raglan seiner leichten Kavallerie zu Hilfe gesandt, mit sich fortriss – die englische Reiterei verschwand vom Schlachtfeld. Vom Sapunberg aus hatte man die Vernichtung der leichten britischen Kavallerie beobachtet. Der französische Obercommandant liess daher – freilich etwas spät – drei Schwadronen seiner afrikanischen Jäger einen Angriff auf die Batterieen Schabokritski's am Abhang der Pedjuhinni-Berge machen; die herbeieilende Infanterie jedoch warf sie zurück.
Um 9 Uhr hatten die Verbündeten bereits 20,000 Mann im Tal von Kadikoi vereinigt und verstärkten sich fortwährend. Aber die unglückliche Attake der englischen Kavallerie hatte einen solchen Eindruck auf die Generäle und die Truppen gemacht, dass man nicht wagte, nochmals gegen die von den Russen besetzten Höhen vorzugehen. Hätten diese zu Anfang des Treffens mit einer genügenden Macht ihre Vorteile verfolgen können, so ist wohl kein Zweifel, dass es ihnen gelungen wäre, Balaclawa zurück zu erobern, ein Sieg, der die Verbündeten zur Wiedereinschiffung in der Kamiesch-Bai gezwungen hätte.
Die Artillerie setzte von beiden Seiten die Kanonade bis zur vierten Nachmittagsstunde fort, dann zogen die Alliirten ihre Truppen in's Lager zurück; die Russen behaupteten das Schlachtfeld.
Die englische leichte Kavallerie war fast zur Hälfte vernichtet – was davon übrig, machte bald die gränzenlose Unordnung der Verwaltung und die