und die Breitseite des riesigen Dreideckers hüllte sich in Feuer und Rauch. In der nächsten Minute legte sich ein Flammengürtel über die ganze Breite der Rhede, Land und See war in Dampf gehüllt, die Bomben kreuzten hoch durch die Luft und schmetterten auf die Stadt und hinüber über die Bucht bis zum Malachof-Hügel und der furchtbare Kampf begann auch auf dieser Seite auf's Neue.
Während die Batterieen der Westseite der Stadt, das Constantin-, Alexander- und Quarantaine-Fort mit einem furchtbaren Feuer der vereinigten Flotte antworteten, dauerte der Kampf auf der Ostlinie gegen die englischen Batterieen ununterbrochen fort. Dieselben waren zweckmässiger als die französischen in der Entfernung von 600 Schritt von den russischen Werken erbaut und litten daher weniger von dem Feuer. Zahlreich mit schwerem Geschütz – dreiundsiebenzig 68-, 46-, 32- und 24pfündigen Kanonen und zehnzölligen Mörsern bewaffnet und mit einem Ofen für die glühenden Kugeln versehen, erzielte die englische Artillerie bei diesem ersten Bombardement grössere Resultate als die französische. Dennoch widerstanden auch hier die Russen mit Glück. Die Erde zitterte wie bei einem Erdbeben von der gewaltigen Erschütterung der Atmosphäre, der Luftzug war von dem heftigen Feuer erloschen und der Pulverdampf bedeckte so dicht die Umgegend, dass man nur nach dem Blitzen der feindlichen Schüsse die Geschütze richten konnte.
Es war 12 Uhr, als der tapfere Leiter der Verteidi
gungs-anstalten, Vice-Admiral Korniloff, nachdem er wiederholt die Linien beritten, sich auf dem Malachof-Hügel befand. Er hatte sich eben von seinen Freund und Kameraden Nachimoff getrennt, der mit riesenhafter Tätigkeit die Verteidigung auf der Bastion III. leitete, deren Geschützbedienung bereits drei Mal hatte ersetzt werden müssen. Als er eben vom Turm bis zur Brustwehr gehen wollte, um sein Pferd zu besteigen, traf ihn eine Kanonenkugel und riss, die unheilkündende Waffe8 zerschmetternd, ihm das linke Bein am Unterleibe weg.
Heulend vor Schmerz und Wut warfen sich die
treuen Matrosen auf den geliebten Führer und trugen ihn zur nächsten Verbandanstalt. Nur noch bis zum Abend lebte der tapfere Kommandant der Matrosen des schwarzen Meeres. Als man ihm kurz vor seinem tod die Nachricht mitteilte, dass die feindlichen Batterieen zum Schweigen gebracht worden, rief er ein "Hurrah!" und starb.
Um drei Uhr Nachmittags begannen die Schiffe,
eines nach dem andern mit Hilfe der Dampfer sich aus der Kampflinie zurückzuziehen, um 6 Uhr war die ganze alliirte Flotte aus dem Schussbereich der russischen Batterieen und steuerte teils der Rohr-Bai, teils der Mündung der Katscha zu, um Havarie auszubessern.
Diese war sehr bedeutend – namentlich hatte das
Feuer des Fort Constantin furchtbar gewirkt. Auf dem französischen Admiralschiff – "Ville de Paris" – war der ganze Stab Hamelin's verwundet, nur er selbst blieb in dem Regen der Bomben wie durch ein Wunder verschont. Auch der "Montebello", "Friedland", "Napoleon" und "Karl der Grosse" hatten schwer gelitten. Von den englischen Schiffen, die dem Fort Constantin gegenüber gestanden, waren die "Agamemnon", "Albion" und "Queen" bedeutend beschädigt. Bei keinem später Bombardement wagten die Flotten wieder, den Forts so nahe zu kommen.
Aus den englischen Batterieen hatte sich das Feuer hauptsächlich gegen die Bastion III. gerichtet, deren Geschütze um die dritte Nachmittagsstunde fast sämtlich demontirt waren. Doch war auch der Schaden in den britischen Linien bedeutend; um 4 Uhr flog dort gleichfalls ein Pulvermagazin in die Luft und am Abend erwiderten nur noch zwei Geschütze das Feuer.
Mit einbrechender Dunkelheit schwieg das Feuer der Kanonen gänzlich und die Stille der Erschöpfung, des Todes lagerte sich über die Stadt und ihre Umgebung.
Der Verlust der Alliirten betrug auf den Flotten allein nach den offiziellen Berichten 527 Mann, in den Trancheen mindestens eben so viel. Die Russen zählten gleichfalls 1200 tote und Verwundete.
Ssewastopol hatte seine Bluttaufe siegreich bestanden!
Fussnoten
1 Die östlichste kurze Einbuchtung der Rhede von Sebastopol auf der Südseite. Zwischen dem KilenGrund und der grossen Südbucht mit der davon an der Mündung abzweigenden kleineren Schifferbucht liegt die Schiffer-Vorstadt. 2 Hiervon am Eingang südlich das Quarantaine-Fort mit 60, Fort Alexander mit 90 Geschützen, nördlich Fort Constantin mit 110 Kanonen. Diese 260 Geschütze konnten gegen die Flotten auf der Aussenrhede operiren. 3 Den geehrten Lesern, die bei der Lectüre einen Plan Sebastopols nicht zur Hand haben, kann die nachfolgende typographische Situationsangabe wenigstens dazu dienen, die Reihefolge und Stellung der Bastionen für späteren gang der Erzählung in der Erinnerung zu halten. 4 Kamischewaja-Bai – Rohr-Bai. 5 etwa 1400 Schritt. 6 Ein tscherkessisches Schwert. 7 S. die Scene Band II., Seite 87. 8 Die Stücken der Waffe befinden sich im Besitz der Familie des Admirals.
Balaclawa und Inkermann.
Die Namen stehen blutig eingezeichnet im Buch der Weltgeschichte!
Das erfolglose Bombardement vom 17. October, dem sie nicht einmal den Versuch eines Sturmes folgen lassen konnten, nötigte die Alliirten zu einer regelmässigen Belagerung der Festung. Wir haben bereits ausgeführt, wie ihre erste sorge dahin gegangen war, durch Befestigung des Sapunberges und der Zugänge nach Balaclawa ihre Operationsbasis zu sichern. Hierhin richteten sich natürlich auch die Blicke des Oberkommandanten der russischen Armee.
Einstweilen erwarteten beide Teile die Ankunft neuer Verstärkungen. Die Alliirten, auf ihre bedeutenden Hilfsmittel und ihre Ueberlegenheit an Zahl vertrauend, hofften, durch eine regelmässige Belagerung die Stadt bis zum Einbruch des Winters zu erobern. Die Engländer setzten ihr Feuer aus 68 Geschützen fort