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der zahlreichen Batterieen kräftig zu beantworten und der General Canrobert überliess es dem Kommandanten der Artillerie, Tiry, den Kampf nach eigenem Ermessen einzustellen. Um 11 Uhr schwiegen sämtliche französische Batterieen. Von den fünf war die eine durch das explodirende Pulvermagazin gänzlich vernichtet, in den anderen waren 19 Geschütze demontirt. An 400 tote und Verwundete blieben in der französischen Parallele.

Aber auch der Verlust und die Zerstörung in den russischen Werken war nicht unbedeutend. Auf dem Kampfplatz, von dem wir den Leser der Eröffnung des Feuers haben beiwohnen lassen, lagen zwischen Blut und Trümmern, keuchend von der gewaltigen Anstrengung, die erschöpften Kämpfer an ihren Kanonen, die frische Luft in die erhitzten Lungen saugend, die der Wind durch die breiten, von den Kugeln der Feinde erweiterten und zerrissenen Schiessscharten herein wehte.

Auf der Blendung standen die Offiziere, die dem Kugelregen glücklich entgangen, oder doch nur leicht verwundet worden waren, und schauten nach der feindlichen Flotte, deren letzte Schiffe merkwürdiger Weise eben erst von den Dampfern in die Schlachtlinie bugsirt worden waren und die jetzt ihre Breitseiten gegen die Rhede-Forts und die drei östlichen Bastionen kehrten, zum Gefecht fertig. –

"Der Spektakel," sagte Novossilski, "wird sogleich wieder auf's Neue angehen; es ist gut, dass wir Luft haben von der Landseite. Ich begreife nicht, warum die hölzernen Rosse Alt-Englands uns so lange Ruhe gelassen."

"Ich wette fünfzig Rubel, der Admiral befindet sich in der Quarantaine und wartet dort auf den ersten Gruss, sonst hätten wir ihn längst wieder hier gesehen."

"Ich glaube eher," sagte Barjatinski, "er ist auf der andern Seite der Bucht, das Feuer ist dort noch sehr heftig und er mag die Engländer nicht leiden."

"Was meintest Du vorhin mit der Schaschka, Kamerad?" fragte der Lieutenant Birjulew.

Der Fürst blickte nach den feindlichen Schiffen. – "Ihre Signale fangen an zu spielen, wir haben also noch fünf Minuten Zeit und ich kann Ihnen die unheimliche geschichte erzählen, die mir das Herz schwer macht. Der Teufel hole die Schaschka!"

"Was hat der Teufel mit der Schaschka zu tun, die mir eine schöne alte Waffe zu sein schien?"

"Vorzüglich; der Stahl der Klinge ist wundervoll. Sie gehörte dem armen Schelesnow, den vielleicht Einige von Ihnen gekannt haben. Er war als Courier nach Tiflis geschickt worden und hatte sie auf der Reise von dort nach Suchum-Kale für dreissig Rubel gekauft."

"So billig?"

"Das meinte ich auch, doch Schelesnow erwiderte mir, dass sie Niemand hätte kaufen wollen eines Aberglaubens wegen. – Die Schaschka hatte unter den Tschetschenzen den Ruf, Jeder, der mit derselben in den Kampf ginge, würde unfehlbar umkommen oder tödtlich verwundet."

"Und er kaufte sie dennoch? Ich meine, die Seeleute sind gerade sonst abergläubisch."

"Schelesnow spielte den Freigeist und lachte über die Sage, als er sie mir erzählte. Es war am Bord des Wladimir, als wir mit Admiral Korniloff von Varna kamen. Wir stiessen auf das türkische Dampfschiff 'Pervas Bachre' und unsere Kanonenkugeln begrüssten es. Wir fuhren auf Kartätschenschussweite heran und unsere Mannschaft machte sich fertig zum Entern. Ich sah, wie Schelesnow den kaukasischen Säbel umschnallte. – 'Haben Sie die verhängnissvolle Eigenschaft vergessen?' fragte ich ihn. Er antwortete: 'Gott bewahre, aber ich glaube nicht daran,' und eilte auf das Verdeck. Der Kartätschenschwarm sauste uns über die Köpfe, als ich zur Batterie kam, um die Anordnungen zur Abordage zu treffen. Da sehe ich, wie die Matrosen einen verwundeten Offizier aufheben, aus dessen Brust sich das Blut stromweise ergiesst: es war Schelesnow, eine Kugel hatte ihn in die Brust getroffen, fünf Minuten später, nachdem er die Schaschka angeschnallt, und nun klirrte sie, von der Leiche nachgeschleppt, gegen das Verdeck7. Ich ergriff die verhängnissvolle Klinge und wollte sie in meiner ersten Aufwallung über Bord werfen; aber unwillkürlich erfasste mich ein unüberwindliches Gefühl, dieselbe zum Andenken an den gefallenen Kameraden aufzubewahren, und ich tat es."

"Aber wie kommt die Schaschka in den Besitz des Admirals?"

"Er befahl mir, den Nachlass Schelesnow's aufzunehmen und er wurde, wie es Sitte, vor dem Mast versteigert. Dem Admiral gefiel die unglückliche Waffe und er überbot mich."

"Und sagten Sie ihm Nichts von ihren schlimmen Eigenschaften?"

"Ich tat es, aber er lachte mich aus und meinte, er glaube nicht an Vorurteile und ich wäre eben so gefährdet wie er. Sie haben es vorhin nochmals mit angehört. Mir war weh um's Herz, als ich ihm die Schaschka überreichte und ich zürnte mit mir selbst, dass ich nicht dem unbegreiflichen Wunsch, sie aufzubewahren, statt sie in's Meer zu schleudern, widerstanden. Der Admiral aber scheint eine besondere Liebhaberei an der Waffe zu haben, denn schon mehrfach sah ich sie ihn tragen."

"Ohne dass sie ihm geschadet hat?" lachte der Sappeur-kapitän.

"Der Admiral ist seitdem noch in keinem Gefecht gewesen," sagte kopfschüttelnd der Seemann. "Ich wünschte, es wäre Abend, wie es jetzt –" er sah nach der Uhr – "Mittag ist. – Und da kommt Arbeit für uns!"

An der Signalleine der "Queen" flatterte das Signal "Fertig zum Feuern!"