1855_Goedsche_156_613.txt

Gehenk ist, mag sie daran bleiben. Wir haben keine Zeit zu Ammenmährchen und vor den Kugeln der Feinde steht der Admiral wie der Lieutenant. Leih' mir Dein Glas, Söhnchen, und lass mich sehen, was die Franzosen beginnen."

Er stieg vom Pferde und setzte sich an den Posten dem Signalmanns auf die Blende, das Fernrohr am Auge, während seine Begleiter und die Offiziere der Bastion ihre Blicke gleichfalls nach den Batterieen der Feinde richteten.

"Wir werden das Feuer der drei Batterieen dort auszuhalten haben," sagte der Admiral, "ich zähle 27 Enceinten, und wenn mich das Auge nicht täuscht, dort in der rechten sechs stattliche Mörser. – An die Geschütze, Kinderich glaube, sie beginnen ihr Feuer!"

Von dem Turm der Katedrale schlug es eben halb Sieben. Die Glockenschläge waren noch nicht verklungen, als aus der dritten französischen Batterie eine Rauchsäule sich emporkräuselte und ein dunkler Punkt im Bogen mit jenem prasselnden Zischen durch die Luft kam, das den Bomben eigen ist. Der Knall hallte durch die Luft und zwei weitere Schüsse folgten unmittelbar darauf.

Im nächsten Moment schien die Erde zu erbeben, die Luft zu erzittern. über dreihundert Geschütze schweren Kalibers hatten gleich als hätten sie auf das Signal gewartet, von beiden Seiten auf dem ganzen Halbkreis von der Quarantainebucht bis zum Kilengrund ihr furchtbares Feuer begonnen und schütteten einen Hagel eherner Todesboten rings umher.

Korniloff beobachtete unbeweglich auf seinem ausgesetzten Posten die wirkung des Feuers, während der Unteroffizier, der mit der Signalisirung beauftragt war, ungeduldig und besorgt daneben stand.

– "Deine Kugeln schlagen zu niedrig, Birjulew," sagte der Admiral, "lasse etwas weniger Pulver nehmen, oder visire höherdader Schuss tat seine wirkung, der Mörser ist demontirt!"

Er sprang von der Brustwehr herunter und reichte dem Mann das Glas, der alsbald den gefährlichen Posten einnahm. – "Und jetzt, Lieblinge, da ich Euch in voller Arbeit sehe, will ich Euch verlassen und weiter. Gott schütze das heilige Russland!"

Der Ruf, wie ein Donnerrollen sich über die ganze fernerspeiende Bastion fortpflanzend, übertönte das Krachen der Geschütze. Nur einen blick konnten die an den Kanonen arbeitenden Leute auf den geliebten Führer werfen, der mit der Hand winkend sie verliess und am Eingang des bedeckten Weges noch einige Momente bei den auf den Tod oder die Verwundung ihrer Kameraden harrenden Ersatzmannschaften verweilte. Dort drückte er Novossilski die Hand, bestieg den harrenden Schimmel und ritt unter dem Regen der Kugeln nach der Bastion III. am jenseitigen Ende der Südbucht.

Fürst Barjatinski hatte den Admiral mit den Augen verfolgt, so weit er ihn sehen konnte. Mit einem trüben Kopfschütteln wandte er sich zu dem neben ihm kommandirenden Birjulew. –

"Der heilige Andreas möge ihn schützen, aber ich fürchte, wir sehen ihn nicht wieder. Die verfluchte Schaschka!"

Fragend schaute ihn der Offizier an. Aber die Antwort blieb der Befragte ihm schuldig unter dem Donner der Geschütze. –

"Eine Bombe für unssie ist bitterböse! Aufgepasst links!" schreit der Signalist und das Krachen der einschlagenden gewaltigen Hohlkugel in die Batterie selbst mahnt zur Vorsicht. Man wirft sich zur Seite, dennoch reisst die platzende Bombe sechs Mann zu Boden. Einige sind tot, Anderen hat sie arme und Beine abgerissen, Blut und Fleisch spritzen umheraber die Geschütze sind zum Glück unversehrt. Man hört kein Stöhnen, keine Klage; die Träger springen herbei und bringen die Verwundeten nach dem Verbandplatz im Schutz der Kasematten. Andere Leute treten an das Geschütz – "Eins! – Zwei! – sechs! – Feuer!" – und die Kugel fliegt wieder gegen den Feind. Matrosen schleppen ein Reservegeschütz herbei für eine von einer Vollkugel getroffene Kanone oder bringen frische Cartouschen. Eine Granate schlägt in die Brustwehr ein, platzt und nimmt ein Stück Erde mit hinweg. "Leute nach oben!" ertönt die stimme des Kommandeurs der Batterie. "Eine Bombe ist in die Blendung geschlagen." – "Ja, Euer Gnaden." – Die Todesmutigen springen nach der Decke der Wölbung und in einem Augenblick ist der gewaltige Trichter mit Erde und Steinen verschüttet. Da saust eine zweite Bombe durch die Luft und das unglückliche Geschick führt sie auf dieselbe Stelle, die Decke wird durchschlagen, die gewaltige fünfzigpfündige Kugel springt und zerschmettert ein Dutzend Tapferer!

Es ist 10 Uhr. Dicker Pulverdampf erfüllt die Batterieen. Die Bastion gleicht dem speienden Krater eines Vulkans, die Männer an den Geschützen, bis an die Hüften entblösst, von Schweiss, Erde und Pulver mit einer dicken Kruste überdeckt, aus dem schwarzen Gesicht nur das Auge weiss und grimmig leuchtend, arbeiten wie die Teufel; die Offiziere gehen auf und ab und dirigiren das Feuer. Vollkugeln, Granaten, Bomben fliegen, pfeifen, zischen, schlagen ein, platzen, ricochettiren nach allen Richtungen. Jeder ist nur mit dem Zerstörungswerk beschäftigt, Niemand achtet auf die eigene Gefahr!

Ein donnerndes Urrah! erschüttert das Gewölbe der Batterie. Aus der ersten Schanze der Feinde ist ein mächtiger Feuerstrahl durch den Pulverdampf emporgestiegen, ein gewaltiges Krachen übertäubt den Donner der Geschütze auf der meilenlangen Feuerlinie: das Pulvermagazin der französischen Batterie ist in die Luft geflogen; – drei Viertelstunden vorher hat die vierte feindliche Batterie dasselbe Schicksal gehabt und mehr als 50 Mann wurden dabei getödtet und verwundet. Die übrigen drei französischen Batterieen waren jetzt nicht mehr im stand, das fürchterliche Feuer der drei Ssewastopoler Bastionen und