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Seefort Alexander an, und auf der Ostseite der Südbucht (des grossen Kriegshafens) der Turm auf dem Malachof-Hügel (die Kornitowski-Bastion).

Die Annäherung von der Seeseite wurde durch die bereits zu Anfang dieses Bandes detaillirten Seeforts mit 700 Kanonen grossen Kalibers verteidigt, die in zwei und drei kasemattirten Etagen placirt waren2).

Der Mann, den General Schilder von seinem Sterbebett dem Fürsten gesandt, T o t l e b e n , dessen Patent als Oberst-Lieutenaut zum Dank für die vor Silistria geleisteten Dienste bald nach ihm in Ssewastopol, vom Kaiser unterzeichnet, eingetroffen, hatte sein kühnes Anerbieten gegen den Fürsten wahr gemacht. Während der vierzehn Tage der Waffenruhe entstand wie durch Zauberschlag ein Gürtel von Festungswerken um die Südseite der Stadt. Mit jedem Tage wuchsen neue Bastionen und Batterieen aus der Erde, für deren Armirung das Arsenal und die schiffes-Artillerie unerschöpfliche Quellen boten. Die Matrosen, die Sappeurs, die Truppen, die EinwohnerMänner, Weiber, Kinder selbst arbeiteten und lösten sich Tag und Nacht ab, Jeder bot willig seine Habe, seine Kräfte, sein Leben zur Verteidigung der Vaterstadt und des Bollwerks Russlands im Süden, und nach Verlauf der zwei Wochendie der Feind mit seinen Einrichtungen verbrachtstarrten mehr als 200 Geschütze schweren Kalibers von trefflich angelegten Wällen ihm entgegen, bereit, ihn mit Geschossen aller Art zu begrüssen, und hinter diesen Geschützen harrten todesmutig die tapfern Land- und Seesoldaten.

Während dieser kurzen Zeit entstanden die Bastionen Nr. 2, 3 und 4, beendigt wurde der Bau der Bastionen Nr. 5 und 6 und der Batterieen vor der projectirten Bastion Nr. 1 und bei dem Turm auf dem Malachof-Hügel. Den Raum zwischen den Bastionen deckten neuerbaute Batterieen, die unter sich mittelst Trancheen verbunden waren. Am Ende der Südbucht lag das Schiff "Jehudil", dessen Artillerie den Savandanakina- und Laboratornaja-Grund bestreichen konnte3).

Zugleich war die Garnison, die am Tage nach dem Abzug des Fürsten Menschikoff und der Besetzung Balaclawa's durch die Alliirten tatsächlich nur aus 11,000 Mann Seesoldaten und Matrosen und 8 Bataillonen der Reserve-Brigade der 13. Infanterie-Division bestand, bedeutend verstärkt worden. Am 28. September schon trafen von Baktschiserai in den nördlichen Festungswerken 29 Bataillone in der Stärke von 23,000 Mann ein. Das Offensivcorps, mit dem sich der Fürst jenseits der Tschernaja nach dem Mekensiewaja-Berg zurückgezogen, betrug zu dieser Zeit nur 25,000 Mann.

Hätten die Verbündeten gleich am Tage nach der Besetzung Balaclawa's eine Recognoscirung gegen die Festung unternommen, so würden sie unfehlbar die Schwäche der Südseite erkannt und einen Sturm unternommen haben, der sie auch bei der heldenmütigsten Verteidigung in den Besitz der Stadt gesetzt hätte. Wie jedoch die Gefangennahme und der Tod seines Boten die Verbündeten vor einem verderblichen Angriff auf dem Marsch nach Balaclawa bewahrte, also rettete wiederum die Flucht des greifen Tabuntschik nach jener Führung, die eine Opferung sein sollte und ein Verrat wurde, die Stadt, denn die Generäle der Feinde glaubten ihre Pläne und ihre Schwäche entdeckt und waren in den ersten Tagen nur darauf bedacht, sich gegen jeden Angriff von russischer Seite zu schützen.

Hierzu trug noch bedeutend der Wechsel des Oberkommando's und die Eifersucht zwischen den Führern der beiden Nationen bei. Der Marschall Saint-Arnaud clawa in einer Sänfte begleiteter wollte durchaus vor Sebastopol stehen. Schon vor Balaclawa jedoch trat das Delirium ein und gänzlich entkräftet wurde er am 29. Mittags an Bord des "Bertollet" gebracht, der sofort nach dem Bosporus absegelte. Kaum eingeschifft, kam der Kranke wieder zu sich und unterhielt sich zuweilen mit seinem Schwiegersohn und seinen Offizieren bei vollem Bewusstsein. Augenzeugen erzählen, dass er dabei wiederholt auf den schrecklichen Zug der französischen Colonnen in die verpestenden Sümpfe der Dobrudscha zurückkam. Um 41/4 Uhr wandte er sich plötzlich in seinem Bett um und verschiedan derselben Krankheit, der er zwei monat vorher Tausende nutzlos und hilflos geopfert. Am Abend des 30. warf der "Bertollet" in Terapia mit gestrichener Flagge seine Anker und setzte die Leiche an's Land. –

Am 1. October erst unternahmen von Balaclawa aus die verbündeten Generäle mit 4 Bataillonen eine Recognoscirung gegen die Festungswerke von Sebastopol und fanden diese bereits so weit vorgeschritten, dass sie sich überzeugten, ein starkes Bombardement müsse einem Sturm vorhergehen. Man beschloss demnach, die Trancheen zu eröffnen, und begann mit den arbeiten am 4. October.

Zunächst galt es, sich die rücken- und Flankenlinien der Belagerungsarbeiten zu sichern. Auf der Seite nach Westen deckte das Meer die Belagerer. Die Franzosen hatten an der Kamiesch-Bai4) eine feste Stellung genommen und schifften hier ihr Belagerungsmaterial und ihre Verstärkungen aus. Am 7. October trafen bereits die 5. und 6. französische Division unter den Generälen L e v a i l l a n t und P a t é und die afrikanischen Jäger hier ein. Die Operationsbasis und der Hafen der Engländer und Türken blieb Balaclawa und hier schifften sich die von Constantinopel eintreffenden Verstärkungen aus.

Die rechte Flanke der Verbündeten, beim Beginn

der Belagerung hauptsächlich von den Engländern eingenommen, war von der Bodenbeschaffenheit überaus begünstigt. Zunächst trennte das tiefe Tal der Tschernaja mit den steilen Talrändern auf eine weite Strecke nach Süden hin die Aufstellung der Alliirten von der auf dem gegenüber liegenden Ufer, dem Mekensiewaja-Berg und den Inkerman-Höhen befindlichen Operationsarmee des Fürsten Menschikoff. Dieser Terrainschutz