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taumelte, griff nach den Tauen und fiel rücklings in's Meer.

Die kaum einen Augenblick währende Scene erregte keine Teilnahme, ausser dass sie die Zaudernden desto schneller zum Gehorsam brachte. "Männer," sagte der kapitän und seine stimme schien das Brausen der Brandung zu beherrschen, "zwanzig Jahre kommandire ich dies Schiff, und so lange eine Planke davon übrig, werde ich Gehorsam zu erzwingen wissen. Alle Mann nach vorn, wer nicht auf dem Hinterkastell Posten hat. Legt Kutter und Langboot mit Tauen am Stumpf des Fockmastes fest und dannGott schütze Euch, Leute!"

Alle drängten sich nach vorn bis auf die Männer, die diesseits des Besaumasts ihren Posten hatten. Der erste Lieutenant stand neben dem kapitän. "Darf ich Sie fragen, kapitän Warburne, was Sie mit dem Schiff beabsichtigen?"

"Sehr gern. Sehen Sie dort die Oeffnung in dem Felsenwall des Ufers, in der das Feuer brennt?"

"Ja, Sir!"

"Es muss eine Bucht sein und das Feuer ist von mitleidigen Feinden angezündet, um uns den Weg zu zeigen. Ich will versuchen, das Schiff dort hinein zu führen oder wenigstens in dieser Richtung auf die Felsen auflaufen zu lassen."

"Es wird in diesem Fall dem Wogendrang nicht zu widerstehen vermögen, Sir!"

"Ich weiss es, aber ich hoffe wenigstens das Vorderschiff festzukeilen und deshalb habe ich Alles nach vorn beordert."

"Ich sehe, Sir, dass es der einzige Ausweg ist. Erlauben Sie mir also, hier meinen Posten einzunehmen, Ihre Befehle sollen erfüllt werden."

Der kapitän machte ein abwehrendes Zeichen. – "Nein, Hunter, so war es nicht gemeint. Dieser Ehrenposten steht dem Kommandirenden zu. Eilen Sie in das Vorderschiff und sorgen Sie, dass Alles vorbereitet ist; vielleicht wird ein oder das andere Boot erhalten."

"Aber, Sir – –"

"Ordre im Dienst, Herr! – Leben Sie wohl, Hunter, und Gott segne Sie Alle! – Was wollen Sie hier, Frank?"

Der Midshipman, der seinen Bruder in's Vorderschiff geleitet, war zurückgekehrt und stand in seiner Nähe. "Was wollen Sie hier?"

"Bei Adams bleiben und Ihnen, kapitän Warburne!"

"Nichts dader Deckmeister ist bereits dort, wo sein kapitän bald sein wird. Nehmen Sie den Knaben mit fort, Hunter."

Es wagte Keiner mehr, zu widersprechen, seine Gestalt, der Ausdruck seines Gesichts hatten etwas Feierliches. Der erste Lieutenant zog den Midshipman mit sich fort, den ein blick auf den alten Adams belehrte, dass der kapitän Recht hatte.

Warburne beobachtete, auf der Bank an der Wetterseite stehend und den rechten Arm fest um das nächste Tau gepresst, die dunklen massen des Ufers vor ihnen. Seine kräftige Gestalt trotzte dort der vollen Wut des Sturmes, der sein ergrautes Haar und seine Kleider peitschte.

"Quartiermeisterherum mit dem Steuer, so gut es geht! Bringt die Fregatte voll vor den Wind!"

Die Männer am Steuer, an den Wanten, an den Zugleinen des grossen Seegels, das, bis zum Aeussersten gespannt, das Schiff fast mit der Geschwindigkeit der Wellen vorwärts riss, standen wie eherne Statuen auf ihren Posten.

"Halten Sie grad' aus auf das Feuer, Master Price!"

"Ja, ja, Sir!"

Die Worte waren kaum heraus, als die Fregatte, statt in jene Bucht unterhalb des Schlosses Aju-Dagh einzufahren, bereits mitten in der rückschäumenden Brandung auf die Felsenreihe stiess, welche den Eingang der Bucht umgab und ihn für jeden Unkundigen unmöglich machte.

Der Stoss warf fast Alle im Vorder- und Hinterschiff zu Boden und wiederum erhob sich ein furchtbares Geschrei zum Nachtimmel, von den Flügeln des Sturmes nach dem nahen land getragen. Die beiden noch stehenden Masten, der grosse und der Besanmast, aus ihren Fugen gerissen, wankten zwei Mal hin und her und stürzten dann krachend über Bord, eine Anzahl Menschen mit fort reissend. Zugleich überflutete eine riesige Welle gleich einer Lawine und hob das Schiff noch tiefer zwischen die Felsen.

Es folgte ein zweiter, ein dritter Anprall der wütenden Wellen und der letzte entschied das Schicksal des Schiffes. Die Fregatte brach mitten durch und während das Vorderteil zwischen Felsen festgeklemmt und gewissermassen gesichert war, riss die schwarze Woge das Quaterdeck und Hinterteil zurück. Einen Augenblick sah man es auf dem Gipfel der schäumenden Wellen schweben und dann verschlang es die dunkle Tiefe.

Der letzte Jammerruf der Ertrinkenden, der Heldenmut, mit dem der kapitän und die Halboffiziere am Steuer, bis zum letzten Augenblick ihrer Pflicht getreu, den Opfertod erlitten, – das Alles bedeckte die Nacht und das Brüllen der Brandung. Auch von den Vielen, die nach dem Befehl des Capitains auf dem Vordercastell Schutz und Sicherheit gesucht, hatte mindestens die Hälfte das Verderben erreicht und von den mehr als vierhundert Menschen, welche am Morgen noch das Schiff getragen, waren jetzt kaum hundert noch am Leben, und jede Minute, jede Welle riss ein neues Opfer aus der Reihe.

Die beiden französischen Offiziere, Doctor Welland und der Baronet, die Lady und das schwarze Geschwisterpaar befanden sich unter den bis jetzt erhaltenen Passagieren; von den Offizieren des Schiffes waren ausser dem ersten Lieutenant und dem Hochbootsmann noch drei Midshipmen auf dem Wrack, jene drei, denen unsere erste Scene am Bord des Niger begegnet ist.

Sobald das erste Entsetzen über den Untergang