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scheint Sie, Herr Tomas, zu kennen, er erkundigte sich besonders nach Ihnen und dem Herrn Grafen und ob Herr Tomas mit dem Herrn Attaché bekannt sei?"

"Und Sie bejahten?"

"Versteht sich; es standen gerade einige unserer Fixer in der Nähe und hörten jedes Wort. Die Vormundschaft eines unserer Privatteater ist in jener Ecke stark vertreten. Des Abends erscheinen die Herren als Protektoren der Kunst, obschon sie zum teil nicht in besonderem G e r u c h stehen, des Vormittags gehören sie zur Kategorie Nummer Zwei an der Börse. Der ältliche Herr dort, der auch dazu gehört, ist mir einer der Liebsten der ganzen Börse, solid und nobel; dem kleinen Orientalen an seiner Seite ist neulich ein Gastwirt mit 20,000 Talern durchgegangen und es schwebt ein interessanter Prozess über die Sache. – Doch in fünf Minuten ertönt die Schlussglokke und ich muss die Notirungen von meinen Geschäftsfreunden sammeln. Da wird die telegraphische Depesche eben verlesen, die seit einer Stunde kein geheimnis mehr ist. Wenn es Ihnen Vergnügen macht, hören Sie zu."

Der bereits erwähnte mit der Veröffentlichung der Börsen-nachrichten beauftragte Makler stand, von der Menge umdrängt, auf einer Erhöhung und verlas eben jene Depesche, mit der sich damals ganz Europa blamirte.

Sie lautete:

"Paris, vom 3. Morgens. Der heutige Moniteur

bringt eine aus Wien datirte Depesche des dortigen

französischen Gesandten Baron Bourquenei mit

der Meldung, dass am 30. vorigen Monats in B u

k a r e s t ein Tatar mit Depeschen für Omer Pascha

eingetroffen, welche wegen dessen Abwesenheit

nicht geöffnet worden sind. Nach dem mündlichen

Berichte des Tataren ist Sebastopol eingenommen,

22,000 Russen sind gefangen, 18,000 getödtet, das

Fort Constantin ist in die Luft gesprengt und sechs

russische Linienschiffe sind untergegangen."

Die geheimen Faiseurs, deren Intrigue und Mittel wir angedeutet, machten damit die glänzendste Spekulation. Nachdem die Course durch ihre wohlberechneten Manöver bedeutend im Steigen waren, verkauften sie enorme Summen zu diesen hohen Sätzen für die nächste Abrechnung, gewiss, dass schon in den folgenden Tagen das Ausbleiben der Bestätigung und die entgegengesetzten Nachrichten die Course wieder herabdrücken würden. Die Profite, die damit an den Börsen von Wien, Berlin und Paris in demselben Augenblick gemacht wurden, betrugen über eine Million.

Der Abbé war den darauf folgenden Tag mit den Bilancen beschäftig. Als er am zweiten der spanischen Tänzerin seinen Besuch machte und ihr eine Reise und ein Gastspiel in Warschau und Petersburg vorschlug, fand er jedoch unerwartete Ausflüchte, ja zuletzt völlige Weigerung.

Zwei Tage nachher war die Spanierin verschwunden, – wie es hiess, in Begleitung des russischen Fürsten Jaboleff. Erst im Frühjahr kam sie unter'm Schutz ihres neuen Mäcens in den böhmischen Bädern wieder zum Vorschein. Man sagtso unwahrscheinlich es bei einer Tänzerin lautetdass sie den Fürsten wirklich geliebt, wenigstens sprach dafür, dass die eigensinnige Donna in alle Launen ihres Geliebten sich mit sclavischer Hingebung fügte. Wie es auch sei, Liebe oder Weiberlaune hatte das Band gesprengt, das sie bisher den geheimen Plänen dienstbar gemacht.

Fussnoten

1 Börsenausdruck für Staatsschuldscheine. 2 Statt Zehntausend, nach dem Börsengebrauch. 3 Kinder und Enkel werden die neuen und neuesten Actien-Emissionen genannt. 4 Französisch österreichische Staatsbahn-Actien. 5 Die Börsenbezeichnungen auch in den Courszetteln sind: B r i e f (ausgeboten zu dem Cours von ..., ohne Nehmer zu finden); G e l d (gesucht zu dem Cours von ..., aber nicht zu haben); b e z a h l t (wirklich gekauft zum Cours von ...).

II. Die Feuertaufe.

Der Morgen des 17. October zog heiter und lieblich herauf, denn in diesem Klima ist der October gewöhnlich der schönste monat des Jahres. Der Himmel war wolkenleer und auf dem Meer herrschte vollkommene Windstille.

Unsere Erzählung hat uns nach Sebastopol zurückgeführt, nach Ssewastopol, dessen Südseite drei Wochen der Untätigkeit des Feindes und der titanenhaften Anstrengung seiner Verteidiger zur furchtbaren Festung umgeschaffen hatten. Es ist hier an der Zeit, einige Anführungen über die Befestigungswerke zu geben, an denen der kühne Mut von Tausenden verbluten sollte.

Die Befestigungswerke Ssewastopols vor der Krim-Expedition hatten offenbar nur den Zweck, die Flotte des schwarzen Meeres und die ungeheuren Arsenale und Vorräte dieses Zwingpontus zu sichern und waren daher auch nur auf der Seeseite stark. Ein Angriff von der Landseite durch die Türken, während die russische Flotte das schwarze Meer beherrschte, schien undenkbar, und wir haben gesehen, dass man in unbegreiflicher Verblendung selbst damals, als die verbündeten Armeen schon in Varna lagerten, ihn noch für kaum möglich hielt.

In den letzten Jahren der Regierung des Kaisers Nicolaus war zwar ein Plan zur Befestigung auf der Landseite entworfen, aber nur teilweise ausgeführt worden. Die Festungswerke in einer Länge von 6 Werst sollten sowohl die eigentliche Stadt, als auch die Schiffer-Vorstadt (Karabelnaja decken und sich von der Mündung des Kilen-Grundes1) um die Schiffer-Vorstadt herum bis an die äusserste Spitze der Südbucht, von hier um die Stadt ziehen und an das Quarantaine-Fort anschliessen.

Diese Verteidigungslinie bestand zur Zeit der Landung der Verbündeten auf der grössten Strecke nur aus einer einfachen Steinmauer, durch unvollendete Werke und an einigen Stellen durch zur Verteidigung eingerichtete Kasernen (Defensiv-Kasernen) gedeckt. Ganz vollendet war nur der teil auf der westlichen Seite der Stadt von dem