erlogen sind, so verstehen sie doch bei dem bleibenden Viertel die beiden Parteien so gründlich zu schröpfen, dass der Wucher, der mit dieser Erscheinung eng zusammenhängt, daneben eine Tugend ist. Nun, Herr Levi," – er sprang rasch zu einem Vorübergehenden, – "wollen Sie noch eine kleine Post Nordbahn-Väter?"
Der kleine dicke Mann, den er angeredet, rieb sich innerlich lachend die hände.
"Was soll ich tun damit, Herr von Treumund? Einstweilen wollen wir abwarten die Bestätigung von die Nachrichten von die Tataren und von die Schiffscapitaine von's Schwarze Meer. Sie wissen, Freund, ich bin vorsichtig."
"Das ist ein schlimmes Zeichen," flüsterte zurückkehrend der Courtier zu dem Grafen. "Der Mann ist der Geldfaiseur höchst einflussreicher, ja hoher Personen, die rechte Hand von Leuten, die am Staatsruder sitzen, und in vielen Beziehungen ein höchst scharfsinniger Patron. Eine Hand wäscht die andere und Geldgeschäfte und Lieferungen haben ihn zum reichen Mann gemacht. Gewiss sinnt er dafür schon, welchen Patriotismus er am Königs Geburtstag an's Lampenlicht stellen oder welche neue finanzielle Denkschrift er für einen seiner Mäcens vom Stapel lassen wird. Der Mann wirft Hunderte fort für eine seiner rastlosen Launen und schlägt dafür einen jungen Handwerksmann halb tot, weil dieser sich nicht ein Viertel seiner Rechnung kürzen lassen will. Aber ich muss ihm nach und ihn zu einem, wenn auch noch so kleinen Geschäft bewegen. Hier auf der Börse achtet man auf Alles."
Er schoss davon.
Aus dem Menschenstrom, der aus dem Börsensaal nach dem Vorplatz und zurück wogte, drängte sich ein kleiner noch ziemlich junger Mann mit gebogener orientalischer Physiognomie und etwas Kreuzfeuer in den Augen voll zuckersüsser Aufdringlichkeit zu dem österreichischen Cavalier.
"Ganz gehorsamster Diener, Herr Baron, freut mich, die Ehre zu haben, Sie wiederzusehen. Sagen Sie mir, Sie müssen's wissen, Sie sind Diplomat, ist es wahr, dass gedonnert haben die Kanonchens am Invalidendom? Wie käme der Tatar dazu, zu bringen eine falsche Nachricht an Omer-Pascha, er muss es wissen wenn auch versiegelt geblieben ist die Depesche; 22,000 Russen gefangen, der Kaiser Napoleon ist bei Gott ein grosser Mann! Was sagt der Herr Gesandte dazu?"
Der junge Diplomat betrachtete mit einem gewissen vornehmen Missbehagen den kleinen Hebräer.
"Ich habe nicht das Vergnügen –"
"Herr Baron, Sie werden mir kennen, – ich habe die Ehre gehabt auf dem grossen Ball bei Herrn von Magnus; unsere Firma ist unter den Linden – was meinen Sie, könnte man einen Schlag wagen? ich werde Sie beteiligen mit zehn Prozent."
Der Ataché verbeugte sich ablehnend.
"Bemühen Sie sich nicht, ich spiele nicht an der Börse."
"Schade! – Auf ein Wort, Herr Meier! Was denken sie? die österreichische Gesandtschaft ist hier auf der Börse, sie hat mir eben eine wichtige Mitteilung gemacht; lassen Sie uns kaufen, Dreiundachtzig ein Halb, das Geschäft ist gut."
Das Gedränge entführte ihn. In seinem Schutz war der Abbé zu dem Sardinier getreten.
"Sehen Sie dort die beiden Männer, die eben mit unserm Courtier sprechen?"
"Der Eine sieht hierher?"
"Richtig; es ist der wiener Polizei-Agent, der Andere ein hiesiger Beamte."
"Der Mensch hat eine vertrackte Physiognomie, so schmuzig und tückisch. Unser würdiger Bandit Sta Lucia, der wer weiss wo ein Ende genommen haben muss, war ein Apollo gegen dies Galgengesicht. Wie heisst das Subject?"
"heller. Er ist ein verdorbener Advokat von wenig ehrenvollem und moralischem Ruf, machte schon vor 48 den Polizeispion in Pest und lieferte manchen Patrioten nach dem Spielberg. Bei der Revolution spielte er plötzlich den Republikaner, half das Zeughaus stürmen, wenigstens rühmt er sich dessen, drängte sich bei allen Demonstrationen vor und verteidigte die Hochverräter und Majestätsbeleidiger. Später, nachdem das Handwerk der Demokratie nicht mehr ging, wusste er sich wieder in den Polizeidienst zu bringen und nimmt zur Schande des Kaiserstaats und zum Aerger aller ehrlichen Leute eine hohe Stellung darin ein, ja man hat sich so weit vergessen oder mit ihm eingelassen, dass man ihm sogar Orden des Landes aufgehängt hat."
"Und wie nimmt er sich jetzt gegen die Demokratie?"
"Er verfolgt sie als Renegat auf das Bitterste, obschon ich überzeugt bin, er würde gern Cartel mit uns machen, wenn wir dazu geneigt wären. Im Uebrigen erlaubt er sich jede Willkür und Dinge, die jeden Andern vor die Schranken des Kriminalgerichts bringen müssten. Man hat ihn entweder zu tief in die Karten schauen lassen oder braucht ihn zu notwendig. Wir können dabei nur gewinnen, denn sobald das monarchische System erst zu dem Grundsatz kommt, die sogenannte Treue und die Ehrenhaftigkeit und Moralität des S t a n d e s einer Nützlichkeit der P e r s o n zu opfern, untergräbt es selbst das vielgepredigte Rechtsbewusstsein im Volk, entkleidet seine Aemter und Auszeichnungen des Nimbus, und das Gewissen des Volkes fällt u n s in die hände. – Vorläufig aber müssen wir uns der Macht des Augenblicks fügen und ich bitte Sie daher, dass Sie mich in einer nicht auffallenden Weise mit Ihrem Begleiter bekannt machen und in's Gespräch bringen. Das wird vorläufig jenen irritiren und uns vor Belästigungen oder Nachfragen sichern."
Der Gesandtschafts-Cavalier hatte sich eben wieder nach dem kleinen Intermezzo zu