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Bitte, wenden Sie das Auge dort auf jenen Mann. Der Schacher ist ihm jedem zug ausgeprägt und der Mensch ein originelles Exemplar der Jobberei. Er hat immer eine Partie Uhren, Brochen, Brillanten und dergleichen zur Hand, die er förmlich als Prämie für ein Geschäft ausbietet. Sehen Sie, eben ist er wieder daran, ein Geschäft zu machen, lassen Sie uns den Spass haben, einen Augenblick näher zu treten und ihm zuzuhören."

Der alte Mann, den das charakteristische Zeichen orientalischer Schlumperei, die über den fettigen Rock heraushängenden Kragenbänder und eine fast in den Mund sich krümmende Nasenspitze kenntlich machte, hielt einen jungen Kaufmann beim Rockknopf fest. "Woll'n Se mer liefern acht Mecklenburger zu Einundvierzig en Viertel, Herr Lehmann? Wissen Se was, ich geb' Sie diese gold'ne Uhr mit de dicke Berlocks zu. Wie, Se wollen nich machen den Rebbes? Aach gut. Se sollen haben vier NordbahnKinder, Fünfundvierzig drei Viertel und diese Busennadel."

"Der Wert der beiden Pretiosen," sagte lachend der Courtier, "ist mit einem kleinen Profitchen dem der Procente gleich, um welche der Alte die Papiere höher oder niedriger schachert. Doch lassen Sie uns zu Ende kommen mit der allgemeinen Charakteristik. Die vierte Kategorie besteht aus dem Tross, der neben den beiden andern herläuft und den Vermittler und Pfuschmakler spielt: die sogenannte Coulisse, alte bankerotte Ganner und junge unverschämte Bengels von fortgejagten oder fortgelaufenen Commis, eine Rotte von Tagedieben, zu faul, um wirklich zu arbeiten, aber schlau genug, um sich hier überall aufzudrängen und täglich ein oder zwei kleine Geschäftchen zu erluchsen, die ihnen durchschnittlich vier, fünf Taler, häufig auch noch Besseres abwerfen, jedenfalls weit mehr, als der ehrliche Commis bei angestrengter Arbeit verdient. Wenn sie am Ultimo nicht zahlen können, bleiben sie eine kurze Zeit fort oder lassen sich hinauswerfen. Die Sorte ist wir die Schmeissfliegen, zu jeder List und jeder Gannerei bereit; es laufen ihrer über Hundert umher, und das Publikum muss sie täglich mit fast tausend Talern ernähren, um die ihm die Pariere verteuert werden. Zum Glück ist wenigstens unsere Börse noch ziemlich rein von dem Besuch der Privaten; das Publikum, das bereits in allen Ständen massenhaft speculirt, liegt noch in den Händen der grossen und kleinen Banquiers, und nur Wenige kommen selbst. Da ist ein Exemplar. Sehen Sie da an dem Baum links den langen schwarzgekleideten Herrn, welcher mit einem meiner Kollegen spricht?"

"Den mit der Brille? ja."

"Er ist Hauslehrer bei dem *** Gesandten. Bei der türkischen Kriegserklärung, die er von seinem Prinzipal erfahren, wagte er sich auf das Glatteis der Börse und gab mir einen Auftrag. Er gewann, indem er sein ganzes Erbteil, 400 Taler, wagte, damit das Doppelte und speculirt seitdem fortwährend, bis – – Da drüben am Gitter des Museums neben Piefke mit seinen weissen Mäusen und Inseparables, die nur zusammenleben und die er einzeln verkauft, – steht ein Bild von dem gewöhnlichen Ende solcher Privatspeculanten."

"Der Mensch in dem desolaten Aufzug, der so unverwandt hieher schaut?"

"Vor zwei Monaten noch hatte er Credit für Tausende, obschon er längst ruinirt war. Der Mann besass zwei Häuser in der Friedrichsstrasse und ein gutes Geschäft. Als der Actienschwindel bei uns begann, wollte er mit Gewalt seinen Wohlstand zu Reichtum machen und liess sich, obschon er nicht das Geringste davon verstand, mit einem Spiritusspeculanten ein. Später, um sich herauszureissen und die erlittenen Schlappen zu decken, machte er in rheinischen Actien und verlor in Zeit eines Vierteljahrs 75,000 Taler. Er ist jetzt ein Bettler, aber so auf das Börsenspiel versessen, dass er täglich wenigstens hierher kommt, um von ferne zuzusehen. Seine Familie hat jetzt oft kaum das trockene Brot."

"Solche Beispiele werden durch die entgegengesetzten aufgewogen, es fehlt gewiss auch hier nicht an Leuten, die rasch reich geworden."

"Im Gegenteil, sie schiessen wir Pilze aus der Erde und Niemand weiss oft, woher die Mittel zu der Verschwendung kommen, die sie so plötzlich entwickeln. Der Herr im grünen Reitfrack, der sich dort rechts nach Kalau drängt, – entschuldigen Sie, Sie verstehen den Kunstausdruck nicht, jener Fleck heisst bei uns Kalau, und die grosse Gesellschaft der beschriebenen dritten Kategorie, die sich dort zu postiren pflegt, heisst man Kalauer, – also jener Herr hatte, wie unsere meisten Kleiderjuden, bereits zwei Mal Bankerott gemacht, sich aber damit im Gegensatz zu ihnen völlig ruinirt, so dass er, um den Executoren zu entgehen, nirgends eine bleibende wohnung hielt. Seit vier Wochen fährt er mit einem eleganten Tilbury, nimmt im Opernhaus nur Fremdenloge, trägt täglich vier Paar strohgelbe Handschuhe und führt Signora Caspari in den Pariser Keller. Bis zu einer Tänzerin hat er es freilich noch nicht gebracht, so gern er auch den Baron spielen möchte."

"Welche Papiere haben ihn denn so plötzlich reich gemacht?"

"ReichBörsenpapiere? Beides weniger. Er ist Commissionair geworden und makelt in Rittergütern; auf die Börse kommt er nur so nebenbei."

"In Rittergütern? – ich denke, der preussische Adel conservirt sein Grundeigentum?"

"Die Gütercommissionaire sind jetzt ein coulantes Geschäft und vermehren sich täglich. Die Zeitungen wimmeln von ihren Anzeigen, in denen sie herrschaftliche Güter jeder Art und Grösse zum Verkauf anbieten, und wenn auch drei Viertel dieser Annoncen notorisch