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da die stabilen Posten dort auf den Bänken und an dem Gitter? Das sind unsere Geldfürsten oder ihre Vertreter. Das wohlbehäbige runde Gesicht dort stöhnt über die Unmasse der Geschäfte und seine ganze Arbeit besteht am Tage darin, sich zwei Stunden lang Herr-Von nennen zu lassen und die andere Zeit zu flaniren! – Sehen Sie da das Paar prächtige Waden in den eng anliegenden Beinkleidern am Gitter dort im Winkel nach dem Dome zu? Diese musculöse Kraft ohne besondere geistige Capacität ist der Börsen-Repräsentant einer unserer nobelsten Firmen, so wie jener junge jüdische Aristokrat mit den in beliebter Wastelart bis an die Achselhöhlen zurückgeschlagenen Rockpatten, die Frucht eines unserer berühmtesten jüdischen Häuser. Einstweilen lässt er sich von Minna schröpfen und der achtbare Papa dort in der Banknische an den Säulen neben ihm schlägt mit stiller Behaglichkeit die Beine übereinander, neigt den Kopf zur Seite und harrt der Coursnotirungen, wie Jeremias auf den Trümmern von Jerusalem. So einfach der Mann aussieht, sein Vermögen wird mit zwei Millionen taxirt, denn hier, Herr Graf, hat Alles seine Taxe."

"Sie erzählen pikant!"

"Journalistenmanier. Kommen wir zu der zweiten Kategorie, den kleinen Banquiers und grossen Spekulanten. Diese sind die Hauptfaiseurs der Börse, sie machen die Course und treiben einen Umsatz in Ziffern, der in's Kolossale geht. Man kann die Summen, die jetzt an der Berliner Börse umgeschlagen werden, auf durchschnittlich zwei eine halbe Million täglich rechnen. Ein teil dieser Männer macht noch Banquiergeschäfte, ein anderer teil blosse Spekulationen. Sehen Sie den grossen hagern Herrn dort mit der halben Glatze und dem verlebten Gesicht? In jeder dieser Falten sitzt eine verzehrende leidenschaft. Der Mann hat in Sachsen schon fünfmal auf Nichts gestanden und seine Spekulationen haben ihn immer wieder auf den Gipfel des Reichtums gehoben. Er kommandirt in diesem Augenblick wieder ein paarmalhunderttausend Taler, ist unser grösster BaisseSpekulant und seine polnische Maitresse holt ihn alle Nachmittage in glänzender Equipage von seinem Tummelplatze ab, bis – –"

"Es liegt etwas Unheimliches in seinen Manieren; jetzt schiesst er wie ein Stossvogel durch die Menge."

"Das ist so seine Manier, – er hat sein Opfer. Dort steht sein Gegenmannich meine jenes durchsichtig blasse Gesicht mit der eigentümlichen Farbe der Wasserleichen, denen man einen Zoll tief durch's blutlose Fleisch zu sehen wähnt."

"Das Gesicht ist interessant, das Auge scharf und voll Verstand, der Ausdruck ruhig."

"Und dennoch ist sein Besitzer voll rastloser Beweglichkeit, und es duldet ihn kaum einen Augenblick schweigend auf demselben Platz. Er ist unser bedeutendster und glücklichster Spekulant und ausgezeichnet durch ein so enormes Gedächtniss, dass er zu seinen Geschäften, obschon er ihrer täglich 50 bis 60 schliesst, nie ein Notizbuch braucht. Man fängt übrigens an auf der Börse, ihn mit einem gewissen Argwohn zu betrachten, denn er scheint fast allwissend in Betreff aller ankommenden Nachrichten, so glücklich sind seine Combinationen. Ich habe schon vorhin gegen Ihren Freund meine Besorgnisse geäussert."

"Der Herr scheint fortwährend umlagert von einem Schwarm, Alles drängt sich um ihn."

"Die ursache' werde' ich Ihnen gleich in einer weiteren Kategorie erklären. Erwähnen will ich nur noch, dass die fünfzehn oder zwanzig Mitglieder der eben bezeichneten jährlich durch ihre Spekulation sechsbis achtmalhunderttausend Taler v e r d i e n e n . "

"Die also das Publikum zahlt," bemerkte der Attaché.

"Ganz recht; und noch ärgere Blutegel sind die beiden letzten Kategorieen. Die dritte besteht zunächst aus den privilegirten Jobbern, der eigentlichen kleinen Mauschelei, welche die beiden höheren Stufen schon abgeschliffen haben. Hier findet man die kleinen Geschäfte und den jüdisch näselnden Jargon, den ausgehungerten Jobber neben dem behäbigen gemachten Geldmann, wie jenes Exemplar dort zeigt, das vorzüglich in Magdeburg-Wittenberger macht und die orientalische Abstammung durch einen wohlgehegten Schnurrbart zu cachiren sucht. Das Studium dieses Genres ist wirklich interessant. Blicken Sie einmal dortin auf den alten grauen Kerl, der so schmuzig aussieht, als käm' er aus einem Trödelladen vom Mühlendamm, und dann wieder die stattliche ruhige Figur dort, der man die höhere Intelligenz ansieht und wie sie ihre Umgebung dominirt. Der Herr dort ist der Hauptautor der berühmten Inserate der Vossischen und man hört sie täglich bei den Geschäftchen sans gêne beraten."

"Aber zu welchem Zweck, wenn man doch weiss, woher sie stammen?"

"Für's Publikum, lieber Herr; denn es gibt nichts Dümmeres, als das Publikum im Allgemeinen. Es ist eine Hammelheerde, die angeleitet werden muss, das sauer oder glücklich erworbene Geld rasch wieder los zu werden. Die Klasse der Makler und kleinen Banquiers macht nur geringe eigene Spekulationen, indem sie in die Nähe der grossen Tonangeber sich drängt, ein Wort aufschnappt und sich mit einigen Tausenden in der Spekulation beteiligt. Freilich bekommen sie dabei oft die ärgsten Ohrfeigen; denn es ist eine alte Regel, dass über kurz oder lang die kleinen Spekulanten der Börse von den grossen aufgefressen werden. Die Grossen verstehen ihr Handwerk. So wird es dem 'Börsenkönig' nicht einfallen, wenn er verkaufen will, dies auf der Börse zu tun. Im Gegenteil, dort kauft er einzelne Posten des Papiers und streut den Leuten damit Sand in die Augen, während in allen Ecken seine lange vor Beginn der Börse instruirten Agenten die wahren Geschäfte für ihn machen. Im Uebrigen zahlt ihre Existenz das Publikum durch die Courtage und die Kunst des Schneidens.