Bäumen besetzten kleinen Vorplatz nimmt täglich von zwölf bis drei Uhr eine Anzahl von mindestens 2000 Personen auf, die den grossen Handel und Geldverkehr der Hauptstadt ursprünglich vermitteln sollen zur Beförderung und Verteilung des Wohlstandes und der Industrie des Landes.
Seit den letzten drei Jahren jedoch ist das Berliner Börsenleben zu einer Pest des Landes ausgeartet, verwerflicher, hundertfach gefährlicher, als die von der öffentlichen Meinung und der Regierung geächteten Spielbanken, die nur Einzelne verderben, während die Börse auf alle Klassen demoralisirend oder die Zustände verschlimmernd wirkt.
Der frühere Börsenverkehr steht zu der jetzigen Börsenwirtschaft wie die gediegene kaufmännische Berechnung zu dem Delirium der Speculation, wie die Waare zur Ziffer, wie der Handel zum Diebstahl. Vielleicht characterisiren, wenn auch nur schwach, die nachfolgenden Crayons einigermassen dies Treiben. –
Es war Mittag gegen ein Uhr, als Graf Pisani Arm in Arm mit einem Attaché der österreichischen Gesandtschaft auf dem Vorplatze der Börse erschien und langsam durch die versammelten Gruppen wandelte, dem Treiben des Verkehrs zuschauend. Die handgreiflichen Differenz-Ausgleichungen einiger Mitglieder hatten damals noch nicht die Eintrittskarten eingeführt und jeder Fremde betrat ungenirt das Sanctuarium des Zahlenschwindels. Der Attaché war mehreren der grossen Banquiers bekannt, die ihn begrüssten und ansprachen, und wunderbar schnell verbreitete sich die Nachricht auf der Börse, dass ein Mitglied der Gesandtschaft mit einem vornehmen Fremden anwesend sei. Offenbar hatte dabei der Agent Treumund die Hand im Spiele, der alsbald bei dem erscheinen der beiden Herren sich dem Grafen anschloss und den Cicerone nachte, von Zeit zu Zeit sie verlassend und bald hier, bald dort neue Geschäfte abschliessend.
Dies Verfahren konnte nicht verfehlen, Aufmerksamkeit zu erregen, um so mehr, als bald bekannt wurde, dass die Aufträge, welche der Agent machte, über grosse Summen lauteten und die Börse ohnehin in höchster Erregung war. So eben waren die telegraphischen Depeschen des Correspondenz-Bureau's von Wien und Paris über die dortigen Course eingegangen und der Agent des Hauses Oppenheim verlas nach der getroffenen Einrichtung von einer Erhöhung dieselben mit lauter stimme. Die Boten des staates-TelegraphenBureau's durchbrachen mit Privatdepeschen suchend die Menge. Das Geschäft schien in vollem gang und die vereideten Makler wurden bestürmt mit Anmeldungen.
Der Graf mit dem Gesandschafts-Cavalier, der zu unerfahren und zu sehr Edelmann war, um so rasch zu begreifen, dass er hier zur Folie diente – hatte endlich am Eingang des Hauses einen Platz gefunden, von wo Beide das Treiben innen und aussen beobachten konnten. Der Agent stand bei ihnen.
Die Scene umher war wirklich charakteristisch und für einen Unbeteiligten an Stoff zu Beobachtungen überreich. Eine Wirrniss von Geschwätz und Geschrei – oft dem eigentümlichen Idiom einer polnischen Juden-Synagoge gleichend – lag auf dieser sich drängenden, stossenden, sammelnden und hin und her eilenden oder fest auf gewissen Stellen ansharrenden Menge, in der die gebogene oder kulpige Nase als Typus in hundert Variationen des Alters vorherrschend war. Die gewöhnliche Höflichkeit und Rücksicht grosser Gesellschaften schien aus dieser verbannt und Jeder im Schreien, Stossen und Drängen nur auf seine eigenen Zwecke Bedacht zu nehmen. Ein Notizbuch in der einen, den Bleistift in der andern Hand, mauschelnd, rufend, fragend, horchend, beteuernd und wegwerfend, die gespannteste Aufmerksamkeit in der lauschenden Miene oder mit verächtlichem Achselzucken, schmeichelnd und scheltend, kriechend und hochmütig – überall die Ohren, überall die Augen – hier ein Wort wechselnd, dort ein Opfer in den Winkel drängend, lügend und belogen, täuschend und getäuscht, jede Spannung, jede Heuchelei auf den Gesichtern, bedächtig und hastig, schnöde und freundlich, lärmend und schweigend, so wogte das Chaos der Geldintelligenz, das sich den Reichtum und die Intelligenz des Landes nennt!
"Staats1! wer kauft?"
"Zehn2! Wie steht?"
"Wer hat Cölner – Enkel3? Achtundachtzig drei Viertel? Ich kaufe."
"Herr Lion, Herr Lion, wo ist Herr Lion?"
"Franzosen4! Hundertsiebenundsiebzig ein Halb!"
"Schreiben Se mer ein, Zwanzig zum ersten. Wollen Se handeln mit Wittenberger? Herr Friedemann, brauchen Sie Rheinische Kinder?"
"Sechsundachtzig – haben Se gehört, Herr Hertel? Notiren Sie den Cours – Sechsundachtzig bezahlt5."
"hören Se zu – Meier is am Kaufen – Nordbahn und 1854er Loose, lassen Se uns eilen, sonst kommen mer zu spät."
Dazwischen schellt die Glocke als Signal um Abschluss.
"Die Zahl Ihrer grossen Kaufleute und Banquiers, die an der Börse Geschäfte machen, scheint sehr bedeutend," bemerkte der Sardinier.
"Der Schein täuscht, – von der ganzen Zahl, welche die Börse füllt, verdient kaum der vierte teil, hier zu sein. Vielleicht die Hälfte ist nicht einmal der Kaufmannschaft incorporirt und besteht aus den sogenannten 'Wilden'. Wenn es Ihnen Vergnügen macht, will ich Ihnen die Einrichtung und das Treiben unserer Börse in kurzen Worten schildern."
"Ich bitte darum."
"Man kann die Börsenleute etwa in vier Kategorieen einteilen. Zuerst die grossen Banquiers, jene Säulen des grossen Geldmarkts, die traditionelles Vermögen und Geschäfte, die eine Vergangenheit haben und einen europäischen Ruf, wie z.B. Magnus, Jüterbock, Schickler, Mendelssohn, Anhalt und Wagner, Robert Warschauer u.s.w. Diese Koryphäen des Geldmarkts machen fast nie eigene Speculationen, sie beteiligen sich an Anleihen oder sind die Commissionaire derselben. Ihre Repräsentanten erscheinen hier nur um der Gewohnheit des Hauses willen und führen nur die Geschäfte ihrer Committenten aus. Sehen sie