1855_Goedsche_156_601.txt

sehen hofften. England weigert sich demnach Polen, Ungarn und Italien zu revolutioniren und begnügt sich mit der lassen Bildung elender Fremdenlegionen, die für uns eine gute Hilfe gewesen wären, aber ein unzureichendes Mittel sind. Der Kaiser Napoleon endlich, unser Zögling und jetzt unser bitterster Gegner, hat die Maske abgeworfen, er hat die Leitung der europäischen Angelegenheiten uns aus der Hand gerissen und in der seinen concentrirt. Er weiss, dass er um die herrschaft in Europa allein mit uns zu kämpfen hat under hält die Revolution bereits unter seiner Faust, wie die Massregeln in Paris und die politischen Prozesse durch ganz Frankreich jetzt zeigen."

"Bis einer jener 'Zufälle' eintritt, welche so oft die geschichte geändert haben."

Der Graf sah seinen gefährten bedeutsam bei diesen Worten an.

"Wir wollen darauf hoffen. Unsere Stütze gegen die erschöpften und decimirten Soldaten der kriegführenden Mächte wird dann die von dem jetzigen Krieg unberührte und gekräftigte sardinische Armee sein, das wissen Sie." – Sein blick fixirte dabei den Grafen, der eine gewisse Verlegenheit nicht zu bemeistern vermochte. – "Selbst unsere geniale Finanzspeculation hat dieser Usurpator an sich gerissen. Sie wissen, dass Baron Riepéra zum Verräter geworden?"

"Ich hörte den Argwohn bei seinem Bankerott; man hat lange Nichts von ihm vernommen?"

"Er hält sich gut verborgen mit Hilfe seiner Million, die ihm damals der Coup in Wien eingetragen, aber wir erkennen in Vielem seine Hand und es ist kein Zweifel, dass er uns an Napoleon verraten hat. Die Gründung des Credit mobilier ist sein Project, die Pereire's sind seine Verwandten. Nach den achtzehnmalhunderttausend Franken, die wir bei seinem gut gespielten Fallissement verloren, sind uns wiederholt harte Schläge beigebracht worden, die beweisen, dass eine mit unseren Geldgeschäften ganz vertraute Hand dabei geholfen hat."

"Aber was kann den Baron zu dem Verrat bewogen haben?"

"So viel ich weiss, eine Lection, die er vor dem Rat des Bundes erhielt undich glaube, jener Vorgang im Landhaus der Frau von Czezani. Er war eine Memme, der dergleichen Schrecken einjagt. Doch genug von ihm, wir werden ihn zu finden wissen, trotz seines neuen Beschützers. Mein Aufentalt hier in Berlin jedoch ist nicht ohne Bezug auf seinen Verrat. Wir wollen versuchen, unsern damaligen Verlust wieder zu gewinnen."

Der Oberst horchte hoch auf.

"Sie gewannen bei unserm wiener Geschäft mit der Nachricht von der Kriegserklärung der Türkei auf Ihren Privatanteil zwanzigtausend Gulden. Ich glaube, Ihnen das Doppelte dieser Summe versprechen zu können, wenn Sie mich unterstützen wollen."

"Wie das?"

"Ich befinde mich seit drei Tagen hier, seit die Nachricht von der Almaschlacht hier bekannt ist, um den Augenblick für einen Coup abzupassen, der von uns von Wien aus dort, hier und in Paris an den Börsen vorbereitet wird. Indessich fühle mich hier genirt; irgend ein Misstrauen hat mir einen der verschmitztesten österreichischen Polizeiagenten nachgeschickt und ich sehe mich von dem Menschen auf allen Tritten und Wegen beobachtet. Er logirt dort in dem Hotel gegenüber und belauert mich. Im entscheidenden Augenblickund dieser ist heutekönnte er mir einen unangenehmen Streich spielen und aus dieser Verlegenheit zieht mich Ihre Ankunft. Sie sind durch Ihre Heirat ein Verwandter des österreichischen Gesandten geworden und es wird Ihnen ein Leichtes sein, eines der jüngeren Mitglieder der Gesandschaft zu bewegen, mit Ihnen heute die Börse zu besuchen, unter dem Vorwande, das Treiben daselbst kennen zu lernen." –

"Ich begreife aber noch nicht, was Sie eigentlich bezwecken?"

"Ueberlassen Sie mir die Ueberraschung; – die Presse ist in eine Falle gegangen, über die man Jahre lang lachen wird. Noch Eineshaben Sie Credite auf Berlin?"

"Auf Mendelssohn und Compagnie tausend dukaten."

"Das wird für Sie genügen, ausserdem garantirt leicht die österreichische Gesandtschaft Ihr Vermögen. – Wissen Sie, dass wir im Hotel noch einer bekannten, gewissermassen zu uns gehörenden Persönlichkeit begegnen?"

"Sie meinen die spanische Tänzerin, welche an jenem Abend im Salon zu Hietzing zugegen war?"

"Ja. Sie ist hierher bestellt. Sobald unsere finanzielle Aufgabe in Ordnung, werde ich sie nach Petersburg dirigiren. Wir haben zwar über Berlin Nachrichten von dort, doch scheint unser Spion hier nicht ehrliches Spiel mit uns zu treiben und das Wichtigere für Paris und London aufzusparen. Man will einen Versuch mit der verführerischen Schönheit unserer Donna an gewissen Personen machen. – Doch stillhier kommt die Gräfin!"

Die Gräfin trat in das Zimmer.

"Der Kellner des Hotels meldet den Herrn v o n T r e u m u n d – ich weiss nicht, ob Sie den Mann haben rufen lassen?"

Der Abbé fiel ein:

"Ganz recht, lieber Grafich habe mir erlaubt, ihn hierher zu bestellen, ich bitte, lassen Sie ihn eintreten."

Die Gräfin winkte nach der Tür zurück, dann wandte sie sich nochmals zu ihrem Gemahl:

"Ich beabsichtige, einen Besuch bei meiner Cousine abzustattenwerden Sie mich begleiten?"

"Ich habe Geschäfte, die mich daran hindern und werde später dem Herrn Gesandten meine Aufwartung machen."

Die Dame entfernte sich. – "Wer ist der Herr?" fragte der Graf.

"Er ist oder wird einer der gewandtesten Courtiers Berlins. Als Correspondent mehrerer französischen und deutschen Journale ist er nicht