1855_Goedsche_156_600.txt

der Bergère lehnend, eine Cigarette rauchte und mit bald hochmütigem, bald scharf beobachtendem blick seinen Gast betrachtete. Dies war die als Banquier Tomas aus Wien im Fremdenbuch verzeichnete person. – Der sorgfältig arrangirte Haarwurf verdeckte die Tonsur auf dem Scheitel und nur die spitze schlaue Physiognomie rief das Bild des kleinen hagern Abbé zurück, dem wir im Salon der Frau von Czezani in Wien begegneten.

Der Abbé oder Pseudo-Banquier sass in einem Fauteuil, halb hinter der breiten Lehne verborgen; das Manöver, sein Gesicht möglichst im Schatten zu halten, hatte ihm aber wenig genützt, denn der Graf war ein zu erfahrener Kämpe, um nicht auch seinerseits diese Vorsicht zu beobachten. So sassen die beiden Intriguanten einander gegenüber, gleich zwei gewandten, sich ihrer Kraft bewussten Gegnern, Jeder bemüht, eine Blösse des Andern zu entdecken. –

"Der Zufall oder das Glück wollten mir wohl,

Graf," sagte der Abbé, "dass ich Sie gerade jetzt in Berlin treffen musste. Man erwartete, wie ich höre, in Turin Ihre Rückkehr von London erst im nächsten monat."

Es schien ein verborgener Sinn in den Worten zu

liegen, denn der Graf nahm die Cigarette aus dem mund und warf einen raschen blick nach ihm.

"Bittewer erwartete mich?"

"EiGraf Cavour und die Brüder La Marmora!"

Der Schlag war direct und eine leichte Röte über

zog das Gesicht des Getroffenen, der unter einem erkünstelten Lächeln seinen Aerger zu verbergen suchte.

"Unsere Obern, lieber Freund," sagte er endlich,

"sind zwar immer sehr gut unterrichtet, aber seit sie gezwungen wurden, Paris zu verlassen und in den Canton Tessin überzusiedeln, scheinen sie doch einige Fäden aus der Hand verloren zu haben."

"U n s e r e Obern?" – der Abbé blickte ihn schlau

von der Seite an. – "Wir dürften also hoffen, in dem k ü n f t i g e n G e n e r a l noch immer ein eifriges Mitglied des Bundes der Unsichtbaren zu besitzen?"

Diesmal wurde der Graf dunkelrot, dennoch überging er die Pointe der Antwort und sagte möglichst unbefangen:

"Wie mögen Sie oder andere Bundesmitglieder daran zweifeln, wenn ich auch in letzterer Zeit weniger gelegenheit gehabt habe, tätig zu sein. Sie wissen so gut wie ich, wenn Sie mich auch wenigstens vorläufig nicht daran erinnern wollen, dass uns ausser unserm Eide manche Dinge der Vergangenheit unauflöslich verbinden –"

"Auch seitdemzum Beispiel: Parma und der 26. März!"

"Still um Gotteswillen! – was ich sagen will ist, dass ich unverändert der Ihre bin, so weit es meine anderweiten Verhältnisse mir gestatten."

"Die sich durch die Heirat mit der schönen Nichte des Fürsten Esterhazy allerdings bedeutend verändert haben. Wir sind gewiss nicht unbillig, lieber Graf und ehren nicht bloss das Recht der Flitterwochen, sondern selbst des Flitterjahres, tragen auch den Verhältnissen alle Rechnung und wünschen nur, dass unsere e h e m a l i g e n Mitgliederwenn sie uns nicht mehr brauchenunsere Pläne wenigstens nicht d u r c h k r e u z e n ."

"Wie meinen Sie das?"

Der Abbé schien die Frage zu überhören, wenigstens antwortete er nicht direct.

"A propos, Graf, wie hoch beläuft sich jetzt die active sardinische Armee? als jetziger Adjutant des Generals La Marmora werden Sie das genau wissen?"

Diesmal schaute der Oberst Jenen von der Seite an.

"Fünfundvierzigtausend Mann, Abbé. Seit wann beschäftigen Sie sich mit militairischer Statistik? – Doch," fuhr er, rasch zu einem andern Gegenstand übergehend, fort, "da ich mich seit zwei Monaten auf Reisen befinde, weih ich wenig von dem stand der Verbindung und bitte Sie um einige Mitteilungen."

"Sehr gern, Herr Graf, um so mehr, als ich Ihre Aufmerksamkeit doch dafür in Anspruch genommen hätte. Sie werden sich erinnern, dass am 26. März die Versammlung des Bundes in Paris gesprengt wurde und die Führer genötigt waren, wenigstens vorläufig Paris zu verlassen."

"Es war zu der Zeit, wo wir uns zuletzt in Wien trafen."

"Richtig! Sie brachten damals Ihre junge Gattin dahin zurück und machten Ihren Frieden mit der österreichischen Regierung."

Der Graf rückte unbehaglich auf dem Sessel.

"Können Sie mir das verdenken? Das ganze Vermögen meiner Frau liegt im Kaiserstaat. Ich habe in Sardinien Nichts als meinen Sold."

"O, sicher nicht, und Sie haben gesehen, wie wir es vermieden, Sie mit unsern Angelegenheiten zu behelligen. Die höchste Gewalt war damals zweifelhaft, wohin man den Rat verlegen sollte, ob nach London oder Piemont; zuletzt entschloss man sich für Tessin. Man wünschte Sardinien und Frankreich möglichst nahe zu sein. Der Tod des Bourbons in Parma hat in Ober-Italien einen tiefen Eindruck gemacht."

"Er hat uns mehr geschadet, als genützt."

"Ich weiss es. Wir unter uns können uns offen gestehen, dass wir seiter eine grosse Niederlage erlitten haben. Die jetzigen europäischen Verwickelungen sind von uns ausgegangen, indem wir bei dem allgemeinen Sturm oder der allgemeinen Erschöpfung hofften, einen durchgreifenden Schlag tun zu können. Diese Hoffnung scheint sich nicht zu verwirklichen. Zunächst hält sich Deutschland fern von dem Kampf durch die zähe Politik dieses verhassten Preussens, das wir auf Russlands Seite zu