1855_Goedsche_156_598.txt

ihr damals seinen Besuch gemacht. Er figurirte jetzt als fremder Condottiere und der rote Felsen von Helgoland gab das Echo mancher Verwünschung zurück, die betrogene Erwartung und getäuschte Hoffnung dort seinen Lockungen zu spät erschallen liessen.

Dennoch hatte die Erfüllung jenes Auftrags, so gering die Masche auch schien in dem Netze ereignissschwerer Verwickelungen, das sich über Europa spann, unberechenbare Folgen gehabt. Wenige nur ahnten und wussten, dass die preussische Residenz der Knotenpunkt einer geheimen Spionage geworden war, die ihre Nachrichten nach Paris, London und Turin, in die Heerlager der Despotie, des constitutionellen Lieberalismus und der republikanischen Propaganda verkaufte. Merkwürdigerweise war es gerade das eheliche Preussen, dessen erhabener Fürst in den politischen Wirren ein edles Bild der Festigkeit und Gerechtigkeit gegenüber den verschiedensten Verlockungen gab, wo politische Intrigue im Stillen mächtige Hebel in Bewegung setzte und den schmuzigsten Verrat verächtlicher Hausdiebe benutzte.

Wir haben bereits angedeutet, auf welche Weise über Berlin wichtige Nachrichten aus den Kreisen der angegriffenen Macht in die hände ihrer Gegner gelangten. Neben diesem Getriebe der Habsucht ging, wie gesagt, noch manches Spiel verdeckten Ehrgeizes und politischer Gegnerschaft seinen unterminirenden gang und es bedurfte in der Tat einer späteren öffentlichen Beschämung und eines blutigen Todes, um jener egoistischen Intriguenwirtschaft vor dem reinen Trone Preussen's Halt zu gebieten und ein Ende zu machen, welche zur Demoralisirung der Staaten führt und dem "Bürgerkönig" sein Exil bereitet hat. –

Seit vierundzwanzig Stunden jedoch beschäftigte der lebhafte Geist der Spanierin sich angelegentlich mit der Ankunft mehrerer interessanter Fremden, die das Hotel gewählt. drei darunter, die sie flüchtig bei der Ankunft am Tage vorher gesehen, schienen ihr nicht unbekannt und das Fremdenbuch, das der gefällige Hotelier ihr präsentirte, gab ihr wenigstens über das erste Paar Auskunft und sie erinnerte sich, den Herrn und die Dame ein Mal in Gesellschaft in Wien vor Jahresfrist gesehen zu haben: den sardinischen Obersten, Grafen P i s a n i , der, wie die Nachricht auswies, mit seiner Gattin von London kam. Der Dritte, dessen Gesicht ihr nur flüchtig bekannt schien, war ein kleiner magerer Mann mit fuchsartigem Gesicht und bereits vor zwei Tagen von Wien eingetroffen. Der Fremdenzettel nannte ihn Banquier T h o m a s .

Mehr aber als diese Persönlichkeiten, deren sie sich nur unbestimmt erinnerte, interessirte sie eine Vierte, welche die schöne Donna noch nicht zu Gesicht bekommen, obschon das ganze Hotel voll von ihren Sonderbarkeiten und dem Rufe ihres unermesslichen Reichtums schien. Es war ein noch junger russischer Bojar, den einige übermütige Streiche schon im Sommer aus Petersburg verwiesen hatten und der, da Paris und London ihm durch die Kriegsverhältnisse verboten waren, in den deutschen Bädern und Residenzen umherzog und Geld mit vollen Händen verschwendete.

Es war gegen Mittag des Tages, als die Spanierin, das Ponnygespann mit gewandter Hand lenkend, auf der Rückkehr von der Spazierfahrt vor der Tür des Hotels wieder vorfuhr und bemerkte, dass sich ein ungewöhnlicher Auftritt eben zugetragen haben musste. Mehrere der Gäste standen lachend auf der Treppe oder vor den Zimmern, zwei Constabler im Flur, und von dem Corridor des ersten Stockes hörte man eine laute stimme allerlei Verwünschungen auf Deutsch, Französisch und Russisch hervorsprudeln. Während einer der nahestehenden Herren der Tänzerin die Hand reichte, an der sie leicht aus dem Wagen sprang und die Stufen hinaufeilte, kam ein junges hübsches Mädchen in einfacher, aber netter Kleidung ihr entgegen, das Gesicht freudestrahlend, obschon auf den jugendlichen Wangen noch die Spuren von Tränen zu sehen waren. Ihre Hand hielt eine kleine Brieftasche sorgfältig wie einen Schatz und damit wollte sie hastig aus der Tür eilen, als einer der Constabler sie rauh am arme fasste.

"Halt, Mamsell, Sie gehen mit uns!"

"Lassen Sie die Dirne zum Henker laufen," sagte unwillig eine stimme hinter dem Mädchen, "und kommen Sie fort. Der Russe ist ein Narr mit seinem Gelde und wenn unsere Berliner Loretten davon hören, stürmen sie Ihr Hotel."

Der Wirt, zu dem der Beamte, der ziemlich verdriesslich aussah, die letzten Worte sagte, lächelte etwas spöttisch, schwieg jedoch mit dem Tact des klugen Mannes, der es mit der Polizei nicht gern verdirbt, und führte die Spanierin die Treppe hinauf; von deren Höhe aber übernahm die schon früher gehörte scheltende stimme die Antwort.

"Wenn ich mich von der Polizei belästigen lassen wollte, Skotina!" schalt dieselbe, "dann konnte ich in Russland bleiben. Zum Henker mit solcher Quälerei, ich mag von Ihrem Berlin Nichts mehr wissen; Herr Wirt, schicken Sie mir meine Rechnung! ich reise in einer Stunde."

Der Hotelier liess erschrocken die Tänzerin stehen und sprang zu dem reichen Gast.

"Euer Durchlaucht werden mich doch die Ungeschicklichkeit der Polizei nicht entgelten lassen? Der gnädige Herr haben in Berlin noch so viel zu schauenund sehen Sie da, eben kommt eine seiner interessantesten Erscheinungen, die spanische Donna, von der ich Ihnen schon gesprochen."

Der Bojar wandte sich zur Seite und kniff das Lorgnon in's Auge. Die Tänzerin stand vor ihm und betrachtete den schönen Mann mit feurigem festem blick. Im Moment verschwand das brüske, übermütige Wesen des Russen, er machte eine höfliche Verbeugung indem er zurücktrat und die Spanierin vorüberrauschte. Seine Hand hielt den Wirt, der ihr folgen wollte, einen Augenblick zurück. – "Dinirt die Donna an Ihrer Table-d'hôte?"

"Zuweilen, Durchlaucht, ich glaube, dass sie es heute tun