Boot immer weiter auf die Höhe des Meeres trieb. Mit Geschick wich die Türkin den dunklen Schiffskolossen aus, die, an den von ferne leuchtenden Gaffellaternen kenntlich, weitin das Meer bedeckten. Endlich löste sie das Tau, welches das Segel hielt, hob den Baum aus seiner Fuge und warf ihn über die Seite des Bootes.
"Um der Heiligen willen, was tust Du?"
Er war aufgesprungen und haschte mit den gefesselten Händen nach der dahin treibenden Leinwand.
"bleibe auf Deinem Platz, Nicolas Grivas," sagte ruhig das Mädchen, "das Segel würde uns verraten, wenn wir an jenen Schiffen vorüber kommen. Die Ruder werden genügen."
"Aber es ist Zeit, Fatinitza, dass wir wenden. Wir sind auf der Höhe der See und der Eingang der Bucht ist fast eine Stunde ostwärts von uns entfernt. Wenn wir nicht eilen, bricht der Tag herauf und wir wären verloren."
Ein Plätschern, – der Fall beider Ruder in's wasser antwortete ihm.
"Wir sind es, Nicolas Grivas – wir sind auf der Höhe von Sebastopol – ich habe gehalten, was ich Dir versprach. Jetzt, Nicolas Grivas, der Du über den See von Skadar schwammst, um Fatinitza zu entfliehen – versuche Deine Kraft, um Dein Ziel zu erreichen."
"Wahnsinnige – selbst wenn diese arme nicht gefesselt wären, vermöchte ich nicht den dritten teil dieser Entfernung zurück zu legen."
"Es ist eine Sage in Deinem Volk, von der Du mir selbst erzählt hast im Kiosk am See und in den goldenen Gemächern des Harems meines Vaters, dass ein Grieche zu der Geliebten schwamm über die Gewässer, die dieses Meer mit dem Deiner Heimat verbinden. Abydos nennt man die Stelle, wenn mein Gedächtniss Deine Worte behalten. Was Deine Väter um der Liebe zu einem weib willen vermochten, wird ein Grieche doch tun, um die Verratene zu verlassen."
Ein finsterer Hohn lag in den Worten, – er achtete nicht auf ihn, – aufrecht stehend im Boot verfolgten seine Augen die auf den Wogen davon schaukelnden Ruder, die er in der Dämmerung noch zu erkennen vermochte, welche sich im Osten über die Felswände von Sebastopol zu erheben begann.
"Fatinitza – rasch, rasch – löse diesen Strick von meinen Händen, dass ich den Rudern nachschwimmen und sie zurückholen kann!"
Er streckte ihr die hände entgegen, während sein Auge nicht die Ruderstangen verliess, an deren Wiedergewinn ihre Rettung hing; noch hatte seine Seele nicht die furchtbare Absicht des Mädchens begriffen.
"Tor – denke an Dein Leben – nicht an jene gebrechlichen Ruder; dort ist Sebastopol, Nicolas Grivas – und hier werden wir sterben!"
Er starrte sie an, wild, verworren – wäre ihm der Tod gekommen im Schlachtgewühl von ihrer Hand, – hätte sie ihn erschlagen, als er gefangen vor ihr lag – er hätte ihr Recht begriffen und wäre mutig gestorben. Jetzt aber, hier, so nahe dem Ziel, in dem Glauben gerettet, frei zu sein, bäumten alle Pulse des Lebens in ihm gegen das Gespenst des Sterbens sich auf, das in den Worten der Wölfin vor ihm empor stieg.
"Du bist der Letzte von den Söhnen des Isauri," fuhr das Weib fort, "die den Leib der Tochter Selims geschaut und berührt? – Jene Frechen, denen Dein Verrat mich vorwarf gleich der Beute den wilden Tieren des Waldes, sind gestorben von dieser Hand, wie ich es geschworen in jener Stunde. Dich hat Fatinitza geliebt, darum bist Du der Letzte und magst sterben in Frieden mit Deinem Gott!" –
Ihre hände zogen die beiden Pistolen aus dem Gürtel und spannten die Hähne.
"Tigerin – Du willst mich kaltblütig morden?"
Er sprang auf sie zu, doch im Nu richtete die riesige Dogge vor ihm sich auf und legte drohend die Pfoten auf seine Schultern, Fatinitza aber lächelte verächtlich.
"Nicht meine Hand soll den Tod Dir geben, Hellene, der Gott unserer Väter richte über uns Beide."
Und die Läufe der Pistolen auf den Boden des Bootes richtend, wo die Fugen der Hölzer sich zusammenbinden, berührten ihre Finger die Drücker und die Kugeln schlugen dicht neben einander ein Loch, durch das im Augenblick das wasser hereinquoll.
"Halte ihn, Scheitan!"
Sie warf die Pistolen über Bord und erweiterte mit drei kräftigen Stössen ihres Handjars die Oeffnung – und dann fiel die letzte Waffe in's Meer.
"Fatinitza, halt' ein – Du bereitest Deinen eigenen Tod!"
Auf der bleichen Stirn des Türkenmädchens, um die frei von den Schleiern der Morgenwind die dunklen Flechten trieb, lag die Majestät der Opferung.
"Der Mann, der in meinen Armen geruht im warmen Leben, wird darin liegen auch in jener Tiefe. Der Tod sühnt Deinen Verrat und Fatinitza wird sterben mit Dir!"
Er fiel auf die Kniee, er presste die gefesselten hände vor die Augen, während Liebe, Reue, Verzweiflung und Schrecken seine Seele bestürmten, – dann wieder sprang er empor und schaute wild umher auf das Weib im Spiegel des Bootes, das jetzt ein Spiel der Wellen dahin trieb, – auf die Wasserwüste umher – auf Himmel und Land; – seine hände wanden sich verzweifelnd gegen die Bande, die sie fesselten, und seine Blicke begegneten voll Angst und Wut den traurigen Augen des Mädchens.
über die Felsenhöhen von Sebastopol, das etwa eine halbe Meile entfernt lag, zog