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Haupt."

"Dein Bild, Fatinitza, hat mich aus dem land meiner Väter über Land und Meer gejagt!"

"Sie liebte ihnund er stiess den Dolch des Undanks und der Schande zwei Mal in ihre Brust! Sie liebte ihn und gab ihr Leben für ihn, und er erschlug ihr den Vater und warf ihren Leib, der sein eigen geworden, den Lüsten seiner Krieger vor! – FluchFluchdreifacher Fluch über Dich, Nicolas Grivas! die Stunde ist da, es ist Zeit, unsere Rechnung zu schliessen!"

Stummlautloslag er vor ihr im Staube.

"Du musst nach Sebastopol, Nicolas Grivas?" fragte plötzlich die Türkin.

"Lass mich dort hin, oder tödte mich zur Stelle! Meine Ehre ist verpfändet."

Sie blickte kalt und ruhig auf ihn herunter und ein leichter Hohn zuckte um ihren Mund. "Ich will Deine Bande durchschneiden, wandere durch die Gebirge zu der Stadt Deiner Freundeauf Dein Haupt komme die Gefahr."

Sie bückte sich und hatte, ehe er es noch bemerken konnte, die Fessel an seinen Füssen durchschnitten.

"GehDu bist frei!"

Er versuchte aufzustehen, aber taumelte; die Stricke hatten seine Füsse so fest zusammengeschnürt, dass sie ohne Empfindung waren. Auch fühlte er, dass der Schlag des Lanzenschafts, der ihn zu Boden gestreckt, seinen Kopf noch immer betäubte.

"Allmächtiger Gottich kann nicht! Wie vermöchte ich Sebastopol zu erreichen ohne Pferdohne Mittel durch die Schaaren der Deinen zu dringen!"

Wiederum stand sie vor ihm mit gefalteten Armen und schaute mit Hohn auf den Griechen.

"Nicolas Grivasdie Geschändete, Verfluchte will Dich bis vor den Ort bringen, wohin Du verlangst, wenn Du ihr folgen willstsie will Dich zur Stelle führen, noch ehe der erste Morgenstrahl über jene Gebirge dämmert. Willst Du ihr folgen?"

"FatinitzaRetterin in der NotDu giebst mir doppelt das Leben zurück!"

"So harre meiner hierindess ich die Vorbereitungen treffe. Zu dem Ziel, das wir zusammen erreichen wollen, liegt dort der Weg!"

Ihre Hand deutete nach dem Meerdann glitt sie gewandt und leicht den Abhang hinunter und war im Augenblick verschwunden.

Der junge Mann hatte sie begriffen. Konnte er an der Küste hin in einem Boot den Eingang der Bai von Sebastopol oder eines der Forts erreichen, und das konnte in zwei, höchstens drei Stunden geschehenso war keine Zeit verloren, sein Auftrag erfüllt und die Armee der Feinde in den Schluchten der Tschernaja verloren.

Es verging eine Viertelstunde, die dem jungen Mann zur Ewigkeit wurde. Er versuchte auf dem Felsplateau hin und her zu gehen, doch wenn er sich dem Abhang näherte, an dem Fatinitza verschwunden war, fand er Scheitan, den Molosserhund, ihm den Weg versperrend.

Endlich erschien die Türkin wieder und winkte ihm schweigend zu folgen. Sie führte ihn hinunter zum Strand, der einsam und verlassen war und in dem in einer Buchtung des Flusses ein Ruderboot schaukelte. Der kleine Mast war eingesetzt, leicht flatterte das Segel daran im Nachtwind.

"Steig' ein, Nicolas Grivas," sagte das Mädchen, "unsere Zeit ist gemessen."

Er hielt ihr die noch gefesselten hände entgegen.

"Willst Du die Bande nicht lösen, Fatinitza? – ich verstehe mich auf das Rudern."

Sie neigte verneinend das Haupt.

"Du bist der Feind meines Volkes und ich ein Weib und allein. Am See von Skadar hat mein Ruder mich oft zu Dir getragen, als Du verwundet lagst im Kiosk unter den Myrtengebüschendiese Hand ist stark genug, uns auch jetzt durch die Brandung zu führen."

Auf ihren Wink nahm er im Vorderteile des Bootes Platz, während sie die Ruder ergriff. Scheitan, der Hund, hockte am Segelbaum, zwischen ihm und ihr, mit klugem Auge den Gefangenen bewachend und zuweilen seine Füsse leckend, dann aber wieder, wenn er eine Bewegung machte, sich zu nähern, das scharfe weisse Gebiss gegen ihn fletschend. Mit kräftiger Hand nahm die Türkin das Ruder, – so stiessen sie hinaus in die schäumende Brandung.

Mit den rückprallenden Wellen schoss das Boot über den weissen Rand dahin und befand sich nach wenigen Minuten im verhältnissmässig ruhigen wasser. Eine frische Brise wehte jetzt gegen Morgen von Nord-Osten her, und die Türkin legte die Ruder nieder, spannte das Segel und setzte sich an das Steuer. So sassen sie an beiden Schiffsenden einander gegenüber, während das Boot wie ein gespornter Renner durch die Wogen dahin flog, hinein in Nacht und Meer.

"Du entfernst Dich zu weit vom land, Fatinitza," sagte der Grieche, "wir werden sicherer sein im Schutz des Ufers, als auf der freien See."

Das Weib lachteaber dies lachen klang heiser und wild.

"Ich habe versprochen, Dich nach Sebastopol zu führen; den Weg überlass mir. Am Ufer kreuzen die Kähne, welche die Franken zu ihren Schiffen führen. Die Mündung des Bjelbek, wo unsere Krieger lagern, ist belebt von den feuerschnaubenden Booten der Isauri's."

Der Grund schien genügend. In der Tat sah man in den Schatten des Ufers den Feuerschein mehrerer kleiner Dampfschiffe, welche dort kreuzten und zwischen der Flotte und dem land hin und herglitten. Dennoch konnte der Grieche sich einer unbestimmten Angst nicht entschlagen, als das