"Ich – folge Dir!"
"Dieser Sclave könnte Dir gefährlich werden, wenn Du allein bist. Lass einige Deiner Krieger bei Dir bleiben."
Das Weib lächelte verächtlich.
"Bin ich Fatinitza oder nicht? Ueberdies ist Scheitan bei mir – doch hegst Du Besorgniss, so lasse fünf meiner Albanesen dort unten auf mich harren, dass sie den Knall meiner Pistole hören können, ohne dass ihr Auge mich zu bespähen vermag. Emir Abdallah, geh' – und der Prophet begleite Dich."
Der Araber schwenkte die Hand zum Zeichen seines Gehorsames und seines Grusses, dann wandte er sein Pferd und galoppirte davon.
Jetzt wusste Nicolas, dass er mit Fatinitza allein war! – –
Nach einer Pause von einigen Minuten wurde das Tuch von seinem haupt entfernt. Er erhob sich auf die Knie und schaute um sich.
Es mochte nahe an Mitternacht sein nach dem stand der Sterne, die bleiche schmale Sichel des Neumonds erhob sich eben über die Gebirge im Osten und warf ihr gespenstiges Licht über Fels und Meer.
Das Letztere brandete in weissem Schaum zu seinen Füssen Er fand sich auf hohem Felsenufer am Ausfluss der Katscha – kaum drei Schritt von ihm entfernt fiel die Klippe fast senkrecht zum Meere hinab.
Er wandte sein Auge nach der andern Seite, – dort stand die schlanke Gestalt des Weibes, das ihn einst so heiss geliebt, und der Nachtwind spielte mit ihren weiten dunklen Gewändern, und der bleiche Mondstrahl lag auf ihrem noch bleicheren Gesicht, von dem sie den Yaschmak aus schwarzen Schleiern abgerissen. So stand sie, die arme gekreuzt, das dunkle dämonische Auge auf ihn gerichtet, und zu ihren Füssen kauerte Scheitan, der riesige Molosserhund.
"Fatinitza!"
Der Name entfloh seiner keuchenden Brust, – ein Klang der alten Liebe, – die Angst – das Grauen mischten sich in den Ruf.
Die Türkin neigte verächtlich den Kopf.
"Du irrst, Nicolas Grivas – nicht Fatinitza, die Wölfin von Skadar, steht vor Dir – sie starb im Turme von Protopapas – die R ä c h e r i n ist es, wie jene Franken sie nennen, die vor Dir steht."
"Fatinitza, höre mich an ..."
"Zwei Mal, Nicolas Grivas, habe ich Dich gewarnt, in den Kreis meiner Augen zu treten. Das erste Mal in jener Kula an den Leichen Deiner gefährten, – das zweite Mal in Varna, als Du verkleidet standst unter Tausenden der Meinen. Jetzt kommst Du zum dritten Mal in den Bereich meines Atems – Du musst sterben!"
"Höre mich, Fatinitza," sagte mit milder stimme der junge Mann, "ich bin nicht feig, ich fürchte den Tod nicht, und er soll mir willkommen sein von Deiner Hand, die ich schwer gekränkt, die um mich gelitten, obschon – so wahr ein Gott über uns ist in dieser Stunde – ich nach Glaube und Pflicht nicht anders handeln konnte. Ich will sterben, aber ich flehe Dich zuvor um Eines – bei der Wonne, die ich einst an Deinem Herzen getrunken – bei den Tagen voll Glück, die ich an Deiner Seite verlebt – bei Deiner Liebe zu mir, deren Gedächtniss keine Schmach und Rache verlöscht in dem klopfenden Herzen – um Eines flehe ich Dich – –"
Das Weib sah ihn starr an.
"Was willst Du von mir?"
"Meine Ehre ist verpfändet, mein Name gebrandmarkt, wenn ich diese Nacht nicht Sebastopol erreiche. Noch ist es Zeit – noch kann die verdoppelte Eile das Versäumte ersetzen – Weib – Teufel – Dämon – Ewiggeliebte – sende mich nach Sebastopol, und ich schwöre Dir bei meinem Seelenheil, ich stelle mich morgen Dir freiwillig als Dein Opfer."
Er rutschte auf den Knieen zu ihr, er streckte die gefesselten hände zu ihr empor, er lag vor ihr – verzweifelnd, flehend – von dem Hauch ihres Mundes Gewährung heischend – der kräftige Mann ein verächtliches Rohr in der Hand des Weibes, der Staub unter ihrer Sohle.
"Denkst Du an den Turm von Skadar, Nicolas Grivas, und wie Fatinitza's Liebe Dich aus Deinem Kerker geholt?"
Er beugte das Haupt:
"Ich gedenke dessen, o Fatinitza!"
"Als die Kugeln sausten und die Schwerter blitzten vor der Kula des Popowitsch Gradjani – gedenkst Du der Stunde, als die Wölfin von Skadar, die Tochter des Propheten, den Feind ihres Volkes und ihres Glaubens aus den Armen Azraëls gerettet, des Todesengels und geführt zu der Insel im See?"
"Barmherzigkeit, Weib – mit Flammenschrift ist es eingegraben in diesem Herzen!"
"Kennt Grivas, der Grieche, den Kiosk am See von Skadar, wo Fatinitza seine Wunden geheilt? die dunklen Wellen des See's, auf denen der Verräter einst geflohen und die das geheimnis zu wahren jetzt über den Leichen der drei Sclaven fluten, die den Kranken bedient im Kiosk!?"
Nur das Stöhnen des Mannes antwortete ihr.
"Wie der Pelikan mit seinem Herzblut das Junge nährt," fuhr die Türkin eintönig fort, "also nährte Fatinitza an ihrem Herzen die Schlange, deren Gift sie verderben sollte. Tausend Eide schwor er ihr, während sie mit Gefahr ihres Lebens den greifen Vater hinterging und seinen Bitten trotzte; – und als die Stunde der Prüfung gekommen, da warf er sie fort wie ein geknicktes Rohr und floh zu seinen Freunden und lud den Fluch und den Tod des Vaters auf ihr verbrecherisches