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wenden; dies Manöver wiederholte der Sohn der Wüste einige Male, und ehe sich's der Grieche versah, war er ganz von seinem Wege entfernt und in einen weiten Kreis seiner Verfolger zurückgedrängt.

Vergebens kämpfte das mutige Steppenpferd um den Sieg, von allen Seiten tauchten die Gegner empor und sprengten gegen den jungen Mann. Noch einen Versuch machte er, das Gebirge zu gewinnen, indem er durch den Ring hindurch zu brechen versuchte und sein Pistol auf den Araber abschoss, der sich ihm entgegenwarfim nächsten Augenblick aber sah er einen weissen Burnus, ein weisses Ross an sich vorüberschiessen, eine Lanze wirbelte, von kräftiger Hand geschwungen, durch die Luft und traf ihn mit so grosser Gewalt, dass er bewusstlos vom Pferde stürzte. ––––––––––––––––––––––––––––

Als Nicolas Grivas wieder zu sich kam, empfand er durch die Art seiner Lage und der Bewegung, dass er über ein Pferd geworfen, von diesem fortgetragen wurde. Seine hände und Füsse waren gebunden, sein Kopf mit einem Tuche bedeckt, so dass er nicht sehen und selbst nur mit Mühe atmen konnte. Dennoch fühlte er an dem schärfern Hauch des Seewindes, dass der Zug, der sich stumm und rasch vorwärts bewegte, seine Richtung nach dem Gestade des Meeres nahm.

Die Verzweiflung des jungen Mannes war gränzenloszu seiner Ehre müssen wir sagen, dass die Vereitelung seines wichtigen Auftrags, welcher die Rettung Sebastopols, die Vernichtung der alliirten Armee in sich schloss, ihn tiefer bewegte, als die eigene persönliche Gefahr. Dennoch war auch diese nicht gering, er kannte den charakter und die Energie des wilden Türkenmädchens und machte sich bereit, zu sterben.

Das vermehrte Geräusch von Pferden und der Ton von Stimmen, die sich unterredeten, benachrichtigte ihn, dass der Trupp sich einer grossen Schaar angeschlossen hatte. So ging es noch eine kurze Strecke weiter, dann machte der Zug plötzlich Halt und er wurde hart, gleich einer leblosen Masse, auf den Felsboden geworfen.

Einige Augenblicke noch dauerte das Geräusch fort, dann entfernten sich die Reiter, doch fühlte er, dass der Hund in seiner Nähe geblieben war. Vergeblich blieben all' seine Anstrengungen, seine hände zu befreien und die Hülle von seinem Gesicht zu entfernen, die Bande waren fest und nach mehreren Versuchen ergab er sich in sein Schicksal.

Zwei Stimmen in seiner Nähe unterredeten sich, er erkannte die klaren scharfen Töne des Weibes, dessen Vertrauen er getäuscht, in dessen Händen er sich jetzt befand, und die tiefe wohllautende Gutturalsprache des jungen arabischen Scheiks.

"Was willst Du mit dem verachteten Dschaur tun, Tochter des Propheten?" hörte er den jungen Krieger sagen. "Bei der schwarzen Kaba von Mekka! lass' mich einen Stoss mit dieser Klinge nach dem Herzen des Moskows tun und er hat, was ihm gebührt. Der Aga des grossen Frankenmuschirs hat uns den Befehl gebracht, vorwärts zu gehen und wir müssen ihm gehorchen!"

"Geh'! ich halte Dich nicht!"

Die Worte des Arabers hatten dem Griechen gezeigt, dass die Wölfin von Skadar das geheimnis seiner person bewahrt, und frische Lebenshoffnung schwellte auf's Neue seine Brust.

"Ich kann Dich nicht hier zurücklassen am Strande des tückischen Meeres, blutige Blume von Skadar," sagte der Emir. "Deine Männer harren auf Deinen Befehl, dass Du sie gegen die Ungläubigen führstGehorsam ist die Zierde des Kriegers und die Fahne des Propheten ist entfaltet. Lass' uns den Mann tödten und weiterziehen."

"Kennst Du diesen Ring, Emir Abdallah Ben Zarujah?"

"Mashallah! bei dem Bart meines Vaters, dessen Gebeine in der Wüste von Yemen ruhen, – wie sollte ich ihn nicht kennen? Er ist ein Talisman meines Stammes und ich gab ihn Dir für Eidunih, mein Lieblingspferd, unter dem Feigenbaume von Dervendzista. Jedes Glied des Stammes der Zarujah wird gleich dem Blinden dem Willen Dessen gehorchen, der diesen Ring ihm zeigt."

"Wohl, Emir Abdallahso gehorche Du selbst und löse mit diesem Gehorsam den Ring aus, den meine Hand Dir hier zurückgiebt."

Der Araber, den Ueberlieferungen seines Volkes getreu, beugte sein Haupt, indem er den Talisman aus den Händen des Mädchens nahm.

"Was befiehlst Du, dass ich tue?"

"Dieser Mann ist Dein Gefangener, Deine Lanze warf ihn vom Pferde. Gieb mir ihn und das Recht über sein Leben."

"Der schmuzige Moskow ist ein schlechtes Geschenknimm ihn und tue mit ihm, wie Dir gefällt. Bei dem Sarge des Propheten, der zwischen Himmel und Erde schwebt, – was kann der fremde Mann Dich kümmern?"

"Emir Abdallah," sagte das Mädchen mit tiefem Ton, – "das Geschäft mit diesem Mann ist mein. Du hast mir Gutes erwiesen, als Asche auf meinem haupt und der Fluch meines Vaters über mir war. Möge er in den Freuden des Paradieses wandeln! Du hast Dein Antlitz mir freundlich zugekehrt, als wir uns wiederfanden auf den Schiffen, die uns von Varna an dies Gestade führten, und Fatinitza, Selim's Tochter, ist Deine Schuldnerin. Jetzt, bei der Mutter, die Dich gebar, höre meine Bitte: besteige Dein Ross Eidunih und führe Deine Schaar und die meine, wohin uns geboten ist. Das Geschäft, das ich mit diesem Gefangenen habe, duldet keine Zeugen."

Der Emir bestieg schweigend sein Pferd.

"Du wirst uns folgen, schwarze Rose des Epirus?"