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russischen Grusses. Einen Moment lang streifte verstehend sein blick das feste, klare Auge des Greises, dann folgte er dem General aus dem Zelt.

Der kranke Marschall erhob sich mühsam und mit Unterstützung des Arztes in sitzende Stellung.

"So ist es denn beschlossen, wir gehen nach der Südseite, und ich schlage Ihnen vor, um Mitternacht aufzubrechen," sagte er mit Anstrengung seiner stimme. "Es wird nötig sein, dass ein teil der Armee hier zurückbleibt, um die Russen über unsere Bewegung zu täuschen und sich hier mit allem Gepäck einzuschiffen. Ich werde den Zug mit Ihnen machen, meine Herrenaberich fühle bei aller Anstrengung, dass ich nicht im stand sein werde, den Pflichten meines Commando's zu entsprechen und bin gezwungen, eseinstweilen niederzulegen. Ich schlage Ihnen – – –"

Der General an seiner Seite, der vorhin den Pass unterzeichnet hatte, legte leise die Hand auf seinen Arm.

"Erlauben Sie, Herr Marschall, dass ich Sie unterbreche," sagte er aufstehend. "Seine Majestät der Kaiser Napoleon hat in weisem Vorbedacht eines so unglücklichen Falles, der uns Ihrer Führung beraubt, die Gnade gehabt, mich unverdienter Weise mit dem Oberbefehl der Armee zu beauftragen."

"Sie haben also eine geheime Ordre, General C a n r o b e r t ? " fragte der Kranke heftig.

"Einen Kaiserlichen Handbefehl," entgegnete der General, indem er ein Papier aus seinem Portefeuille nahm und auf den Tisch legte. "Hier ist er."

Der Marschall griff krampfhaft danach und sah das Dokument einige Augenblicke an, dann schweifte sein blick zu dem Prinzen hin, während seine schlaffen Mienen eine gewaltige Anstrengung sich zu beherrschen ausdrückten.

"Parbleu!" flüsterte er mit halb erstickter stimme. "Ihr Oheim, Monseigneur, ist ein vorsichtiger Herr!" Er sank in die Kissen zurück.

"Mein Gott!" rief der Herzog von Cambridge, "der Herr Marschall ist ohnmächtig!"

Während sich der Arzt mit dem Kranken beschäftigte, wandte sich General Canrobert mit höflicher Verbeugung zu dem britischen Oberbefehlshaber:

"Wenn es Ihnen gefällig ist, Mylord, treffen wir sogleich die Bestimmungen und Anstalten für den Aufbruch der Armee."

Der junge Grieche hatte vollkommen die Worte seines greifen gefährten begriffen und den Grund, aus welchem er ihm sein eigenes Pferd zuwies. Er musste dasselbe sogleich bei seinem Austritt aus dem Zelt besteigen und unter Begleitung eines Offiziers der Spahi's seinen Weg antreten. Obschon er mit dem land selbst wenig bekannt war, hoffte er doch bald, wenn er erst aus dem Bereich der Postenkette der alliirten Armee war, auf einen russischen Posten oder wenigstens auf Eingeborne zu stossen, die im stand wären, ihm den Weg zu zeigen. Auf die vom Tabuntschik ihm gerühmten Eigenschaften des Steppenpferdes vertrauend, berechnete er, dass selbst von jenseits der Katscha ein scharfer Ritt ihn um Mitternacht nach Sebastopol bringen konnte. Wohl dachte er daran, sich schon früher seines in echt französischer Manier schwatzenden und ihn ziemlich verächtlich behandelnden Begleiters zu entledigen, und es hätte ihm auch keineswegs an Mut zum Versuch der Tat gefehlt, doch lehrte ihn ein blick auf die kriegerische gewandte Gestalt und Haltung des afrikanischen Cavalleristen, dass er keinen geringen Gegner zu bekämpfen haben würde, und er überlegte, dass ein Missglücken des Versuchs, ja selbst ein unberechenbarer Zufall beim Siege einen der zahlreich umher verstreuten und auf der Strasse nach Eupatoria hin- und herpassirenden Trupps feindlicher Krieger herbeiführen und die Ausführung seiner wichtigen Mission verhindern konnte. Er fühlte, dass nur kaltes Blut und List ihm helfen müsse, und dass sein Leben der Aufgabe gehöre, der er sich gewidmet hatte.

Der Abend dunkelte bereits, als sie die Katscha überschritten hatten. Hier erklärte der Grieche seinem Begleiter, dass er sich zur Erreichung seines Zweckes rechts auf die Strasse nach Aramkoi wenden müsse, und da der Offizier nur Ordre hatte, ihn über den Fluss hinaus zu bringen, auch an dem schweigsamen Mann wenig Gefallen fand, übergab er ihn einer türkischen Patrouille, die ihn bis über die äussersten Linien der Vedetten nach Osten hin bringen sollte und wandte sein Pferd zur Rückkehr.

Nicolas Grivas, indem er neben seinen neuen Begleitern herritt, bemerkte, dass er hier im Bereich der türkischen Reserven war, die zum teil noch an der Alma lagerten. An zwei Stellen musste er den Passirschein des Generals vorzeigen, und obschon die türkischen Offiziere, die ihn anhielten, kein Wort davon lesen konnten, hielt der französische Adler auf dem Papier sie doch in Respekt und man sandte den Reiter von Posten zu Posten weiter.

Es war ein grosses Bergplateau, auf dem, nach der Aussage des ihn begleitenden On-Baschi's, der letzte Reiterposten der Türken stand und mit ungeduldig klopfendem Herzen sah Nicolas Grivas ihn jetzt vor sich.

Es war einer jener milden September-Abende, die in der gemässigten Zone überall schön, in diesen Himmelsbreiten etwas unbeschreiblich Köstliches haben. Von dem hohen Bergplateau aus überflog der blick den im Sternengefunkel, jener so eigentümlich prächtigen Erscheinung der Südländer, ruhenden unendlichen Meeresspiegel, an dessen fernem Horizont noch einzelne jener rot violetten und bläulichen Farbentöne auftauchten, die den Sonnenuntergang begleitet hatten, Farben, wie wir sie im Norden niemals auf Himmel und Erde schauen. Im Westen des Plateau's erhoben die Bergketten, in deren Mitte die alte Tartarenhauptstadt liegt, ihre dunklen Wände, – der Duft des Tymian und Lavendels, welcher den Boden