1855_Goedsche_156_587.txt

g l a n eben, "kann hier nicht entscheiden, Sie müssen wissen, Herr Marschall, wie weit Sie den Nachrichten, die der Kaiser Ihnen sendet, trauen können. Wir stehen hier vor den Forts und ich kann mich von dem Gedanken nicht trennen, dass ein rascher Angriff von der Landund Seeseite die Sache zur Entscheidung führen würde."

"Die Nordforts sind stark, Mylord," sagte der französische Oberkommandant mit matter stimme, "wir würden unsere Truppen vergeblich opfern, wenn wir nicht erst durch schweres Belagerungsgeschütz Bresche gelegt. – Unser Spion in Berlin scheint vortrefflich unterrichtet; wir haben es in der Zahl der Truppen gesehen, die uns an der Alma gegenüber standen."

Der Herzog von C a m b r i d g e nahm ein Papier vom Tisch. "Die Depesche ist so verteufelt kurz, dass sie nur wenig Anhalt bietet. 'Der Angriff ist auf die Südseite zu verlegenzuverlässige Nachrichten über Berlin melden, dass dort die Schwäche der Festung ist. Napoleon.' – Voilà tout."

In diesem Augenblick beugte sich Lord Cardigan über den Tisch und sagte einige Worte. Aller Augen wandten sich nach dem Eingang des Zeltes, wo der Greis ruhig und anscheinend teilnahmlos stand.

Der dicke Prinz N a p o l e o n klemmte das Lorgnon in's Auge.

"Ist das Ihr Gefangener, der Französisch spricht, Mylord Cardigan?"

"Er ist es, Kaiserliche Hoheit, und ein so vorzügliches Französisch, wie Sie nur in den Salons von Paris hören können."

"Ah, diese Russen sprechen alle sehr gut die Sprache der civilisirten Welt. Aber der Kerl dort sieht mir keineswegs aus, als gehörte er zu den bevorzugten Ständen."

"Treten Sie näher, Mann," sagte der General B o s q u e t rauh. "Wir haben keine Zeit zu Betrachtungen, sondern wollen ihn befragen. Wollen die Herren es vielleicht tun, deren Gefangener er ist?"

Lord Raglan antwortete höflich ablehnend mit einer Handbewegung, und der französische General wandte sich sogleich wieder zu dem Rosshirten, der unbefangen durch den Kreis der glänzenden Offiziere bis zu dem Tisch getreten war.

"Wie heisst Ihr, Freund, und was seid Ihr?"

"Michael der Tabuntschik, General; wenn Sie den russischen Ausdruck nicht verstehen, ein Rosszüchter und Rosshändler."

"Seid Ihr hier zu haus? Es ist seltsam, dass Ihr bei Eurem niedern stand so fertig Französisch sprecht."

"Ich bin ein Franzose, wie Sie, General!"

"Diantreund hier in Russland? Ihr müsst ein alter Mann sein, Freund."

"Achtzig Jahre, Herr. Ich war Sergeant bei Manson's Kürassieren, wurde 1812 gefangen genommen und lebte seitdem in den Steppen oder den Gebirgen dieses Landes, zuerst als Sclave, nach dem tod meines Herrn auf eigne Hand."

"So seid Ihr bekannt mit der Umgegend von Sebastopol?"

"Ich würde jeden Weg mit verbundenen Augen finden. Ich kenne jeden Stein des Gebirges."

"Das wäre vortrefflich," meinte der Prinz. "Wenn Sie Franzose sind, mein Herr, werden Sie wissen, was Sie Ihrem vaterland und Ihren Landsleuten schuldig sind und sich nicht weigern, uns einen wichtigen Dienst zu erzeigen."

"Ich bin ein alter Mann, Herr, und habe länger als vierzig Jahre in diesem land gelebt," meinte der Greis, "aber ich freue mich doch, am rand des Grabes unter Franzosen zu stehen und werde gern tun, was ich kann. Was wünschen Sie von mir?"

"Wir verlangen die Beantwortung einiger fragen," sagte General Bosquet. "Zunächst, können Sie beurteilen, welcher Punkt im Süden von Sebastopol sich für unsere Schiffe zu einer Landung eignen würde?"

"Ei General, ich bin nicht Seemann, nur ein einfacher Soldat, aber da kann wenig die Frage sein. Da wäre zuerst die Kamiesch-Bai."

"Sie liegt zu nahe für unsere Zwecke an der Festung!"

"Nun, Parbleu! dann ist Balaclawa der rechte Ort, und ein verteufelt guter Platz ist er, gegen die Stürme gedeckt, freilich ein Bischen eng –"

"Ist der Ort stark verteidigt," unterbrach der General ungeduldig die anscheinende Geschwätzigkeit des Alten. – "sind die Festungswerke stark?"

"Ei was denken Sie, General," lachte der Greis, "da kennen Sie unsere Russen schlecht. Als ich das letzte Mal dort war, sah ich vier eiserne kleine Kanonen, und mit einer Compagnie Ihrer Grenadiere jage ich die ganze Besatzung zum Teufel."

Die Generäle beugten sich über die Karte, um die Lage des bezeichneten Orts zu prüfen, und Lord Raglan wechselte leise einige Worte mit dem Marschall. Dann wandte er sich selbst zu dem Rosshirten.

"Wie weit ist Balaclawa von Sebastopol entfernt?"

"Dreizehn Werst oder drei Lieues, wenn Sie das lieber wollen, Herr."

"Wie ist das Terrain beschaffen?"

"An der Küste Felsen und Schluchten, Herr, dann hebt es sich zum Plateau und senkt sich, von Höhlungen durchschnitten, nach Sebastopol hin."

"Ist es möglich, um das Ende der Bai von Sebastopol mit einer Armee bis Balaclawa vorzudringen, ohne mit der Festung in Berührung zu kommen?"

Er herrschte lautlose Spannung auf diese Frage. Ein Blitz von Hohn und Freude zuckte in den