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doch keine Erniedrigung, und die Frau ist in moralischer Hinsicht keinesweges bloss das Spielzeug des Mannes, wie dies nur zu oft in civilisirten Ländern der Fall ist. In Czernagora ist das Weib wahrhaft unverletzbar; Fleiss, Keuschheit und Mut sind die drei schönen Tugenden, die sie zieren. Darum vertraut sie sich auch ohne Bedenken selbst dem Fremden, in der Gewissheit, dass er sich keine Unziemlichkeit gegen sie erlauben werde. Wagte er es dennoch, ihre Schaamhaftigkeit zu verletzen, so würde der Tod des einen oder des anderen Teils die gewisse Folge davon sein. Ein czernagorzisches Mädchen liebt nur in der Aussicht auf Heirat, den treulosen Verführer aber trifft der Tod.

Diese heilig bewahrte Schaam und Sitte des Volkes wird das Furchtbare der nachfolgenden Scenen charakterisiren.

über dem Wiedergewonnenen hinweg reichte Stephana dem Griechen die Hand und konnte nicht enden in lobpreisenden Dankesworten für seine Tat. Auch der alte Beg und die Andern bezeugten ihm Dank und achtung für die bewiesene Aufopferung und Treue, und mehr als ein Mal drohte das Gefühl bitterer Schaam ihn zu überwältigen. Das war um so lastender der Fall, als der alte Glaware2 den Hergang der Flucht zu wissen verlangte, und Gabriel, der sich an der Brust des treuen Weibes erholt hatte, eilig das Wort ergriff, den Freund aus der Verlegenheit zu ziehen, und der Familie kurz erzählte, wie Nicolas ihm Feile und Strick gesandt hatte, wie er verhindert worden sei, mit dem Kahne zu seinem Beistande zu erscheinen, und nun mit ihm zusammen schwimmend die Flucht versucht habe, dass diese aber durch einen Zufall zu früh entdeckt worden und ihre Verfolgung nach sich gezogen.

Die Beratung, wie dieser am besten zu entgehen, nahm jetzt Aller Aufmerksamkeit in Anspruch. Der alte Beg war der Ansicht, dass sie jeder Gefahr glücklich entgangen seien, da der Pascha von Scutari schwerlich um der Flucht eines einzelnen Gefangenen willen viel Aufhebens machen und aussergewöhnliche Mittel zur Verfolgung in Bewegung setzen würde. Gabriel und Nicolas jedoch schauten einander bedenklich an und waren der Meinung, man dürfe keine Anstrengung versäumen, um so rasch als möglich die czernagorzischen Ufer zu gewinnen. Ohne den Namen der Wölfin von Skadar auszusprechen, wusste der Grieche doch seine Besorgniss auch Stephana mitzuteilen, und sie gewann um so mehr Begründung, als die Gesellschaft bald darauf von der Höhe des Turmes, dessen Kerkern Jene so glücklich entronnen waren, ein mächtiges Feuerzeichen emporlodern sah, ein Signal, das sonst gewöhnlich nur bei den Kriegsüberfällen üblich war, um den verschiedenen Posten entlang der Seeufer die Anwesenheit des Feindes zu melden. In Zeit von einer halben Stunde stammten links nach Antivari hin und rechts gegen das Hochgebirge bereits mehrere ähnliche Feuer an den beiden Ufern und verkündeten die Aufmerksamkeit in den verschiedenen Kastells.

Der See von Skadar hat eine Länge von nahe an sieben Meilen bei einer wechselnden Breite von etwa zwei. Nur das nördliche und nordwestliche Ende, an dem sich die Moratscha und der Czernojewitsch in den See ergiessen, wird von Czernagora selbst begränzt, und zwar im Norden von der Rietschka Nahia, im Nordwesten von der Czernitza Nahia. Die nördlich gelegenen Inseln gehören, wie bereits erwähnt, zwar zum Gebiet von Montenegro, sind aber nur zu zeiten, namentlich während des Fischfanges, bewohnt. Man beschloss daher, die rechte Seite des Sees zu halten und die Ufer der Rietschka zu gewinnen, der heimischen Nahia des Alten, wo sein Ruf im Augenblick die Männer der zunächst wohnenden Plemen im Fall der Bedrohung herbeiführen konnte.

Nachdem man dies getan, wurden die Wachen bestimmt, um stets mit erneueten Kräften an den Rudern arbeiten zu können. Der alte Beg erklärte, das Steuer nicht verlassen zu wollen, – seine eisernen Muskeln widerstanden jeder Anstrengung.

Die erste der Wachen hielten der Grieche, Hassan Lekitsch der Arnaut und der Vetter, Iowan genannt. Die beiden Letzteren waren an den Rudern beschäftigt, der Erste hielt das Seil des Segels, das sich noch immer lustig im beginnenden Morgenwinde blähte. Es mochte jetzt zwei Uhr nach Mitternacht, oder die vierzehnte Stunde des Tages, wie man auch hier nach italienischer Sitte rechnet, sein, und über die Bergspitzen begann der erste Schein der Dämmerung zu brechen, während noch die tiefen Schatten der Nacht über dem See lagen.

Der Einäugige summte leise in jener unangenehmen monotonen Sangesweise der griechischen und orientalischen Stämme die Piesme vor sich hin, welche den Zug des Czernojewitsch Iwo zum Dogen des grossen Venedigs und die Hochzeit des falschen Stanischa, des schönen Wojwoden von Dulcigno, Obrenowo Djuro, mit der Tochter der Inselstadt meldet, wie die Rache des echten Bräutigams und seine Flucht nach Schabljack.

Grivas dagegen träumte von der schrecklichen Scene, der er entronnen. Vor seinen geschlossenen Augen stand mit dem flammenden, verächtlichen, rachesprühenden blick die Wölfin von Skadar. Dazwischen kehrte in seine Erinnerung das schwelgende Bild ihres Reizes zurück, und er beugte, im inneren vernichtet und von widerstreitenden Gefühlen zerrissen, das Haupt.

Die zweistündige Wache mochte zu Ende sein, – die Sonne war bereits aufgegangen und ihre Strahlen brachen durch die Schluchten der im Osten sich emporstreckenden Bergkämme, als Hassan den Hellenen aus seinem Hinbrüten weckte und ihm einen Wink gab, sich umzuschauen.

"Blicke mein griechischer Bruder nach der Seite, wo die Sonne sich in's Meer senkt, und sage mir, was er über den leichten Nebeln sieht, die dort noch das Ufer verhüllen. Der junge Falke der Maina hat scharfe Augen!"

Grivas schaute angestrengt nach der angedeuteten Stelle.

"Das ist sicherlich