1855_Goedsche_156_579.txt

Nordforts. ––––––––––––––––––––––––––––

Unter dem Säulenaufgang des Admiralitätsgebäudes wimmelte es von Soldaten, Matrosen und Einwohnern, welche begierig auf Nachrichten lauschten, denn es hiess, dass die Stadt von den Bewohnern geräumt werden solle. Boote von den im Hafen und der Bai ankernden Kriegsschiffen legten fortwährend am Quai an und brachten obere Flotten-Offiziere; über die Schiffsbrücke vom Fort Nicolas her drängte und wogte es von Kommenden und Gehenden. Ein weiter Halbkreis von Neugierigen füllte den Platz um die Admiralität, Muschiks; Kaufleute, Schiffsvolk, Tataren, – Handwerker und Beamte, Soldaten und Civilisten, Allee bunt durcheinander.

An eine der Säulen gelehnt stand Fürst Iwan Oczakoff mit mehreren Offizieren der Landarmee und Marine. Unfern von ihm befand sich die Gruppe des alten Kosacken mit seinen sechs Enkeln, die der junge Fürst gleichsam als Freizügler in seinen persönlichen Sold und Dienst genommen hatte und als Ordonnanzen verwandte. Zwei der jungen Männer trugen die Spuren leichter Verwundungen aus der blutigen Almaschlacht.

"Sehen Sie, B a r j a t i n s k i ," sagte der junge kapitän zu einem Offizier in Marine-Uniform mit den Abzeichen eines ersten Lieutenants, "da kommt Einer, der Ihnen die Belohnung für Sinope vorweg genommen hat. Wahrhaftig, ich hätte es ebenso gut haben können, wenn mich der Fürst nach Petersburg geschickt hätte."

"Sie würden schwerlich die Courierfahrt in fünf Tagen ausgehalten haben, lieber Freund," sagte lachend der Offizier des "Wladimir." "Ueberdies hatten Sie sich ja erst bei Oltenitza die Capitains-Epauletten geholt und müssen Anderen auch Etwas gönnen. Der Podpolkavnik2 Konzaroff ist ein wackerer Offizier."

"Ist die Anecdote wahr, die man von seiner Beförderung erzählt?" fragte ein junger Fähndrich vom litauischen Jäger-Regiment.

"Gewiss, D r u n e w i t s c h , und weil Sie sich an der Alma-brücke so brav geschlagen haben, will ich Ihnen, was ich als zuverlässig davon weiss, erzählen."

"Sie werden mich verbinden, Herr kapitän."

"Als die Nachricht von der Schlacht von Sinope in Odessa eintraf, befand sich Konzaroff unter den Ordonnanz-Offizieren in der Umgebung des Fürsten. Menschikoff fragte, in welcher Zeit man den Weg bis Petersburg zurücklegen könne, und Alle nannten die gewöhnlichen sechs Tage, nur Konzaroff erbot sich, es in fünf möglich zu machen. Der Fürst vertraute ihm die Depeschen an und der kapitän warf sich, wie er ging und stand, nur mit Geld versehen, in eine Britschka und jagte unterwegs zehn Pferde tot. Am fünften Abend war er im Winterpalast, halb erfroren, halb zu tod geschüttelt, so erschöpft, dass er sich kaum aus dem Schlitten erheben konnte. Er wurde unmittelbar nach der Ankunft dem Kaiser vorgestellt, der ihn mit in sein Cabinet nahm, wo er sich niederliess, um die freudige Botschaft mit Musse durchzulesen. Als er damit fertig war und sich nach dem Boten wandte, fand er, dass dieser auf einen Sessel an der Tür gesunken und eingeschlafen war. Der Kaiser befahl, ihn zu wecken, aber es war durch die gewöhnlichen Mittel bei der ungeheuren Uebermüdung des Mannes total unmöglich. Da rief der Kaiser mit dem ihm eigentümlichen raschen Verständniss der menschlichen natur, dicht zu ihm tretend, plötzlich in barschem Tone aus: 'Heda! Ihre Pferde stehen bereit!' und der eifrige Courier, der sich noch unterwegs glaubte, sprang rasch empor, um dem Gebote der Pflicht zu gehorchen. Der Kaiser fragte ihn nun, welchen Rang er habe. – 'kapitän,' war die Antwort. – 'Nun denn,' sagte der Kaiser zu einem Adjutanten, 'bringen Sie ein Paar Epauletten!' und setzte, an den Courier sich wendend, hinzu: 'Ich befördere Sie auf der Stelle zum Podpolkavnik; umarmen Sie mich und dann gehen Sie schlafen.'"

"Es lebe der Kaiser! Tschorte wos mi! Ich weiss, dass Konzaroff sich bei der ersten gelegenheit für ihn tödten lässt."

"Das wird, glaube' ich, auch Andern passiren, wenn sie so eigensinnig alle Vorbedeutungen verschmähen." – Fürst Barjatinski deutete dabei auf eine eben eintretende Gruppe hoher Marine-Offiziere, indem er salutirte.

Alle Offiziere grüssten ehrerbietig. Es waren die Vice-Admirale N a c h i m o f f und K o r n i l o f f , der tapfere I s t o m i n , der Vice-Admiral R o g u l a , zweiter Commandant des Hafens von Sebastopol, und die Contre-Admirale S s i n i t z i n n und Z e b r i k off.

"Schau', Djeduschka," sagte der junge Kosack Ohlis, der auf einen Stock gestützt wegen des verwundeten Beines, neben dem Alten stand, "der dort kommt, das ist der Mann, der die türkischen Schiffe drüben über der See verbrannt hat. Fürst Iwan zeigte mir ihn diesen Morgen, und der Andere da neben ihm ist auch dabei gewesen."

"Ich sehe ihrer drei," murmelte der greise Kosack, "aber alle drei haben keine Köpfe. Es sind lebendige Leichen –"

"Dein armes Haupt war heute der bösen Mittagssonne wieder ausgesetzt," beruhigte der Knabe, "Du hast Deine bösen Träume davon bekommen, Grossväterchen, und siehst Bilder, die nicht vorhanden sind."

Der Alte sah ihn starr