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zu zeigen.

Der Kriegsrat am 15. hatte sich für den directen Marsch nach Sebastopol, dessen Nordbefestigungen man im Sturm zu erobern hoffte, entschieden. Vier Tage waren jedoch durch die Zögerung der Engländer nötig, um die übrige Artillerie, die Pferde, das Gepäck und die Proviantvorräte an das Ufer zu schaffen, und um die Vorbereitungen zu dem Marsch zu treffen. Diese Zeit wurde zugleich benutzt, um aus Eupatoria eine feste Stellung zu machen, in deren Schutz man nötigenfalls die Wiedereinschiffung bewirken konnte.

Dann setzte sich das Gros der Armee gegen den Almafluss in Bewegung, auf dessen Höhen, wie die tatarischen Spione die Nachricht brachten, Fürst Menschikoff seine Stellung genommen.

Die Armee rückte langsam und vorsichtig vordie Flotten begleiteten sie zur Seite. –

Der General-Gouverneur von Taurien, M a r i n e m i n i s t e r Fürst Menschikoff gebot in jenem Augenblick in der Krimm, ausser der Flotte von Sebastopol und geringen Garnisonen in Kertsch, Baktschiserai und Perecop, nur über eine disponible Armee von 42 Bataillonen, 16 Schwadronen Kavallerie, 11 Sotnien5 Kosacken, 72 Fuss- und 24 reitenden Geschützen, im Ganzen etwa 35,000 Mann. Es wäre ein schwieriges, ja, unmögliches Unternehmen gewesen, mit diesen geringen Kräften eine ausgedehnte Küste gegen die Landung einer so übermächtigen Armee und Flotte verteidigen zu wollen oder gar die Offensive zu ergreifen. Der Fürst beschloss daher, zur Verteidigung Sebastopols an der ersten Wasserscheide des Weges an dem Flüsschen Alma auf den vorteilhaft gelegenen Höhen eine Defensivstellung zu nehmen, den Rückzug nach Sebastopol und zur Rechten nach den Höhen von Baktschiserai auf diese Weise sich sichernd.

Es ist ein unaufgeklärtes Rätsel geblieben, warum man, nach den langen Vorbereitungen der Alliirten für die Krimm-Expedition, die sich vom Anfang August nach der Rückkehr des französischen Corps aus der Dobrudscha nochmals bis zum September verzögerte, die Krimm nicht stärker besetzt hatte, als mit einer Anzahl, die in keiner Weise siegend dem Feinde die Spitze bieten konnte.

Man muss als Erklärung Folgendes annehmen. In Petersburg herrschte zunächst der Glaube, dass wenn ein Angriff auf Sebastopol versucht würde, derselbe von der Seeseite aus erfolgen werde. Hier kannte man die Stärke der Festung und wusste, dass sie gleich Kronstadt den vereinigten Flotten Trotz bieten könne.

Einen Landangriff erwartete man höchstens in Bessarabien.

Ausserdem glaubte der Kaiser den Zustand der Communicationsmittel der Art, dass leicht bedeutende Truppenmassen rasch nach der Krimm geworfen werden könnten; er glaubte, nachdem er seit drei Jahren nicht in Sebastopol gewesen war, die Landbefestigungen der Stadt, für die gleichfalls ungeheure Summen verwendet worden, der Art, dass sie eine Belagerung aushalten könnten; er glaubte die Festung für ein halbes Jahr vollständig verproviantirt.

Dieser Glaube des Kaisers täuschte ihn, – all' seine Strenge hatte das Trugsystem des russischen Beamten und Lieferanten teils nur vorsichtiger zu machen, nicht zu unterdrücken vermocht.

Hierzu kam, dass in diesem Augenblick die russi

schen Behörden in den Heerlagern der Feinde schlecht bedient waren.

In Constantinopel war, wie wir früher gemeldet,

der Hauptagent der russischen Interessen, Baron O e l s n e r , entdeckt und unschädlich gemacht worden, nachdem der Sieg der Partei des Seraskiers seine Beschützer verdrängt hatte. Ein italienischer Arzt, A s k a , den der Baron gewinnen wollte, verriet ihn. Baron Oelsner, der, um die türkische Polizei zu täuschen, deren eigenen Agenten spielte und dafür ein Gehalt von 1000 Piastern monatlich bezog, hatte den Plan eines allgemeinen Aufstandes der Christen und einer Massacre der Moslems in einer bestimmten Nacht entworfen. Den militairischen teil des Aufstandes sollte der Engländer P l a n t a , genannt H a r r i s o n , leiten, jener Mann, der im Norden Deutschlands eine seltsame und rätselhafte Rolle gespielt hat. Ein griechischer Schiffscapitain, K o n s t a n t i n , ein Verwandter des griechischen Gesandten Metaxa, hatte es übernommen, vierzig andere Schiffscapitaine für die Sache zu gewinnen, auf ihren Schiffen Waffen und Munition nach Constantinopel zu bringen und mit sämtlichen Matrosen der vierzig Schiffe bei dem Aufstande Hilfe zu leisten. Oelsner stand durch Vermittelung des russischen Obersten Bodinianoff in Verbindung mit dem Fürsten Gortschakoff und dem Grafen Orloff, dem Freund und Günstling des Kaisers.

Wir haben gesehen, wie der Ausbruch dieser Pläne durch die Gegenwirkungen der alttürkischen Partei scheiterte; durch den Verrat des italienischen Arztes wurden die Umtriebe des baron entdeckt und er im Serail gefangen gesetzt. Nur der Schutz mächtiger Freunde sicherte sein Leben.

Eben so haben wir gezeigt, wie der Hauptagent des baron und der russischen Interessen in Varna, im Heerlager der Verbündeten, Gregor Caraiskakis, durch die Verkettung der Umstände aus Varna vertrieben wurde. Die Nachrichten, die seitdem das russische Gouvernement erhalten, waren schwankend und unsicher, und der trotzige starre Sinn des GeneralGouverneurs von Taurien hatte die durch Nicolas Grivas ihm überbrachte Warnung unbeachtet gelassen. – – – –

Daher kam es, dass 65,000 Mann ohne Kanonenschuss, ohne Schwertschlag an der Küste der Krimm landen konnten, dass 65,000 Mann, von einer mächtigen Flotte flankirt, an den Höhen der Alma jetzt 35,000 Russen gegenüber standen.

Das einzige, was die Russen bei dem Nahen der alliirten Flotte getan, war die Räumung der Gegend zwischen Eupatoria, Baktschiserai und Sebastopol von allen Hilfsmitteln, und die Alliirten fanden nicht nur wenig frischen Proviant, den ihnen einige muhamedanische Tataren der Bevölkerung zuschleppten, sondern litten auch