da nur wenig Pferde erst gelandet waren und er daher keinen Dienst tat.
"So viel ich gehört," sagte er auf die nach der Begrüssung an ihn wiederholte Frage, "liegen zwei verschiedene Systeme vor. Nach dem ersten soll die Armee nach der Landung eine Schwenkung nach links machen, nach der Landenge von Perecop marschiren, den Russen eine Schlacht liefern und dann, gegen die anrückenden Hilfskräfte gesichert, die Belagerung von Sebastopol vornehmen. Nach dem zweiten sollen wir uns rechts wenden, unverzüglich auf Sebastopol losrücken und es durch einen raschen Angriff nehmen, ehe Entsatz und Hilfe herbeizukommen vermag."
"Was werden wir tun?"
"Das wird in dem Kriegsrat beschlossen werden, der nach der Landung der Engländer beim Marschall stattfindet."
"Sehen Sie da, meine Herren," sagte ein grosser hagerer Offizier mit spanischem Gesichtsschnitt, "der Russe hat wahrhaftig den Teufel im leib. Ich glaube, er hat es auf den englischen General abgesehen."
"Wo – was gibt's?"
"Seit einer Stunde schon," antwortete der kapitän, "beobachtet der Offizier dort, nebst seinen sieben Kosacken, der einzige Russe, der sich bis jetzt hat blikken lassen, unsere Ausschiffung. Da drüben den Hohlweg hinauf stiegen vor zehn Minuten zwei englische Generäle, die Klippen verhindern sie, die Nähe der Feinde zu bemerken und sie können leicht hier vor unsern Augen niedergestochen werden. Sehen Sie – der Russe hat sie bemerkt, und trifft seine Anstalten. Er scheint ein noch sehr junger Offizier, das Gegenstück zu dem Fratzengesicht an seiner Seite, – ich kann seine Mienen deutlich erkennen."
"Erlauben Sie mir einen Augenblick Ihr Glas, kapitän d e L a r a ."
"Mit Vergnügen."
Der Spanier reichte dem Vicomte das kurze Feldperspectiv; deutlich, mit blossen Augen, konnten Alle der Scene folgen. Man sah, wie der Kosack neben dem Offizier mit der Lanze nach der Schlucht wies, in der man die Federhüte der beiden Generäle von Zeit zu Zeit zwischen dem Gestein sich nähernd erblickte, wie dann die Russen von den Pferden stiegen, die Einer hinter die vorspringenden Felsen führte, und wie sie zwischen diesen sich verbargen. Nur der junge Offizier blieb den Augen in seiner beobachtenden Stellung noch sichtbar.
Plötzlich presste die Hand des Vicomte fest den Arm seines Freundes.
"Nehmen Sie das Glas, Sazé – blicken Sie hin – erkennen Sie ihn?"
"Die Cholera soll mich haben, wenn das nicht der Fürst ist. Die Aehnlichkeit ist übrigens merkwürdig – eben kam ich an dem Bivouac Ihrer kleinen Marketenderin vorbei und betrachtete mir das blasse Gesicht ihres verrückten Gehilfen."
Die Gefahr der beiden englischen Oberoffiziere schien übrigens auch von vielen Andern bemerkt worden zu sein, als von der Gruppe der Zuaven-Offiziere. Ein Adjutant des Generals d'Autemarre flog den Hügel hinunter und einige Augenblicke darauf hörte man die Hornsignale des Bataillons der afrikanischen Jäger, welches am weitesten voran stand, wie sie die Tirailleurs zum Avanciren commandirten.
Während die Bewegung ausgeführt wurde, sah man die beiden britischen Generäle auf dem Plateau erscheinen, plötzlich Halt machen und dann in vollem Lauf zurückfliehen. Zugleich knallten mehrere Flintenschüsse und der Rauch kräuselte sich über die Felsstücke her.
Mit atemloser Spannung hing jedes Auge an dem Punkt, um die Lösung der kleinen Scene zu erkunden. Dann sah man aus dem Schutz der Steinwände den russischen Offizier mit seinen sieben Kosacken hervorjagen und quer über die Ebene auf der Strasse nach Sebastopol zu an der Kette der französischen Plänkler hinsprengen, die erfolglos den kecken Reitern mehrere Schüsse nachsandten.
"Wahrhaftig! der Bursche verdient, zu entkommen! Sehen Sie, wie er auf unsere Kugeln höflich salutirt – und da löst sich das Rätsel!" –
Aus der Schlucht kamen verfolgend etwa ein Dutzend britische Infanteristen hervor, die unbeachtet den Generälen nachgegangen und im glücklichen Augenblick zur Stelle gekommen waren, um mit ihrem Feuer die Kosacken zurückzujagen. Einer der letzteren – Olis, der Enkel des alten Häuptlings – wurde leicht in's Bein getroffen, – das war das erste Blut, das auf dem Boden der Krimm in diesem Kriege vergossen ward. Ströme sollten folgen!4 – – –
Die Franzosen hatten am Nachmittag ihre sämtlichen Pferde und ihre Bagage an's Land gebracht, die Engländer aber gefeiert. Dieser Verzug der Bequemlichkeit rächte sich alsbald, denn schon am Abend änderte sich plötzlich die Witterung und von Mitternacht bis zum Morgen wüteten Windstösse und heftige Regengüsse. Die englische Armee musste diesen Vorschmack des Kommenden unter freiem Himmel, ohne Obdach, ohne Zelte, zubringen. Die an hundert Bequemlichkeiten gewöhnten alten Generäle, Lords und jungen Offiziere lagen im Platzregen am Ufer in durchweichten Decken, statt der Kopfkissen Salzwasserpfützen, ohne Feuer, ohne Grogk, ohne Aussicht auf ein warmes Frühstück, auf einen wohltätigen Kleiderwechsel. Und rings umher zwanzigtausend pudelnasse Bursche, die sich in ihren Schiffsräumen von der Bescheerung Nichts hatten träumen lassen. Sir George Brown kampirte die Nacht unter einem umgestürzten Karren; der Herzog von Cambridge hatte einen ähnlichen Schlafsalon, denn die Franzosen hatten alle Räume des kleinen Dorfes und der Ruine in Beschlag genommen. Die Verzögerung rächte sich aber noch bitterer, indem das Wetter am 15. und 16. fortdauerte, und mit der Brandung der Wellen am Ufer die Ausschiffung der Pferde und Artillerie sehr erschwerte. Viele schöne Pferde gingen dabei verloren. Das nasse Bivouac übte seinen Einfluss auch auf den Gesundheitszustand aus und einzelne Cholerafälle begannen sich wieder