1855_Goedsche_156_570.txt

so weit das Auge sah, das Meer: Segel an Segel, die wirbelnden Säulen von Rauch, die Flaggensignale, die tausend kreuzenden Boote gewährten ein ewig wechselndes Bild.

"Haben Sie noch einige Augenblicke Zeit, Vetter, so würden Sie mich durch eine kurze Uebersicht unserer Operationen verbinden. Bei dem Treiben im Schiff war in den letzten Tagen zu keinem vernünftigen Wort zu kommen."

"Oberst Lofter schreibt seine Antwort und das dauert sicher noch eine Viertelstunde, die ich Ihnen sehr gern widme. Ich war zufällig gestern an Bord des 'Agamemnon', des Flaggenschiffs des Sir Edward Lyons, und hörte da ausführlich die Dispositionen."

"Vor Allem, wie steht's mit der Gesundheit der Truppen?"

"Im Augenblick ziemlich günstig; es war aber die höchste Zeit, dass wir in Bewegung kamen. Bis Ende Juli waren von Portsmout, Soutampton, London, Marseille und Toulon 80,000 Mann bis Varna gebracht, aber die Cholera und die schlechte Verpflegung hatte uns im August auf 65,000 reduzirt. Die unglückliche Expedition nach der Dobrudscha hat die Franzosen allein 6000 Mann gekostet."

"Ich hörte davon. Sie begann am Tage meiner Verwundung."

"Der Zug nach der Krimm war zum August schon beschlossen, nur war man über die Landungsplätze und die Operationen selbst noch nicht einig. Sie wissen, dass am 5. die Einschiffungen begannen, am 9. trafen wir die vorausgegangene französische Flotte an den Schlangeninseln und das Gros ist seitdem vereint geblieben, 150 Kriegsschiffe einschliesslich 32 Linienschiffe1 und 80 Dampfer, dazu 600 Transportschiffe."

"Wer hat die Letzteren geliefert?"

"Alle Welt, wir haben allein 73 Oesterreicher darunter."

"kennen Sie die Stärke unserer Truppen?"

"Ganz genau. Wir zählen 32 Bataillone, 10 Schwadronen und 24 Geschütze, etwa 26,000 Mann2; die Franzosen 38 Bataillone, 4 Sappeur-Compagnieen und 72 Geschütze, dagegen an Kavallerie nur eine halbe Schwadron Spahi's, im Ganzen3 32,000 Mann; doch ist, wie ich höre, gestern schon ein Dampfschiff nach Varna zurückgegangen mit dem Befehl für den Aufbruch der Reserven. Unsere würdigen Schutzbefohlenen, die Türken, sind 7000 Mann stark. Die Armee führt 5000 Pferde, Belagerungsgeschütze, auf 39 Tage Proviant für 65,000 Mann und 1000 Schuss für jedes Geschütz mit. Wenn Sie bedenken, dass jede dieser 14 bis 16 Batterieen mit ihrer Schmiede und ihrer Munition 30 oder 31 Wagen zählt, so ergiebt dies schon an 450 Wagen mit fast 2000 Pferden Bespannung. Rechnen Sie dazu die Wagen mit Ingenieur-Gerätschaften, die Munitionswagen, die Lazaretwagen, das Gepäck und die Kavalleriepferde, so werden Sie sich einen Begriff dieses ungeheuren Transports machen, wie die Welt noch keinen zweiten gesehen."

"Ich fürchte nur Unglück und Verwirrung."

"Seien Sie unbesorgt, die Anstalten sind vortrefflich geordnet und, ich muss es gestehen, unsere jetzigen guten Freunde, die Franzosen, Meister in Arrangements. Die Oberbefehlshaber der Flotte, die Admirale Dundas und Hamelin, sorgen nur für die Sicherheit der Landung. Kriegsschiffe sind daher nach allen Punkten detaschirt, von denen eine Störung stattfinden könnte, selbst gegen Odessa. Vor Sebastopol kreuzen seit dem 10. die 'Vengeance', die 'Retribution' und die 'Fury'. Jedes Dampfschiff hatte zwei Transportschiffe in's Schlepptau genommen. Sie sehen die drei Linien, welche die Schiffe drei (englische) Meilen lang bilden, links bis zum Cap Baba, rechts nach der Bai von Kalamita hin bis zu den Trümmern jenes alten genuesischen Forts, das Sie über dem tatarischen Dorf auf der Spitze des Hügels erblicken und das morgen der Mittelpunkt der Landung sein wird. Die Avisoschiffe trafen schon vorgestern auf den Stationen von Cap Baba bis zum Cap Lukull ein, und Lyons, der die Ausschiffung leitet, untersuchte selbst die Küsten. Die erste Linie der Schiffe bestreicht mit ihrem schweren Geschütz das Ufer weit hin und führt den grössten teil der Infanterie an Bord. Auf der zweiten befindet sich die Kavallerie, auf der dritten die Artillerie und das Gepäck."

"Wann wird die Landung beginnen?"

Der Offizier sah nach seiner Uhr.

"Es muss sogleich geschehen, und wenn Sie ein erträgliches Fernrohr haben, werden Sie von hier aus sie vollständig beobachten können. Doch sollen heute nur so viel Truppen an's Land gesetzt werden, um festen Fuss in Eupatoria fassen zu können, das nicht stark besetzt scheint. Die Hauptlandung beginnt morgen weiter südlich und man hofft, jede Stunde 6–7000 Mann landen zu können."

"Wann wird sich Lord Raglan ausschiffen?"

"Morgen. Er hat das genuesische Fort zu seinem Hauptquartier ausersehen. Marschall St. Arnaud jedoch, der sich dort an Bord der 'Ville de Paris' befindet, wird erst am nächsten Tage folgen. Man sagt, er sei nicht ungefährlich krank. Der Herzog von Cambridge ist bei dem Lord, Prinz Napoleon und General Canrobert sind auf dem 'Valery' und 'Montebello'."

"Wie weit ist der Ausschiffungspunkt von Sebastopol entfernt?"

"Sieben französische Meilen in gerader Linie, doch wird er von zahlreichen Wasserscheiden durchschnitten."

"Werden die Russen unserer Landung keinen Widerstand entgegen setzen?"

"An dieser flachen Küste wäre er unmöglich. Die Wahl, die Sir George Brown und Canrobert auf ihrer Recognoscirung im Juli getroffen, ist vortrefflich. Sehen Sie, Edward, da gehen die Signale vom