himmels, fiel sein Auge auf einen zur Seite am Boden liegenden persischen Shawl, und im Nu hatte er ihn aufgerafft und schlang ihn um Kopf und Schultern des Mädchens. Gabriel hob sie zugleich empor, im nächsten Augenblick hatte er sie auf das eben verlassene Lager geworfen und keuchend umschlangen Beide die wild sträubenden Glieder mit Tüchern und Decken, wie die Hand sie erreichen konnte, und zogen die Knoten um sie fest. Auch jetzt noch entfloh kein Schrei ihrem mund, nur das Atmen der Wut vernahmen sie durch das dicke Gewebe des den Kopf umhüllenden Shawls.
Aber draussen am Eingange des Gemaches tobte und wütete es fort, mit gewaltiger Kraft sprang der Wolf an der Tür empor und stiess ein klagendes Geheul aus, dass es weit durch die Räume des alten Gemäuers scholl.
Gabriel riss den Freund mit sich fort, der zitternd auf das Werk seiner hände schaute, die gebundene verhüllte Gestalt, die jetzt ruhig und bewegungslos, gleich als erkenne sie das Nutzlose jedes weiteren Sträubens, auf den Kissen lag.
"Sie stirbt! sie erstickt!"
Doch der Czernagorze drängte ihn zum Altan.
"Was kümmert uns ein Weiberleben! Hinunter! Hörst Du nicht, dass von dieser Bestie Geheul schon die halbe Feste in Allarm ist? Mir nach, Blutbruder, und die Heiligen seien uns gnädig!"
An der Pforte donnerten Waffen und hände, – unter den gewichtigen Schlägen sprangen die Riegel – –
Mit weitgestrecktem Sprunge warf sich der Czernagorze vom durchbrochenen Altan hinab in die dunkle Flut, im nächsten Augenblick folgte ihm der Grieche.
–––
Als Beide emportauchten, glänzte heller Lichtschein von der Oeffnung des Balkons über die Fläche des Wassers – im Umwenden glaubte der Jüngling Gestalten darauf zu sehen, darunter einen weissen fliegenden Mantel, einen Moment nachher blitzte ein Schuss, die Kugel fuhr über ihnen hin in's wasser.
"Nieder!" rief der Czernagorze ihm zu, "halte Dich rechts!" Und die Schwimmer sanken auf's Neue fast auf den Grund und strichen weit aus.
Als sie Luft zu schöpfen nochmals emportauchten, waren sie ausser dem Bereich der augenblicklichen Gefahr, aber weit entfernt davon, gerettet zu sein. Die Richtung, die sie zu nehmen gezwungen worden, führte sie hinaus in den See. In den verlassenen Festungswerken wurde es lebendig, Lichter bewegten sich an den Oeffnungen hin und her, ehe sie noch zehn Minuten weiter getrieben waren, auch am Strande, und ein Kanonenschuss donnerte über die Fläche des Wassers, Allarm rufend und die Schildwachen zur Aufmerksamkeit mahnend.
Mit allen Kräften griffen die beiden rüstigen Schwimmer aus, denn sie wussten, dass jede Minute Verlust war, und dass es um Tod und Leben gälte, so rasch als möglich über den Rayon der Festungsmauern hinaus zu gelangen, ehe sie auf dem wasser verfolgt werden könnten, und den verborgenen Kahn zu erreichen.
Aber die Kleider, deren sie sich nicht hatten entledigen können, zogen immer schwerer und schwerer und hinderten ihre Anstrengungen, und die Kräfte des Czernagorzen waren durch die Entbehrungen der Haft geschwächt. Rüstiger schwamm der junge Grieche, an der See geboren und Herr des Elements, und ermunterte den Freund zu neuen Anstrengungen.
Doch weit rechts noch lag das rettende Ufer und kaum noch war Zuflucht dort zu hoffen, denn in kurzen Zwischenpausen dröhnten die Allarmschüsse fort.
Gabriel war ermattet.
"Rette Dich selbst, Blutbruder, und grüsse Stephana und die schwarzen Berge!"
Er sank; aber der Grieche war hinter ihm d'rein und hob ihn empor.
"Bei der gebenedeieten Mutter Gottes von Ostrog," flehte er, "verliere den Mut nicht, Hilfe ist nahe – ich höre Stimmen!"
Und gleichsam als Antwort auf den Scheidegruss des tapfern Czernagorzen hallte sein Name durch die Nacht über die Wellen, und hinterdrein klang der Schlachtruf der Familie Martinowitsch, ihr heilig' Erbteil seit der Mordnacht der Weihnachten von 1703: S v e O s l o b o d 1!
"Hier Czernagora!" tönte der Gegenruf des Griechen, wie er sich aus den Wellen hob. Triumph! Rettung! Durch die Nacht strich ein weisses Segel daher – ein jubelnder Schrei klang vom dunklen Bord, – arme streckten sich nach ihnen aus – das waren Freunde.
Am Steuer stand der alte Beg, Hassan und der Vetter arbeiteten wie rasend an den Rudern – Stephana's, Bogdan's arme streckten sich den Schwimmenden entgegen.
"Mut!"
In der nächsten Minute hob Nicolas den erschöpften Freund über den Rand des Bootes in die arme seines Weibes und warf sich selbst ihm nach.
"Wendet! Fort!"
Erschöpft lagen die Beiden auf dem Boden des rettenden Fahrzeuges, das unter dem kräftigen Druck des Alten sich von der Festung ab- und den Bergen zuwandte.
Stephana's Angst und Ungeduld hatte die Hilfe gebracht, indem sie den alten Beg bewog, mit dem Boote während der Nacht sich den Festungswerken zu nähern, statt an der bestimmten Bucht des östlichen Ufers des Kahns mit den glücklich Entkommenen zu harren. Als der erste Allarmschuss über den See donnerte, wusste die Familie, dass die Flucht vollzogen, und der kühne Eifer trieb sie vorwärts, die eigene Gefahr verachtend.
So war die Hilfe im glücklichen Augenblick erschienen.
Die Czernagorzenfrau bedeckte den Gatten mit ihren Küssen. Im schwarzen Hochland sind die Weiber treu und voll aufopfernder Liebe. Obschon sie wegen ihrer wunderbaren Tatkraft von ihren Männern zu den schwersten arbeiten gebraucht werden, erleidet ihre Stellung dadurch