weitere Rückmarsch nach Varna angetreten werden sollte – aber noch denselben Abend um 10 Uhr traf unerwartet der General C a n r o b e r t von seiner Argonautenfahrt vor Küstendsche auf dem "Cazique" ein. Von allen Seiten erhoben sich bei dem Anblicke des geliebten Führers in diesem durch die schrecklichste aller Krankheiten decimirten Lager die lebhaftesten Zurufe, Aller arme streckten sich ihm entgegen; die Sterbenden erhoben sich, um ihrem General entgegen zu gehen; denn dem Unglücklichen erscheint jede Veränderung seiner Lage als eine Besserung, und nicht bald war ein General so von den Seinigen geliebt, wie Canrobert. Welches Schauspiel entrollte sich aber seinen Blikken. Auf allen Seiten lagen unter dem Schutze der Zeltdächer die Fieberkranken ausgestreckt. Ueberall hörte man Gestöhne, und der Tod mähte mit unbarmherziger Sichel in den Reihen der erschöpften Krieger. So fand Canrobert seinen schönen, stolzen, kriegslustigen Heerhaufen wieder, den er voll Leben und Kampfesdurst verlassen hatte. Ohne ein Wort zu sagen, reichte er seiner Umgebung die hände und man sah Tränen seinen Wangen entrollen. Dann durchschritt er die Zeltgassen, hatte ein Wort des Trostes für alle Leidenden, belebte den Mut der Gesunden durch die Hoffnung auf nahen ruhmvollen Kampf, und beugte sich mitfühlend über jene herab, die im Begriffe waren, eine Beute des Todes zu werden. Mittlerweile wuchs die Sterblichkeit in der schrekkbarsten Weise. In der Nacht und an dem folgenden Morgen wurden alle disponiblen Pferde der Artillerie, so wie die Packmaultiere der Offiziere, requirirt, um 800 Neuerkrankte nach Küstendsche zu schaffen. Am 1. August verliess man Pallas und am 2. war die Zahl der Erkrankungen wieder so gross, dass die Sänften und Araba's nicht mehr genügten, um die von der Seuche Ergriffenen fortzuschaffen; man musste endlich zu den Pferden der Offiziere und Generale seine Zuflucht nehmen. Zu allem Ueberflusse begannen unbegreiflicherweise die Lebensmittel zu fehlen. Canrobert gab einem von Küstendsche mit Cholerakranken abgehenden Schiffe die Weisung mit, von Varna Lebensmittel als Rückfracht nach Mangalia zu bringen. Zugleich wurde in der Nacht der kapitän Marcel zu Yussuf geschickt, der um einen Tagesmarsch voraus war, mit der dringenden Aufforderung, den General mit Transport- und Lebensmitteln zu versehen. Glücklicherweise hatte eben ein Schiff in Mangalia Lebensmittel ausgeladen; Offiziere und Soldaten halfen 600 Pferde beladen und machten zu Fuss, die Pferde am Zügel, 6 Lieues, um ihren leidenden Brüdern Hilfe zu bringen. – General Espinasse, von der Cholera ergriffen und von seinem Geretteten treulich gepflegt, blieb mit einem Regimente zurück, um die nicht transportirbaren Kranken zu bewachen. Der Rest setzte sich in Marsch und stiess endlich auf die 600 Packpferde Yussuf's. Die braven Baschi-Bozuks gingen nun mit den leeren Pferden noch weiter zurück, um Espinasse's Regiment abzuholen, da aber die meisten Kranken kein Pferd mehr besteigen konnten, requirirte Canrobert Araba's, um sie zu befördern. Endlich kamen, als man Mangalia erreicht hatte, welches am Meere gelegen ist, Schiffe in Sicht, die 2000 Cholerakranke nach Varna schafften.
Das war das schaurige Ende der ersten französischen Expedition gegen die Russen!
Fussnoten
1 Lieutenant.
Die Almaschlacht.
Der Roman hat den allgemeinen gang der begebenheiten so lange verlassen, dass wir den Leser mit einem kurzen Ueberblick derselben bis zu der Katastrophe führen müssen, die sich jetzt im Süden bereitete.
Wir haben die Resultate der Verhandlungen der europäischen Kabinette über die orientalische Frage am Schluss unseres zweiten Bandes, also bis zum Frühjahr 1854, berichtet.
Auf Grund des zwischen Oesterreich und Preussen geschlossenen Allianztractats zum Schutz der deutschen Interessen richtete das wiener Kabinet nach Petersburg Sommation auf Räumung der Fürstentümer. Unter'm 29. Juni antwortete Graf Nesselrode mit der Erklärung, dass die Stellung in den Fürstentümern nur noch eine militairische Position sei, die geräumt werden würde, wenn man Sicherheit habe, dass die Feindseligkeiten andererseits nicht fortgesetzt würden. Russland stimme den grundsätzen des Protokolls vom 9. April bei und wolle darauf den Frieden unterhandeln: Integrität der Türkei – Räumung der Fürstentümer – Consolidirung der Rechte der Christen in der Türkei gemeinsam durch die Mächte.
Diese Note der russischen Regierung erwiderten die Kabinets von London und Paris mit folgenden vier Forderungen: 1) Europäische Garantie für die Rechte der Donau-Fürstentümer; 2) Sicherung der freien Schifffahrt an der Donaumündung; 3) Revision des Vertrages von 1841 im Interesse des europäischen Gleichgewichts und im Sinne einer Beschränkung der russischen Macht auf dem Schwarzen Meere; 4) gemeinsame F ö r d e r u n g der Emancipation der Christen, a b e r n u r in einer mit den Souverainetätsrechten des Sultans vereinbaren Weise.
Diese Forderungen waren offenbar so anmassend und politisch gefährlich für Russland, als unwürdig c h r i s t l i c h e r Staaten! Dennoch machte sie auch Oesterreich zu den seinen, während Preussen sich auf eine Vorlage in Petersburg und den Versuch beschränkte, sie mit den von Russland vorgeschlagenen Grundbedingungen in Einklang zu bringen. Unter'm 26. August verwarf Graf Nesselrode die übersandten Bedingungen, die offenbar den Zweck der Demütigung und Schwächung Russlands zum Ziel hätten und höchstens einem durch langen Kampf geschwächten Reich geboten werden könnten. Zugleich erklärte er, dass aus strategischen Gründen die Truppen hinter den Prut zurückgezogen seien und Russland sich fortan völlig a u f der Defensive halten werde.
In Asien waren während dieser Zeit die russischen Armeen fortwährend siegreich gegen die Türken gewesen. General Wrangel hatte ein feindliches Corps unter Selim-Pascha bei Bajazid vernichtet und