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die Hügel daherkamen.

Der Säbelhieb eines Kosacken hatte den Colonel über die Stirn getroffen und eine blutende, wenn auch nicht gefährliche Wunde zurückgelassen. Der starke Arm des On-Baschi Jussuf hieb einen Zweiten vom Pferde, dessen Lanze den Vicomte im rücken bedrohte. Von dem Mohren und einigen Offizieren begleitet, sprengte der Vicomte jetzt dem berühmten Namensvetter seines Lebensretters entgegen.

"Ah ciel, Monsieur le Colonel! Sie bluten, die Russen haben Ihnen scharf zugesetzt; wir kamen, von dem Schiessen geleitet, zur rechten Zeit!"

Der Vicomte rapportirte das Geschehene. Der weltberühmte kühne Abenteurer, der frühere Gouverneur von Constantine und französische Brigade-General, der einst der Kabburha, der Tochter des Bei von Tunis Zunge, Hand und Auge des verräterischen Mohren sandte, der ihre Schäferstunde belauscht, war, obgleich über die erste Blüte des Mannesalters hinaus, doch noch immer ein Mann von kühner schöner Haltung, klein und zierlich von Wuchs, aber ein vollendeter Reiter. Sein scharf und ausdrucksvoll geschnittenes Gesicht verdüsterte sich merklich, als er von dem Ausbruch der Cholera in dem Detachement vernahm.

"Das ändert meinen Vorsatz," sagte er, "und lässt diese Spitzbuben da drüben ungeschoren entkommen, deren Gros bei Babadagh ich mit einem Nachtmarsch überfallen wollte. Ich kann es nicht missbilligen, Lieutenant-Colonel, dass Sie Ihre kranken Leute nicht im Stich gelassen, und scheere mich selbst den Henker wenig um die unmenschliche Ordre des Marschalls. Mit unserm Vordringen aber ist's vorbei und wir müssen unsere nächsten Lazarete oder wenigstens bewohnte Gegenden wieder zu erreichen suchen. Sir folgen uns, Vicomte, mit dem Rest Ihrer Leute; ich werde ihnen sogleich ärzte senden. Die Kranken und Verwundeten müssen auf die Bagagewagen verteilt werden."

Ehe eine Stunde verging, waren die Gräber zur Beerdigung der Gefallenen gegraben und das Corps auf dem Rückmarsch.

Es ist nicht unsere Aufgabe, die schrecklichen Leiden der einzelnen Abteilung der Expedition weiter zu verfolgen. Der Tod, der in ihren Reihen wütete, verbreitete sich bald auch unter die Truppen des Generals.

Um 8 Uhr Abends hatte man bereits 150 tote und 350 Sterbende. Es war ein schreckliches Schauspiel, das die mutigsten Herzen mit Grauen erfüllte. Es handelte sich nicht mehr darum, einen Feind zu verfolgen, der stets vor den Blicken am unermesslichen Horizont der Steppe verschwand, sondern einer Geissel Gottes zu entrinnen. Nur die Energie des tapfern Afrikaners trieb die Truppen auf dem Wege nach der Küste vorwärts, wo man hoffen konnte, Schiffe zu finden und durch die frische Seeluft die Krankheit gemildert zu sehen.

Die Colonne des Generals Espinasse war bis Kergeluk vorgedrungen, und der Todesengel hatte sie mit gleicher Wut getroffen. Das brave Infanterie-Regiment, das die Kranken aus dem brennenden Lazaret in Varna getragen, hatte den Giftstoff der Ansteckung in seinen Adern mit in die Wüste gebracht und die Anstrengungen des Steppenmarsches liessen ihn bald zur vollen Wut ausbrechen. tote und Sterbende lagen haufenweise unter den Zelten. Man hatte keinen Feind gesehen und dennoch bedeckten Leichen den Boden, wie nach einer Schlacht; man grub Gräber, um die gestorbenen gefährten zu begraben, aber bei dem Aufwerfen der Schollen entquollen pestilenzialische Dünste dem Boden; so Mancher, der dem Kameraden ein Grab grub, legte die Schaufel nieder, ehe das Werk vollendet war, und warf sich schweigend an, den Rand der halboffenen Gruft, um nicht mehr aufzustehen. Die noch Lebenden wurden auf die Pferde gehoben oder von den Kameraden getragen, sogar auf die Fahrzeuge der Artillerie musste man die Kranken laden. Diese verhängnissvolle Nacht war die zum 30. Juli. An dem andern Tage vereinigten sich die Colonnen der beiden Generale, und man konnte deutlich sehen, wie die Furcht vor einem ruhmlosen Ende auch die Häupter der Unerschrockensten zu Boden drückte. Da gegenseitige hülfe nicht denkbar war, so galt es, jede grössere Anhäufung von Menschen zu vermeiden. Die Yussuf'sche Colonne ging ohne Aufentalt an den Kampfgefährten vorüber und bewegte sich gegen Mangalia, indem sie auf ihrem Wege als verhängnissvolle Etappen zahlreiche Gräber zurückliess, die den Pfad anzeigten, den sie gewandert. Bei diesem Marsch war es, dass der Vicomte durch ein kurzes Wiedersehen des deutschen Arztes die erste Nachricht von seiner Rettung erhielt. Doctor Welland war in voller Tätigkeit und lohnte mit energischer Aufopferung das edelherzige Einschreiten des Generals. So schrecklich die Verhältnisse waren, unter denen man sich wiederfand, so herzlich war die Begrüssung im Leben von beiden Seiten, und mit Vergnügen hörte der Vicomte, dass, wenn der schwarze Tod sie verschonte, sie bei seinem eigenen Regiment sich wiederfinden sollten.

Die Espinasse'sche Division erreichte mittlerweile ihr ehemaliges Bivouac bei Pallas, wo sie ein Bataillon mit den Tornistern der Infanterie, eine Section der Ambulancen und ihr anderes Gepäck zurückgelassen hatte. Da es unmöglich wurde, alle Kranken noch weiter zu schaffen und die Führer darüber einig waren, der grausamen Anweisung des Marschalls so lange als möglich keine Folge zu geben, so liess man hier bei der Ambulance einen teil der Kranken zurück und zugleich zwei Bataillone zu ihrem Schutze. Die Seuche wuchs an Heftigkeit und jede Minute vermehrte sich die Chiffre der Sterblichkeit. Am 31. war die Division vereinigt und entledigte sich ihrer Kranken nach Küstendsche, wo der "Pluto" sie aufnahm. Bisher waren die Zuaven am meisten heimgesucht, obwohl alle Corps ohne Ausnahme viel zu leiden hatten. Warten war hier gleichbedeutend mit Sterben. Der General bestimmte daher, dass den anderen Morgen um halb 5 Uhr der