1855_Goedsche_156_565.txt

strichen durch die Ebene, gleichsam zur Jagd verlockendaber den Jägern fehlte die Lust und die Kraft, denn auf ihren Fersen sass selbst ein grimmer Feind, – der Tod in seiner furchtbarsten Gestalt! – Rechts und links und hinter ihm die stummen Gruppen der Soldaten, auf das glühende Erdreich geworfen, in finsterer Apatie erwartend, dass der Drache der Krankheit auch sie erfassen und verschlingen werde; – nur die Schildwachen, dem Gebote der militairischen Disciplin gehorchend, auf und ab gehend, oder mit bleichem Gesicht, auf das Gewehr gestützt, nach dem Hintergrund des Lagers hinhorchend, von wo der Leidensruf, das Todesstöhnen so manches tapfern Kameraden klang. Und über dies Bild von wilder natur und menschlichem Elend, menschlicher Schwäche und Ohnmacht, der helle klare Himmel, der glühende, versengende Strahl der Julisonne! Der Vicomte schauderte bei der Betrachtung dieses seltsam-schrecklichen Bildes, als plötzlich der On-Baschi Jussuf mit zwei Begleitern mit verhängtem Zügel über die wellenförmige Ebene dahersprengte. Zugleich vernahm das scharfe Ohr des Offiziers den entfernten Knall von Pistolenschüssen, und von mehreren Punkten her sah man die einzelnen Patrouillen zurückgejagt kommen.

Noch ehe der On-Baschi die Schildwachen der kleinen Lagerstätte erreicht hatte, war der Commandant auf den Füssen und liess Allarm schlagen. Der Ruf: "Die Russen! die Russen!" ging mit Gedankenschnelle durch die Gruppen, und gleich als hätte das Wort, das ihnen einen neuen Feind verkündete, den Bann des Grauens und der verzweifelnden Apatie von Aller Glieder gelöst, kam Bewegung in die Menge, ordneten sich die Reihen rasch auf das Wort der Offiziere.

Die Ankunft des Mohren, der vor dem Colonel sein Pferd parirte, brachte die Bestätigung:

"Die Kosacken, Bei! sie sind zahllos wie die Heuschrecken!"

Der Vicomte hatte kaum Zeit, seine Anordnungen zu treffen, die mit raschem Ueberblick der Gefahr dahin gingen, die Seite des Hügelrückens zu halten. Während die Kranken sich selbst überlassen blieben, warfen die Offiziere die Zuaven vor als Postenkette rings um die Stellung. Ihnen schlossen sich die abgesessenen Spahi's an, die ihre Pferde zum Transport der Wagen und Kranken gestellt hatten; im Kreise dieser Kette ordneten sich die Reiterhaufen der Spahi's.

Es war das erste Mal, dass die Franzosen in diesem Kriege ihre alten Gegner von 1812 und 1813 wiedersahen, die Söhne der Steppe, wie ihre Feinde in Algerien die Söhne der Wüste waren. Es bedurfte kaum des Zurufs, der Ermunterung der Offiziere, um die Leute, die sich auf die Knie in dem hohen dürren Grase geworfen, auf einen tapfern Empfang des Feindes vorzubereiten.

Noch während die Spahi's in der Formirung ihrer Reihen begriffen waren, sah man über den Kamm der gegenüberliegenden Hügel die kleinen, hurtigen, beweglichen, grauen Gestalten auf unansehnlichen, aber lebendigen Pferden jagen, die schlanken, spitzen Lanzen in der Faust, diese gefürchtete Waffe, die einst die Franzosen von Moskau bis Paris gejagt hatte. Das "Kuli! Kuli!" der halbwilden Steppenkrieger schallte durch die klare dünne Luft Unheil drohend herüber, und im nächsten Augenblick erschien die dunkle Phalanx eines Kosacken-Regiments auf den Hügeln.

Kaum fünf Minuten lang hielt der Feind an, um sich zu sammeln und die Front zu bilden. Man sah die Offiziere hin und her sprengen, auf die sichtbaren Schwadronen der orientalischen Spahi's deutend und dann diesen Wald von Lanzen sich senken und an den Hals der kleinen Pferde pressen. Ein gellender langgezogener Schrei erfüllte die Luft, dann kam, gleich einer Schwalbe im Stoss, die ganze dunkle Reihe im Galopp daher gejagt.

Der Tod bringende Empfang belehrte jedoch die russischen Offiziere bald, dass sie hier auf andere Gegner gestossen, als auf ihre gewohnten Erbfeinde, die Moslems.

Der Chok des Kosacken-Regiments ging im vollen Galopp bis auf ungefähr 100 Schritt vor den ruhigen Colonnen der Spahi's. Da plötzlich entwickelte sich auf den Wirbel der Trommeln ein Feuer auf der ganzen Verteidigungslinie, kaum 30 Schritt von den Anstürmenden, das mit sicheren Schüssen Pferde und Reiter zu Boden warf. Im Nu sprangen zugleich die Zuaven empor und bildeten eine Phalanx von Bajonneten, an denen die Wenigen zurückprallten, die das tödtliche Feuer noch so weit halte vordringen lassen.

Die Reihen des anstürmenden Regiments lösten sich rechts und links in wilder Flucht.

"Vive l'Empereur!"

"En avant, mes braves!"

Der Säbel des Colonel winkte. Im Carriere brachen die halbcivilisirten türkischen Reitermassen vorwärts und jagten die Kosacken weit hinüber über das Tal.

Erst der langgedehnte Ton der Hörner rief die Bozuks zurück. Das Auge des tapfern und umsichtigen Führers umfasste das Schlachtfeld. Da links debouchirten dichte massen von Feinden über die Hügelreihe herauf: ein zweites Regiment Kosacken und eine Colonne Infanterie, auf den Pferden der Steppenreiter mit zur Stelle befördert, kam über die Anhöhen.

Die Signale hatten die französisch-türkische Reiterei zurückgeführt. Die Zuaven sammelten sich in Gliedern zur kühnen Verteidigung des Platzes, auf dem sie vielleicht dennoch bald ihr Leben der schrecklichen Seuche zum Opfer bringen sollten. Der Colonel war überall und ermunterte die Seinen.

Es tat Not, denn jeder blick rückwärts lehrte, dass die ekle widrige Krankheit unaufhaltsam ihre Opfer forderte.

Der leichterzige gascognische kapitän wankte an ihm vorüber, die Faust, die noch den tapfer geschwungenen Säbel hielt, auf den Magen gepresst.

"Das höllische wasser wühlt mir im Leib! Ich muss zum Doctor, leben Sie wohl, Colonel