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, seiner Schwester und deren Liebhaber, A l e k o P e l i n , dem Bojarensohn, und streifte im Auftrage der russischen Befehlshaber durch die südlichen Steppen der Dobrudscha, um nach der Kunde, die der Knabe Mauro von dem Aufbruch der Expedition gebracht, den Weg der französischen Truppen zu belauern.

Als Sarscha ihr Unglück verkündendes Lied gesungen, schritt sie einsam und finster in den Abendnebeln davon, ohne in die Hütte zurückzukehren. Sie verachtete das Gewerbe des Bruders, ja, sie achtete wohl selbst nur wenig der leidenschaftlichen Liebe des jungen Bojaren, dennoch trieb sie die Vereinsamung, die auf ihrem Stamm lag, aus den Kreisen des Volkes und liess sie dem mann sich anschliessen, der ein Herz für sie zeigte. Ueberdies lastete in der Heimat das Gerücht auf ihr, dass die Familie den Russen den Weg durch die Sümpfe von Oltenitza verraten, und wenn auch Zinka, ihre Mutter, vor jeder Gefahr durch den Ruf des bösen Auges gesichert und in ihrer einsamen Sumpfhütte unbelästigt blieb, warfen die walachischen Bauern doch schlimme Blicke auf Sohn und Tochter. Darum hatte Mungo nach seiner Rückkehr von Krajowa Sarscha und ihren Liebhaber beredet, ihm auf das rechte Ufer der Donau in's Lager der Russen zu folgen.

Der junge Zigeuner stand durch die Schlauheit und Kühnheit, die er bei jeder gelegenheit an den Tag gelegt und die durch kapitän Meiendorf gebührend gerühmt worden, bei den russischen Oberoffizieren in dem Rufe eines ihrer besten und zuverlässigsten Spione, und es fehlte ihm daher nicht an reichen Belohnungen, deren Ertrag er in der einsamen Hütte seiner Mutter verbarg. Umsichtig, keinen laut verlierend, beobachtete er unter der Maske der kriechenden Angst und Demut jetzt den Kreis der französischen Offiziere und die Aufregung, die bei der plötzlichen Kunde von dem Ausbruch der Seuche sich bald durch das ganze Bivouac verbreitete. Der günstige Augenblick der Flucht schien ihm gekommen, und indem er in die Hütte zurückkehrte, hiess er den Bojarensohn, sich der Krankenvermummung entledigen und sich dagegen in ein altes Gewand und Tuch Sarscha's verhüllen. Dann öffneten sie in der Rückwand der Hütte ein mit getrocknetem Schilf verstopftes Loch und krochen in's Freie. Der Nebel und die allgemeine Unruhe erleichterten ihr Entkommen, und zwischen dem hohen Gras der Steppe gelangten sie bald ausserhalb der Postenkette. Hier fanden sie Sarscha und alle drei eilten nun über die öde Fläche einer etwa eine Meile entfernten Stelle zu, wo zwischen zwei Hügeln die halbverfallene steinerne Umfassung eines cisternenartigen Brunnens sich erhob, der gutes wasser entielt, dessen Dasein aber der Spion sorgfältig den Franzosen verschwiegen hatte.

In der Vertiefung des Bodens ruhten hier fünf jener kleinen Steppenpferde, auf denen der Kosack die Ebenen der Dobrudscha, wie die des Dnjepr und Don durchschweift. Auf der Mauer des Brunnens sass eine dunkle Figur, die lange schlank am Nachtimmel sich abzeichnende Lanze zeigte den Kosacken; ein zweiter lag schlafend am Boden.

"Stoi! – Wer da?"

"Gutfreund, Brüderchen," lachte der Zigeuner. "Wecke rasch den Lieutenant, wir bringen Nachricht. Die Franzosen sind in der Falle."

Der Ruhende sprang empor; es war der junge Kosackenoffizier, der die Meldung des unglücklichen aber tapferen Selwan in der Nacht des grossen Ausfalls vor Silistria zu den Schanzen an der Donau hatte bringen sollen.

"Gott und die Heiligen mögen Deinen Weg segnen, Bursche. Was bringst Du für Nachricht? – Du hast mich lange warten lassen!"

Mungo berichtete, während Sarscha und ihr Liebhaber sich an dem wasser des Brunnens erfrischten.

"K tschortu!" fluchte der Kosack, "es wird unmöglich sein, sie diese Nacht zu überfallen, denn der General ist zurückgegangen und steht über zwanzig Werste von hier entfernt. Gleichviel, er muss die Nachricht erhalten, und wenn Du die Richtung ihres Marsches gut verstanden, sind wir ihnen zur rechten Zeit auf den Fersen. Zu Pferde, Freunde! zu Pferde!"

Wenige Minuten darauf jagte die kleine Schaar nach Norden zu durch die einsame Steppe. ––––––––––––––––––––––––––––

Es war um Mittagszeit, als die Franzosen und Spahi's auf ihrem traurigen Rückzug an einer Hügelkette angelangt waren, die sich nach dem Trajanswall hinzog. Hier liess der Lieutenant-Colonel die Colonne rasten, denn selbst die Gesunden vermochten in der brennenden Hitze nicht mehr vorwärts zu kommen. Die Krankheit wütete furchtbar in den Reihen, das heitere Gelächter, der übermütige Gesang der Zuaven war verstummt, – von den beiden Compagnieen fehlten bereits sechsundsiebenzig Leute, darunter der tapfere Major, der, eine Lieue von dem Halt entfernt, sein aus zehn blutigen Schlachten gerettetes Leben ausgehaucht. Eine tiefe Niedergeschlagenheit, ja Mutlosigkeit hatte sich der französischen Soldaten bemächtigt, während die Moslems jetzt die Zähigkeit ihres Charakters bekundeten und sich gleichgültig in alles Ungemach und alle Leiden des Zuges fügten.

Der Vicomte hatte verschiedene kleine Trupps zur Recognoscirung und zu Nachforschungen nach wasser ausgesandt und sich eben finster und erschöpft auf den Boden gesetzt, um einige Augenblicke auszuruhen, während unsern von ihm mehrere Soldaten eine breite Grube in den dürren Boden schaufelten, bestimmt, die Leichen des Majors und der nach der Ankunft auf dem Lagerplatz gestorbenen Krieger aufzunehmen. Ringsum zeigte die Gegend den eigentümlichen Charakter dieser Wüste. Auf den uralten Hünenhügeln sassen und flatterten mächtige Adler, gleich als begleiteten sie Tod und Beute witternd den Zug. Zahllose Völker von Rebhühnern stürzten schwirrend unter den Hufen der Pferde aus dem dürren Grase hervor, wenn einzelne Wachen von Hügel zu Hügel ritten. Grosse Heerden von Trappen