Der Vicomte befahl den Aufbruch, und – indem er es nicht über sich gewinnen konnte, die Kranken ihrem Schicksale zu überlassen, – deren Aufnahme in die nachfolgenden Araba's. Während er nach der Hütte der Zigeuner schickte, um den Führer holen zu lassen, – entstand ein wütendes Geschrei in der Gegend des Brunnens.
Mit aschbleichem Gesicht trat der alte Major zu ihm; bei dem Tapfern, der vor keiner Gefahr gebebt, malte sich Abscheu und Entsetzen in allen Zügen.
"Die Höllenbrut!" sagte er, "meine Leute haben so eben auf dem grund dieser Cisterne, deren wasser wir getrunken, drei Leichname russischer Soldaten gefunden. Der Schurke von Zigeuner musste darum wissen, die ganze Familie soll baumeln!"
Aber die Ordonnanz brachte die Nachricht, dass die Hütte leer war. Selbst der Kranke war verschwunden. Eine Nachfrage bei den Wachtposten ergab, dass schon im Anfang der Nacht der Zigeuner und seine Schwester mehrmals hin und her gegangen waren, was die Wachen, da der ausdrückliche Befehl des Colonel lautete, die Familie nicht zu belästigen, nicht beachtet hatten. So war es ihnen leicht geworden, auch über die Linie der ausgestellten Vorposten zu entwischen.
Der Eindruck, den der schauerliche, Ekel erregende Fund machte, war kaum zu bewältigen. Schon während der kurzen Anstalten des Aufbruchs mehrte sich die Zahl der Kranken. Als die Colonne sich über die öde Fläche beim ersten Sonnenstrahl bewegte, blieben mehrere Soldaten auf dem Wege zurück – alle Ermahnungen der Offiziere halfen Nichts, – die Krankheit machte bei Einzelnen so rasche Fortschritte, dass schon nach kurzer Zeit das Delirium eintrat.
Man war noch keine zwei Lieues marschirt, als der Major der Zuaven den Colonel rufen liess, der sich bald bei dem Vortrab der Spahi's, bald bei dem Nachzug der Kranken-Escorte aufhielt, überall anordnend, antreibend.
"Freund," sagte er ihm, "meine Stunde ist gekommen, der Ekel wird mich tödten. Ich fühle die Krankheit in meinen Eingeweiden; es bleibt keine Rettung für Sie und die Colonne, als dass Sie streng den Befehl des Generals befolgen. Lassen Sie mich mit den Andern zurück und suchen Sie das Corps Yussuf's zu erreichen, wo wenigstens Feld-Apoteken zur Hand sind. Ich empfehle Ihnen meine Braven, Kamerad, – retten Sie, was Sie können, davon. Dieser Feldzug wird viele französische Leben kosten."
Der tapfere Veteran war vom Pferde gestiegen und sass an einem der Steppenhügel; schon zeigten sich die Vorboten der Krankheit, doch wollten ihn seine wackern Krieger unter keinen Umständen verlassen. Der Vicomte am wenigsten. Es musste ein rascher Entschluss gefasst werden; Méricourt liess die Vorhut der Spahi's Halt machen.
"Fünfzig Mann des ersten Tabor's sitzen ab und schicken ihre Pferde für die Kranken zurück, die sie zu Fuss escortiren! In gleicher Weise wird mit den Kranken der Reiterei verfahren."
Der Mulasim1 übersetzte die Ordre; ein rebellisches Geheul der befehligten Abteilung folgte.
"Fluch über die Dschaur's! Wir wollen ihre Mütter verdammt sehen, ehe wir den ungläubigen Hunden unsere Pferde geben! Mögen sie umkommen, es ist ihr Schicksal!"
Das Rebellenblut der alten Baschi-Bozuks drohte in vollen Flammen auszubrechen, doch der Colonel verstand es zu behandeln.
"On-Baschi Jussuf!"
Der riesige Mohr, Nursädih's Bruder, ritt vor. Er verstand genug die Lingua franca, um die Befehle des Kommandirenden zu begreifen und war ein Liebling desselben, der sich, wie einst seine gemordete Gebieterin Mariam, auf seinen blinden Gehorsam verlassen konnte.
"Lass' den Burschen dort absitzen und sein Pferd zurückführen! – Bei der geringsten Weigerung weisst Du, was Du zu tun hast."
"Pek äji, Beh!"
Der Mohr wandte sich zu dem nächsten Reiter:
"Inshallah! ist es Dir gefällig, von Deinem Pferde zu steigen, mein Bruder?"
"Olmas!"
Der Halunke starrte gemütlich hinaus in die Luft, als sei der militairische Gehorsam ihm trotz der zahlreichen Prügel bei der Organisation ein unbekanntes Ding geblieben.
Ohne ein Wort zu sagen, schlug der Mohr ihn mit dem Knauf seiner Pistole so gewaltig an den kahlen Schädel, dass er aus dem Sattel zu Boden stürzte. Dann wandte er sich mit der gleich höflichen Frage an den Zweiten, der, so schnell es sein Phlegma erlaubte, dem Befehle gehorchte. Die Mulasim's machten es auf der anderen Flanke eben so und in fünf Minuten waren die Sättel geräumt und die Pferde zum Transport der Kranken bereit. So wie die Sache einmal durchgesetzt war, hörte man keinen laut des Widerspruches mehr, und die Bozuks leisteten willig den Kranken alle Hilfe.
Trotz alles Beistandes jedoch kam der Zug nur langsam vorwärts und eine immer mehr anwachsende Zahl von Leichen bezeichnete seinen schaurigen Weg, je höher die Sonne stieg, je heisser ihre Strahlen über die Fläche brannten.
Aber Seuche und Oede sollten nicht ihr einziger Feind bleiben! ––––––––––––––––––––––––––––
Die Angabe des Zigeuners, dass Krankheit des Bruders die Familie in dem Tartarendorf der Dobrudscha zurückgehalten, war insofern Wahrheit, als eines der Mitglieder der kleinen Gesellschaft allerdings am Fieber litt, doch war die Krankheit bereits den Heilmitteln der Kinder der Steppe gewichen und hätte sie nicht an der Flucht gehindert. Das Zurückbleiben geschah vielmehr absichtlich, denn der junge Zigeuner war M u n g o , der russische Spion, mit S a r s c h a