1855_Goedsche_156_562.txt

Jesus Christ in Schlummer fällt,

Steht sie auf und wandelt durch die Welt.

Als der Nordwind unsern Herrn geweckt,

Der Lieutenant der Spahi's wiederholte Vers um Vers die Worte den Zuhörern.

Je weiter er kam, desto stiller wurde es im Kreise, desto unheimlicher lagerte sich das Grauen rings umher.

Der Gascogner sprang auf.

"Cap de Bious! – Halte ein mit diesem Unkensang, der Einem das Mark in den Adern erstarren macht. Es ist Zeit genug für den Soldaten, an die Krankheit zu denken, wenn sie uns beim Schopf hat."

Ein einzelner, lauter, langgedehnter Schrei vom Ende des Bivouacs her schien ihm zu antworten.

"Der Doctor! wo ist der Doctor?"

Ein Zuave kam mit der Nachricht gelaufen, dass zwei Kameraden plötzlich bei ihrem Nachtmahl erkrankt seien.

Die beiden Chirurgen, die sich bei der truppe und in dem Kreis der Offiziere befanden, erhoben sich ziemlich langsam und gleichgültig, bis ein ernster blick des Colonel sie zur Eile mahnte. Der gang der heitern Unterhaltung war durch das Lied und die Meldung gestört, und man traf daher allseitig Anstalten zum Nachtlager, während der Vicomte unruhig mit dem alten Major auf und ab schritt, bemüht, seine Besorgniss zu verbergen.

Die Zigeunerin war nach dem unheimlichen lied wieder verschwunden, Niemand dachte mehr an die Possen, die man zur Unterhaltung mit ihr vorgehabt. Ein leichter Nebel, wie diese Sumpfgegenden stets bei Nacht aushauchen, hatte die weite Fläche eingenommen und gab den Gestalten und Gegenständen etwas Verschleiertes, Gespensterhaftes.

Plötzlich hörte der Vicomte in seinem rücken eine stimme sich anmelden:

"Monsieur le Colonel!"

Sich mit seinem Begleiter umdrehend, sah er den einen der beiden Chirurgen vor sich und das blasse erschrockene Gesicht des jungen Mannes schien ihm nichts Gutes zu verkünden.

"Was gibt es, F r e m o n t ?" fragte der Major. "Was fehlt den Leuten?"

"Ich rapportire," sagte der Wundarzt mit leiser stimme, "dass die beiden Leute von der Cholera ergriffen sind. drei Andere zeigen gleichfalls Symptome."

Die beiden Offiziere fuhren erschrocken zurück.

"Morbleu!" rief der Major, "das fehlte uns in dieser Wüste noch! Sie werden ein gewöhnliches Uebel gleich für die Seuche halten."

"Weder mein College noch ich können uns darüber irren, Herr Major," sagte der Chirurg. "Wir haben in den Lazarets in Varna Dienste geleistet und verstehen, wenn wir auch keine promovirten ärzte sind, doch genug von der Krankheit, um zu wissen, dass die vorliegenden Fälle der rapidesten Art sind."

Der Vicomte nahm den Major am Arm.

"Schweigen Sie, Herr, über die Meldung, die Sie uns gemacht und den Charakter der Krankheit, auch wenn sich noch weitere Fälle zeigen sollten. Gehen Sie zurück und lassen Sie die Kranken absondern, ich werde sogleich zur Stelle sein."

Während der Chirurg zu dem Lager zurückkehrte, führte der Vicomte den Major eine Strecke seitwärts.

"Der Zug nach der Dobrudscha," sagte er, "ist hauptsächlich unternommen, um die Truppen der Krankheit wegen abzusondern, die in Varna furchtbarer wütet, als die Bülletins zugestehen. Ich habe bestimmte Ordres für den Fall, dass die Krankheit ausbricht. Wir werden vier Stunden den Mannschaften Ruhe gönnen und uns dann auf den Weg machen. Gebe Gott, dass die Seuche sich nicht weiter verbreitet, denn – – –"

Er schwieg.

Der alte benarbte Major, der funfzehn Jahre lang in Afrika gefochten, sah ihn starr an.

"Denn – – – was dann?"

"Es ist unmenschlich, – aber die Befehle sind peremtorisch, – ich soll die an der Cholera Erkrankten auf dem Wege sich selbst überlassen."

"Fluch dem, der diesen Befehl gegeben!" rief der alte Soldat entrüstet. "Möge er selbst nicht auf dem feld der Ehre, sondern auf dem schlechten Krankenlager enden wie ein Hund. geben Sie Ihre Befehle, Lieutenant-Colonel; Major Estolles wird zu gehorchen wissen, wenn er auch den Befehl für eine Schande der französischen Armee hält."

Der Vicomte fasste seine Hand.

"Sie wissen, wie ich selbst darüber denke und wie sich mein eigenes Herz empört. Lassen Sie uns vereint alles Mögliche tun, um dem Uebel zu begegnen."

Sie begaben sich sofort zu dem Bivouac, wo statt des Schlafes bereits grosse Unruhe herrschte. Trotz aller Vorsichtsmassregeln hatte sich die Nachricht von dem Ausbruch der Cholera bereits verbreitet, und die unerschrockenen, leichterzigen Krieger, die ohne Bedenken den Feuerschlünden einer Batterie entgegen gingen, steckten die Köpfe zusammen und zitterten bei dem Gedanken an den Tod durch die Seuche.

Die Befürchtungen waren leider nicht unbegründet. Von den dreihundert Zuaven waren, als die Offiziere an die Stelle kamen, die sofort durch Wachen isolirt wurde, bereits vierzehn Mann von der Krankheit ergriffen; vier davon rangen in Todeskämpfen und starben während ihrer Anwesenheit.

Der Aeltere der beiden Chirurgen erklärte, dass das wasser des Brunnens den rapiden Ausbruch herbeigeführt haben müsse.

Der Colonel liess Schildwachen an den Brunnen stellen und befahl, ihn bei dem nächsten Tageslicht zu untersuchen.

Ausser den abseits lagernden und um die drohende Gefahr unbekümmerten Moslems schlossen nur Wenige in dieser Nacht die Augen. Die Rapports der ärzte wiederholten sich von Stunde zu Stunde; als die Morgendämmerung anbrach, waren bereits vierunddreissig Erkrankungen unter den Zuaven, drei unter den Spahi's, gemeldet.