1855_Goedsche_156_561.txt

Nahrung ist der Tau des himmels, den wir auffangen."

"Also sind die Quellen dieses Bodens gefährlich?"

"Es gibt gute und schlechte, wie sie Gott gemacht hat. Unser Gesetz befiehlt uns, das wasser des himmels aufzufangen."

"Du kennst diese Gegend?"

"So ziemlich. Wir sind zwar auf der Flucht vor den Moskows hierher gekommen, aber ich habe sie in diesen Tagen viel durchstreift."

"Du sollst uns morgen früh zum Führer dienen und gut dafür bezahlt werden."

"Das Kind Aldobarans wird dem Befehl des tapfern Franken gehorchen. Welchen Weg befiehlst Du, dass ich Euch morgen führe?"

"Wir werden den Russen nach Isler zu folgen. Wie weit entfernt ist die See?"

"Kara Irman ist eine Tagereise von hier."

"Der General," wandte sich der Colonel zu den Offizieren, "wird auf der Hälfte des Weges zu uns stossen."

"Wissen Sie, Vicomte, wie weit Yussuf Befehl hat, vorzudringen?" fragte der Major, welcher die beiden Compagnieen kommandirte.

"Ich weiss nur, dass die Colonne am 5. in Varna zurück sein soll."

"Sie glauben also an eine Einschiffung?"

"Alle Zeichen deuten darauf hin, doch ist Zweck und Zeit geheimnis der Oberbefehlshaber."

"Cap de Bious! Was kann es anders sein, als Sebastopol. Wir werden Sebastopol nehmen und gegen Moskau marschiren."

"Der Weg möchte etwas weit sein, kapitän," sagte lächelnd der Colonel.

Der letzte teil des Gespräches war zwar französisch geführt worden, dennoch horchte der Zigeuner eifrig darauf, gleich als könne er es verstehen.

Die Offiziere hatten ihre Zuflucht zu den Feldflaschen genommen, und das unvermischte GetränkRum, schlechter Cognac oder Wermut-Liqueurmachte fleissig die Runde. Es war bereits finster geworden und die Soldaten begannen sich zu lagern.

"Pest!" sagte der Gascogner, "es ist doch eine verfluchte Gegend, und mir ist immer, wenn ich mich umschaue, als müsste ich hier meine Gebeine lassen. Wenn die Herren Russen uns nur wenigstens noch einige Motion verschaffen wollten. He, Bursche!" er wandte sich zu dem jungen Zigeuner, "lass die junge Hexe, Deine Schwester, uns wahrsagen, oder uns etwas vorsingen und tanzen, Ihr Zigeuner versteht ja allerlei Teufelskünste."

Die Offiziere fielen im Chor ein mit jener Ungenirteit, die im französischen Dienst ausser unter'm Gewehr zwischen den Offizieren aller Grade, ja selbst zwischen diesen und den Mannschaften herrscht, und die sich in ihrem Vergnügen wenig um die Gegenwart des Obern kümmert.

Der Zigeuner war in der Erdhütte verschwunden und kam gleich darauf mit dem Mädchen an der Hand wieder zum Vorschein. Der rote Glanz des Feuers beleuchtete die in phantastische Lumpen gehüllte Gestalt, aus dem Kopftuch, das ihr schwarzes Haar umhüllte, schauten die dunklen Augen kalt und finster auf die Gesellschaft. Ihre Hand hielt die kleine, der Balaleika ähnliche Citer der Bulgaren.

Der Colonel wandte sich freundlich zu dem Mädchen.

"Willst Du uns eines Deiner Nationallieder vorsingen, so soll ein Geschenk Dir die Mühe lohnen."

Der Zigeuner sprang dazwischen.

"Sarscha versteht die Lingua Franka nicht, blanker General. Sie spricht nur Türkisch und Bulgarisch."

"Dann, meine Herren," sagte lächelnd der Vicomte, "werden wir auf das Vergnügen eines nationellen Concerts als Nachtisch wohl verzichten müssen, denn mit unserm Türkisch ist es noch schlecht bestellt."

"Nicht doch, Colonel. Wir rufen F r a n c o n v i l l e von Ihren Spahi's, der kann uns dolmetschen. Er spricht Türkisch wie wasser."

Nach wenig Augenblicken schon kam der Gerufene herbei, einer jener französischen Abenteurer, die sich seit vielen Jahren im Orient aufhielten und jetzt vielfach als Dolmetscher von den Truppen verwendet wurden. Er war Unterlieutenant bei den neu organisirten orientalischen Spahi's und erklärte sich bereit, jeden Vers der Sängerin auf Französisch zu wiederholen.

"Lass Deine Schwester beginnen. Dieser Herr wird uns jeden Vers übersetzen."

Das Mädchen sah mit einem seltsamen blick auf die Gruppe, die neugierig und schweigend lauschte. Dann griff sie in die saiten, dass die Dissonanzen widerlich hinaus schallten in den Kreis, der sich immer zahlreicher um sie bildete, und begann mit einer eintönigen und dennoch weitin dringenden stimme jenen furchtbaren Gesang, in dem der apatische bulgarische Charakter alle jene Jahrhunderte alten Klagen gegen den Halbmond in der Geissel der Gegenwart zusammendrängt:

"über das Gebirge kam die Pest,

Hinter Stambul ist ihr schwarzes Nest.

Grün war das Gebirg' und schön betaut,

Aber es verdorrten Baum und Kraut.

Und das Heilkraut ist zuerst verdorrt,

All' die kleinen Vöglein flogen fort.

Dann vom Berge schritt die Pest in's Tal,

In Pravadi fing sie an die Qual.

Klopfend ging sie dort von Haus zu Haus,

Leichen warf man auf das Feld hinaus.

Erst nur Türken traf ihr schwarzer Hauch,

Später traf er fromme Christen auch.

Auch die Raben flogen fort vom Schmaus,

Nur der Storch blieb auf dem leeren Haus.

Auch der Treue fiel zuletzt vom Dach,

Und es fielen ihm die Jungen nach.

Schwarz vor Aerger ist die Pest zu sehe'n,

Einen schwarzen Schleier lässt sie weh'n.

Sie ist eine stumme, alte Frau,

Welk ist ihre Brust, ihr Auge grau.

Nur wenn