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Krankheiten zu steuern, die Truppen in weitern Distancen zu dislociren oder auf Expeditionen auszusenden. Die ungeheure Anhäufung von Menschen auf einem Punkte, die unerträgliche Hitze und die Ausdünstungen der Unreinlichkeiten aller Art, welche, trotz der strengsten Verbote, nach orientalischer Gewohnheit die Strassen und den Hafen Varna's füllten, hattenwie wir bereits gesehendie Cholera mit gefährlicher Heftigkeit ausbrechen lassen. Der Marschall sandte daher einen grossen teil der Flotte mit einer embarkirten Truppenzahl unter Canrobert und Sir George Brown mit geheimen Instructionen an die Küsten der Krimm ab.

Diese Instructionen gingen, wie die griechischen Spione richtig ahnten, nicht auf eine Landung und einen Angriff Sebastopol's aus, sondern Lauf eine möglichst genaue Recognoscirung der Küsten und ihres Fahrwassers.

Eine solche war um so notwendiger, als die Russen das schlaue Manöver gebraucht hatten, Seekarten über die Ufer des Schwarzen Meeres zu verbreiten, welche absichtlich falsch und darauf berechnet waren, jeden Feind zu täuschen.

Zugleich mit der Expedition zur See war eine Landexpedition gegen die russischen Truppen beschlossen worden, welche die Dodrudscha noch besetzt hielten. Diese Expedition erfüllte, wie bereits erwähnt, den doppelten Zweck, das durch die Untätigkeit bei der Belagerung von Silistria bereits erschütterte Vertrauen der Türken auf ihre Alliirten wieder zu kräftigen und die Truppen zu trennen.

Oberst Desaint, welcher die Dobrudscha durchstreift, hatte die Nachricht überbracht, dass zwischen Matschin, Tultscha und Babadagh noch 10,000 Mann russische Infanterie mit 2 Husaren-Regimentern sich befänden. 1200 kosacken standen als Vorhut in der Nähe von Küstendsche.

General Yussuf, der berühmte afrikanische Parteigänger, hatte mit Oberst Beatson eben die Organisation der Baschi-Bozuks, unter dem Namen der "orientalischen Spahi's" vollendet. Der Marschall vertraute ihm das geheimnis der Krimm-Expedition und wie nötig es sei, die Russen durch eine Diversion in anderer Richtung zu fesseln. Er erhielt demgemäss die Ordre, mit seinen 3000 umgeschaffenen Reitern und zwei Bataillonen Zuaven, unter Bourbaki in die Dobrudscha vorzudringen und die Russen zu beunruhigen. Zu seiner Unterstützung wurden staffelweise drei Divisionen aufgestellt, deren erste unter General Espinasse, dem Commandant en chef der Expedition, der leichten Avantgarde folgen sollte, während die Divisionen des General Bosquet und des Prinzen Napoleon als zweite und dritte Linie aufgestellt blieben.

Am 4. August sollten die Truppen wieder eintreffen, um sich am 5. zur Krimm-Expedition einzuschiffen.

Man hatte nur Eines in diesem Plane vergessen.

Dies Eine wardie C h o l e r a .

Das Ziel des Marsches für die Division Espinasse war Küstendsche, wo der General sein Lager aufschlagen sollte, um von hier aus die fliegende Colonne Jussuf's zu unterstützen.

Es ist ein trauriges Land, die Dobrudscha, und eine Armee, die es durchzieht, hat mit unsäglichen Mühseligkeiten zu kämpfen, die sich steigern, je näher man dem Donau-Delta kommt. In der nächsten Umgebung Varna's, bis auf etwa 6 Meilen, durchwandert man waldiges Terrain; bald darauf aber sieht man keinen Baum, keine Schlucht mehr, nur von Entfernung zu Entfernung Senkungen des Erdreichs, in denen sich das Sumpfwasser sammelt. Das Auge schweift über die Flächen, ohne einem gegenstand zu begegnen, der das geringste Interesse fesseln kann; nicht ein Bach frischen Wassers bewässert jenes trostlose Gelände. Am dritten Tag schlug die Division ihr Bivouac in Kavarnac auf. Von da an bestand das, was man Dörfer nannte, aus elenden Hütten von trockenen Steinen, aus denen sich die bulgarischen Familien bei der Ankunft der Franzosen geflüchtet hatten, auf ihren Armen oder ihren zerbrochenen Araba's davontragend, was sie ihr spärliches Besitztum nannten.

Am 25. Juli kam die Colonne in Mangalia anes lag in Trümmern. Schon am andern Nachmittag verliess sie wieder den Ort und wanderte durch trostlose Haiden, auf welche die Sonne ihre glühenden Strahlen sandte. Man nahte dem Trajanswall, über den hinaus bereits Yussuf mit seiner mobilen Colonne schwärmte, und schlug das letzte Bivouac vor Küstendsche, zwischen zwei Höhenzügen, auf. Der Boden hob sich hier wellenförmig, die Oede war hin und wieder belebt, aber es waren nur Trupps wilder Pferde, die sie durcheilten. Schwärme wilder Gänse, die aus den Sümpfen mit lautem Geschrei aufflogen bei der Annäherung des Zuges, oder das Gekreisch der Adler, die in den Lüften ihre Kreise zogen und so wenig an eine Störung gewöhnt waren, dass sie die Soldaten dicht an sich herankommen und mit den Gewehren nach sich schlagen liessen, ehe sie sich erhoben.

Wenn die Nacht kam, dann umkreiste der wilde Hund oder der Schakal mit seinem klagenden Geheul das Lager und die Schildwachen sahen ihre formlosen Schatten über die Fläche stieben.

In dieser Nacht brach ein furchtbares Gewitter aus, das einen sinnbetäubenden Eindruck auf die ermüdeten Soldaten machte. In wenig Augenblicken war das ganze Lager durch hundert Giessbäche unter wasser gesetzt. So kam man nass und erschöpft unter dem Strahl der glühenden Sonne am anderen Morgen in Küstendsche an, aber man fand einen Trümmerhaufen, dessen Ruinen zum teil noch rauchten, so dass General Espinasse eine Stunde davon sein Lager aufschlagen musste. ––––––––––––––––––––––––––––

Es war am Abend des 28., als eine ziemlich starke Abteilung der orientalischen Spahi's und zwei Compagnieen des ersten Zuaven-Regiments unter Lieutenant-Colonel oder Colonel, wie er unter den Organisirten genannt wurde, Vicomte d e M é r i c o u r t , durch die öde, wellenförmige, zum teil schon hier in Sumpf auslaufende