1855_Goedsche_156_558.txt

am grünen Wall neben einer offenen Grube ein Mann, bleich, aber fest und mutig – –

Zehn Schritt von ihm traten eben zwölf türkische Nizams an, die Kolben ihrer Gewehre rasselten aus den Boden.

So rasch der General gerittenNursah, der schwarze Knabe, war dennoch früher zur Stelle, als er, und stürzte sich zwischen die Soldaten und seinen Herrn, diesen umklammernd und mit seinem leib schützend.

"Rettung, Herr! Rettung! Du wirst leben!"

Aber der Arzt stiess ihn verächtlich von sich. "Ich mag keiner Gnade ein ehrloses Leben verdanken. Jüs-Baschi, kommt zu Ende!" Bei diesem aber hielt bereits der General. "Sprecht Ihr französisch, Herr?" "Du sagst es, Excellenz." "Was wollt Ihr mit dem Mann da tun?" "Inshallah! Wie Gott will! Er soll erschossen werden. Er ist ein Spion und das Kriegsgericht hat ihn verurteilt." "Dummheiten!" sagte der General. "Wir können unsere ärzte besser brauchen, als sie von Euch Türken erschiessen zu lassen. Der Mann ist unschuldig und ausserdempackt Euch zum Teufel!" Der Jüs-Baschi glotzte ihn gross an. "O meine Seele! was soll ich sagender Mann, Excellenz, ist mir vom Pascha übergeben und ich muss ihn erschiessen lassen." Der General wandte sich kaltblütig zu seiner Suite, die eben herankam. "Montaigne, reiten Sie nach dem Tore zurück, das, wie ich sehe, eben das erste Regiment verlässt. Beordern Sie eine Compagnie hierher und lassen Sie den Platz mit dem Bajonnet räumen, wenn diese schmuzigen Schufte sich nicht bis dahin aus dem Staube gemacht haben." Ohne sich weiter um den erschrockenen Moslem zu kümmern, ritt er zu dem Verurteilten, der staunend die unerwartete Scene mit angehört hatte.

"Sie sind frei, Herr," sagte der General freundlich, "aber es wird gut sein, wenn Sie für einige Zeit ohne Zögern Varna verlassen. Doctor Maineville von den dritten Zuaven ist erkrankt und zurückgeblieben. Sie werden den türkischen Dienst quittiren und seine Stelle einnehmen."

Der Uebergang von dem Gefühl des sicheren Todes zum frischen gesicherten Leben war zu plötzlich, zu überraschend, um nicht selbst das kräftigste Herz zu erschüttern. Einige Augenblicke wankte der Arzt, wie ein Betäubter, unter dem Schlage, dann raffte er sich auf und streckte beide hände nach dem General aus.

"Excellenztäuschen Sie einen Unglücklichen nichtmein Name ist beschimpft, meine Ehre verloren! ich bin als Spion verurteilt!"

"Ich weiss, ich weiss," sagte ungeduldig der General. "Wir wollen das später in Ordnung bringen. Ihre Rettung danken Sie dem kapitän hier und dem geständnis dieses schwarzen Burschen da, der, wie ich höre, die ganze Spionage geleitet hat."

Der Mohrenknabe sah aus den Augen und Geberden, dass von ihm die Rede war. Er umfasste demütig die Füsse seines Herrn. –

"O Vergebung, Effendi! Du, dem ich so viel verdanke, Dein Zorn wäre bitterer, als der Tod."

Aber der Arzt stiess ihn empört und heftig von sich, dass er weitin zu Boden taumelte.

"Verräter! Du hast meine Liebe und Güte mit Verrat Deines Herrn gelohnt, – geh' aus meinen Augen, für immer, Bube!"

"Nehmen Sie eines meiner Handpferde, Doctor, bis wir zur Colonne kommen," befahl der General. "kapitän Depuis, nehmen Sie den schwarzen Burschen da mit zurück und übergeben Sie ihn dem Commandant de Place zur weiteren Untersuchung. Und nun, meine Herren, vorwärts, denn wir müssen die Verspätung einholen."

Der Arzt sass bereits im Sattel des Pferdes, das ein Reitknecht ihm zugeführt. Depuis und der Kiradschia waren mit dem schwarzen Knaben beschäftigt, den die Hand des deutschen Arztes von sich geschleudert und der, betäubt, mit blutender Stirn, am Boden lag.

Der mitleidige Offizier hatte ihm Jacke und Tuch geöffnet und versuchte, ihn zum Leben zurück zu bringen.

Plötzlich sprang er erstaunt empor.

"Ein Weib, Excellenz, – es ist ein Weib!"

Der General blickte schlau und lächelnd bald auf den Arzt, bald auf die Gruppe. Es konnte kein Zweifel sein, – die Gestalt, die schwer atmend und eben erwachend vor ihnen lag, gehörte einem weib. Der volle üppige Busen in seiner Ebenholzschwärze quoll aus dem zerrissenen Obergewande den Blicken entgegen. Eine Schnur schlang sich um den festen kräftigen Hals und schien auf der wogenden Brust etwas Glänzendes, gleich einem Ringe, zu halten. – "Parbleu!" sagte spöttisch der General, "das Abenteuer wird immer interessanter. Doch, Weiber, kapitän, haben stets das Privilegium des Verrats und deshalb lassen Sie die schwarze Schöne laufen, sobald sie wieder zu sich gekommen. Galopp, meine Herren!" Dahin sprengte die Cavalcade. Einen blick nur hatte der Arzt auf das ohnmächtige Mädchen geworfen und dieser eine ihm das Rätsel gelöst, das in dem Knaben ihm schon beim ersten Begegnen bekannte Züge gezeigt hatte. NursahNursädih!

Fussnoten

1 1856. 2 Es ist Feuer!

Cholera morbus!

Während bereits von Paris her die Krimm-Expedition im Geheimen beschlossen war und Marschall St. Arnaud seine Vorbereitungen in Varna traf, ergab sich die notwendigkeit, teils, um die Aufmerksamkeit der Russen von diesen Vorbereitungen abzulenken, teils, um dem weitern Umsichgreifen der