"Es ist die Schildwache, sie ist ermordet!"
In demselben Augenblicke schoss eine Flammengarbe in die Höhe, das Lazaret an der anderen Seite des Platzes stand in Feuer. In dem hellen Schein, der sich weitin ergoss, huschten einzelne dunkle Gestalten an den Mauern und zwischen den Baracken hin.
"Höll' und Teufel! Die Mordbrenner haben das Lazaret angesteckt. Dort fliehen sie! hinter ihnen dr'ein!"
Der Kiradschia hielt ihn zurück.
"Das Magazin! das Magazin!"
Ein blick belehrte die Franzosen, dass auch hier das bübische Werk im Gange sei: zwei, drei Flämmchen schlugen aus den Dächern eines angebauten kleinen Häuschens.
Der Flintenschuss eines Soldaten knallte hinter einer jener dunklen Gestalten d'rein, die an ihnen vorüberhuschen wollte; mit geschwungenem Degen sprang der kapitän auf eine zweite los, indem er dem Unteroffizier zuschrie, die Ausgänge des Platzes zu besetzen.
Zugleich rollten entfernte Trommelschläge durch die Strassen und fanden bald ihr hundertfältiges Echo. Menschen kamen in vollem Lauf herbei, mit jedem Augenblicke mehrte sich ihre Zahl.
Der Verfolgte war dem kapitän unter der Hand verschwunden. Während der Hilferuf Nursah's und des Kiradschia's bald Menschen genug herbeiführte, um für die Rettung des Magazins zu wirken, forschte der kapitän nach den Mordbrennern, da er überzeugt war, dass sie noch irgend wo in der Nähe verborgen sein müssten.
Wir haben bereits gesehen, wie sie entdeckt worden. Geurgios und fünf seiner gefährten, von den Franzosen überrascht, hatten sich in eine der Barakken geflüchtet, gewiss, in dem folgenden Gedränge zu entkommen. Die Aufmerksamkeit des Capitains verhinderte ihren Plan.
Auf Befehl des Marschalls waren die Gefangenen nach dem Pascha-Konak, als dem nächsten sich eignenden Platz, gebracht worden, der sofort wieder von französischen Wachen besetzt wurde, indem man ohne Weiteres die albanesischen und kurdischen Freischaaren hinausjagte und die aus dem Lazaret geretteten Kranken hier einquartirte. Obschon das türkische Regiment in der von den Alliirten besetzten Stadt eine Null geworden, machte doch der Marschall Sali-Pascha die bittersten Vorwürfe über die schlechte Polizei, die er übe und dieser hütete sich daher wohl, von dem Vorfall im eigenen haus zu sprechen, um so mehr, als er ihn zu seinen besonderen Zwecken auszubeuten suchte.
Als nämlich durch das Geschrei Nausika's, der Nedela, – das sie erst erhob, nachdem sie die beiden Griechen hatte entfliehen sehen, und durch den Feuerlärm der Pascha herbeigeführt worden, hatte die Schlaue ihm allerlei Lügen von dem plötzlichen erscheinen bewaffneter Männer bei ihr erzählt, um sich so gegen ihn und den Baronet sicher zu stellen, ohne jedoch ihre Bekanntschaft mit Caraiskakis zu verraten, und die Aufmerksamkeit nach dem Gemach des Gefangenen gelenkt. Man fand die Tür von diesem selbst geschlossen und den Arzt noch immer mit dem Baronet beschäftigt.
Die Moslems haben einen unbegränzten Glauben an die Geschicklichkeit der fränkischen ärzte, und der Pascha überliess daher den Verwundeten, nachdem er erfahren, dass ihn einer der eingedrungenen Diebe oder Mörder verletzt, der weitern Hilfe des Doktors, indem er zwei Khawassen als Wache dazu stellte, während er selbst sich mit jener türkischen Ruhe zur Brandstätte begab, die Alles Gott anheimstellt.
In dem Audienzzimmer des Pascha's war sofort ein Kriegsgericht gebildet worden, das die gefangenen Mordbrenner verhörte; – Adjutanten eilten hin und her, den Oberbefehlshabern ihren Rapport zu bringen, der Konak schien plötzlich zum Hauptquartier geworden.
Die Tatsachen lagen so klar, dass das Verhör der fünf Griechen nur kurz war. Das zeugnis des Capitains bekundete, dass man sie in der Nähe des Arsenals und der ermordeten Schildwache und noch verschiedenes Material zur Brandstiftung in ihren Taschen gefunden hatte; die Aussage Nursah's, dass der Plan ein verabredeter gewesen. Vier der Angeklagten leugneten auch weder die Absicht, noch die Tat, weigerten sich aber entschieden, ihre Freunde und Helfer und deren Verstecke zu verraten. Nur Einer, von der wütenden Menge übel zugerichtet, bezeichnete das Haus, in dem die Führer sich aufzuhalten pflegten und man die Beweise ihrer Verbindung finden würde, und dessen Lage der Knabe Nursah nur unvollkommen anzugeben vermocht hatte.
Vergebens hatte er während seiner kurzen Aussage versucht, auf die Unschuld seines Herrn zurückzukommen, der Vorsitzende des Kriegsgerichts, nur mit der Feststellung des vorliegenden Verbrechens beschäftigt, verwies alles Weitere auf später – oder an das türkische Gericht, das den Arzt verurteilt.
Während das Kriegsgericht zur Fällung des Urteils sich zurückzog, war kapitän Depuis mit einem türkischen Offizier kommandirt worden, mit Hilfe Nursah's den Schlupfwinkel der Griechen aufzusuchen und zu durchforschen. Als das Kommando sich auf den Weg machte, begann bereits die helle Nacht des Orients sich in die klarheit jener wunderbaren Morgenröte zu verwandeln, die Meer und Land mit ihren Farbendinten überschüttet.
Die Zeit wartet nicht – die Zeit fliegt.
Die Strassen waren noch gefüllt von dem Trubel der Nacht, die erbitterte Menge wich nicht von den Türen des Konaks, sie verlangte die Hinrichtung der Mordbrenner, die ihre schutzlosen Kameraden geopfert. An andern Stellen machte sich die Bewegung bemerklich, die dem Aufbruch grosser Truppenmassen vorangeht.
Mit dem Aufgang der Sonne sollten die noch zurückgebliebenen Colonnen nach der Dobrudscha aufbrechen, im Laufe des Morgens die Escadre unter Segel gehen.
Beim Licht des Tages gelang es Nursah, sich leichter zu orientiren und das Haus, aus dem er entflohen, zu finden. Eine unsägliche zu Angst spannte alle seine Geisteskräfte, beflügelte seine Schritte.
Aber das Haus war leer – Gregor