der Türkei ist ein schreckliches Ding, so häufig es auch vorkommt. An vernünftige, einigermassen wirksame Löschanstalten ist selbst in Constantinopel nicht zu denken. Das, was vor Allem bei dem Löschen fehlt, ist wasser! man müsste es geradezu kaufen. Die Bauart der Strassen und Häuser ist so eng und gefährlich, dass man sich meist damit begnügen muss, das brennende Quartier abzusperren und das Weitere dem Himmel anheimzustellen.
Das tut der Türke überhaupt immer – es ist sein Kismet.
Die Feuersbrunst auf dem übrigens ziemlich freien platz war nicht weniger schrecklich, als wenn sie in dem engsten Quartier stattgefunden, furchtbarer noch durch die Stätten, die sie ergriffen.
Auf der einen Seite stand das Lazaret in vollen Flammen; auf der andern war ein grosses Gebäude, das zum Militair-Magazin diente und an das sich gleich Schwalbennestern lange Reihen jämmerlicher Hütten klebten, zwar bereits von dem Feuer ergriffen, doch wurden die französischen Sappeurs, die rasend arbeiteten, denn in den untern Räumen lag eine bedeutende Quantität Pulver, – offenbar hier der Flammen Herr.
Desto furchtbarer, über alle Beschreibung, war der Anblick des brennenden Lazarets, das von den Mordbrennern an mehreren Orten angesteckt worden und durch seine leichte Bauart mit vielem Holzwerk der Verbreitung der Flamme weniger Widerstand entgegen gesetzt hatte, als das grösstenteils aus Stein errichtete und nur von grossen hölzernen Anbau's gefährdete Magazin.
Das Militair, namentlich ein französisches Linienregiment, das zum Aufbruch am andern Morgen bestimmt und daher marschfertig consignirt war, hatte bereits begonnen, eine Chaine um die Brandstätte zu bilden. wasser war nicht zu haben, denn der nächstliegende Brunnen war bald erschöpft und das Meer zu weit entfernt; man musste das Gebäude den Flammen überlassen und nur noch versuchen, die einem schrecklichen tod verfallenen Kranken zu retten.
Aber es fehlte an Leuten, an allen Hilfsmitteln, die nicht die braven Truppen selbst herbeischaffen konnten. Durch die eingeschlagenen Türen und Fenster des Erdgeschosses schwangen sich unbekümmert um Feuer und stürzende Balken, die Tapfern in den Flammenpfuhl und trugen auf ihren rücken die Kranken heraus, gleichgültig gegen die Ansteckung der Seuche. Der ganze Boden umher, grell beleuchtet von der Flamme, war bedeckt mit jammernden halbnackten Gestalten, oft schon in der Agonie des Todes, den Flammen entrissen, um im nächsten Augenblick doch dem unbarmherzigen Würger in die arme zu fallen. Die Soldaten riffen ihre Mäntel vom Gepäck, um die Armen zu bedecken.
Dennoch fanden mindestens sechszig Menschen, Kranke und kecke Wagehälse, die sich in die Unmöglichkeit stürzten, ihren Tod in den Flammen, und wenn einer der Unglücklichen für Augenblicke an einer der obern Oeffnungen oder beim Einstürzen einer Wand erschien und die arme vergeblich hilfesuchend nach Unten streckte, bis das stürzende Balkenwerk, der Flammenwirbel ihn verschlang, brach ein Gebrüll der Wut und des ohnmächtigen Grimms aus der Menge, als wären tausend Tiger auf dem engen raum versammelt.
Der Marschall S a i n t A r n a u d mit dem Prinzen, den Generälen Bosquet und Epinasse und einem zahlreichen Stabe hielt auf dem Platz mitten im Gedränge und erteilte seine Befehle, während um den englischen Oberbefehlshaber erst wenige Offiziere versammelt waren, da die meisten Truppen der Briten weit ausserhalb der Festungswerke lagerten. Lord R a g l a n wandte alle Aufmerksamkeit der Rettung des Magazins zu, das Werk der Menschenliebe seinen Alliirten überlassend.
Plötzlich brach ein Geheul wilden Frohlockens über den Platz, Alles übertäubend, als jubelte eine Legion von Teufeln durch die Luft. "Les incendiaires! les incendiaires!" und wie ein Sturmwind flog die Nachricht über die Menge, dass in den Hütten am Magazin eine Bande der dahin geflüchteten Brandstifter, Griechen, entdeckt und ergriffen worden sei.
Das Getümmel wurde fürchterlich, unbeschreiblich.
"Zum Marschall! zum Marschall! In's Feuer mit ihnen!" heulte der Ruf. Mit Kolbenstössen, ja, mit Bajonnetstichen musste die starke Escorte, welche die Gefangenen umgab, sich Bahn brechen durch die Menge und die Unglücklichen verteidigen.
Tausend hände waren gegen sie erhoben, tausend wutflammende Gesichter umdrängten sie, ihnen hundertfachen Tod drohend. Einige der Gefangenen, – es waren ihrer sechs – mussten von Soldaten der Wache geschleppt werden, denn die ersten Misshandlungen der wütenden Franzosen hatten sie des Gebrauchs ihrer Glieder, beraubt oder betäubt – Einer dagegen, das bleiche Gesicht Blutstropfen überperlt, die aus einer Stirnwunde flossen, ging fest und aufrecht; seine hände waren mit einer Offizierschärpe auf den Rükken geschnürt.
Ein blick genügte für Gregor Caraiskakis – er erkannte G e u r g i o s , den Fanarioten. Hinter den Gefangenen, den blossen Degen in der Hand, den Offizier der Escorte unterstützend, schritt der kapitän D e p u i s , an seinem Arm hing ein schwarzer Knabe, ängstlich sich zusammenschmiegend, – N u r s a h , der Diener des verurteilten Arztes, und an seiner Seite P a s w a n , der Kiradschia.
Der blick auf Geurgios und Nursah hatte dem Führer der Elpis alle drohende Gefahr entüllt; dennoch konnte er sich nicht entschliessen, nach dem Schlupfwinkel zu eilen, in dem die griechische Verschwörung das Netz ihrer Fäden concentrirt hatte, um zu sehen, ob hier noch ihre wichtigen Papiere zu retten seien; ausser der Mauer von tobenden Menschen fesselte ihn das Interesse an dem Bundesbruder.
Die zaudernde Wahl sollte jedoch bald und schrecklich entschieden werden.
Kaum zehn Schritt noch von dem Marschall entfernt, brach plötzlich durch die finstern Blicke des Fanarioten voll Hass und Todesverachtung