die hände nach ihr aus, die ehemalige Odaliske schien jedoch wenig beeilt, sich seiner sorge anzuvertrauen.
"Du kommst von Janos, meinem Vater – es sind Jahre vergangen, dass ich nicht von ihm hörte und ich bin seine Tochter nicht mehr."
"Du bliebst es, denn Du warst ein willenloses Opfer des Frevels. Er hat ihn gerächt, aber er ist selber hinüber gegangen zu den Gefilden der Glückseligen. Ich vollziehe sein Erbe, indem ich Dein Retter und Schützer werde für's Leben."
Selbst die Nachricht von dem tod ihres Erzeugers, schien nur wenig Eindruck auf das in den Intriguen und Gelüsten des Harems verdorbene Herz der Schönen zu machen.
"Wohin willst Du mich führen, wenn ich Dir folge?" fragte sie.
"Ich werde Dich an einen sichern Ort geleiten, wo Du bleibst, bis diese Kriegsstürme ausgetobt. Du wirst mit Nicolas, meinem Bruder, nach dem russischen Gebiet fliehen."
Das Mädchen schüttelte verächtlich den Kopf.
"Wozu? ich habe Freunde hier – der Beisädih ist mein Beschützer."
"Fluch über den Verräter! Sein falsches Herz hat das Leben meiner eigenen Schwester gebrochen, und er wird Dich eben so verstossen, wie er sie verstossen hat. Die Rache ist auf seinen Fersen."
"Du bist sein Feind?"
"Bis über das Grab hinaus. drei Dinge führen mich hierher: Dich zu holen, den gefangenen Freund vor dem schimpflichen tod zu retten und mich an dem Inglis zu rächen. Wo ist er?"
Die Odaliske sah ihn mit einem seltsamen, forschenden blick an.
"Meinst Du den deutschen Arzt, den der Inglese hat zum tod verurteilen lassen?"
"Denselben. Er kannte Deinen Vater – er ist für uns're Sache in Gefahr."
"Und Du willst ihn retten vor seinen Feinden und diese verderben?"
"So wahr mir die Märtyrer helfen mögen, ja!"
Sie fasste seine Hand, – ihr Hauch blies die Lampe aus, dass er in dem Dunkel des Gemaches die frohlokkende Miene nicht sehen konnte:
"Bist Du bewaffnet?"
Er legte ihre Hand auf seine Brust, sie fühlte unter dem Gewand die Knäufe der Pistolen und den Griff eines Dolches.
"So komm'!"
Sie zog ihn hastig durch mehrere Gemächer; die Matten und Teppiche dämpften das Geräusch ihrer Schritte. Dann auf eine letzte Tür deutend, deren Spalt einen hellen Lichtschimmer ausströmen liess, flüsterte sie: "Dort! ich erwarte Dich!" und entfloh.
Gregor Caraiskakis näherte sich der Tür, durch die ihm zwei bekannte Stimmen entgegenschallten. ––––––––––––––––––––––––––––
In einem Gemach des steinernen Hauptgebäudes des Pascha-Konaks, wohin er nach dem Kriegsgericht gebracht worden, sass der deutsche Arzt, bemüht, mit möglichster Fassung und Ergebung das traurige Schicksal zu erwarten, das ihm für den nächsten Morgen zuerkannt worden.
Er vermochte nicht zu entscheiden, ob seine Verteidigung mehr an dem bösen Willen oder der Gleichgültigkeit der Beisitzer des Gerichts gegen ein Menschenleben gescheitert war, aber bei dem vollen Bewusstsein seiner Unschuld blieb er doch gerecht genug, anzuerkennen, dass die Beweise gegen ihn schwer und erdrückend gewesen. –
Die Nacht vor einem Duell, – die Nacht vor der Hinrichtung, – les derniers heures d'un condamné, – sind eine Zeit, die der Dramatiker und Romanschreiber wohl mit Redensarten von Ruhe und Heroismus ausfüllt, deren Furchtbarkeit aber selbst für das bestgeordnete Gewissen nur Der zu fassen versteht, der Aehnliches erlebt. –
S t e r b e n – diese grosse Schlussscene des Lebens, auf die man sich niemals vorbereitet! – S t e r b e n – dieses unsägliche und undurchdringliche geheimnis des Daseins, mit dessen Lösung das grösste Elend uns zufriedengestellt sehen würde, mit dessen unheimlichem Rätsel alles Glück und alle Güter der Erde uns schwarz erscheinen! – S t e r b e n – jene Hoffnung der Liebe und des Unglücks, jene Marter des Gewissens und des Genusses! – S t e r b e n – jene heilige Phantasie des Glaubens und jene schreckliche Leugnung der Selbstständigkeit des electrischen Funkens, Leben genannt durch die ärzte und Philosophen! – S t e r b e n – auf welchem denkenden Herzen lastete die furchtbare Aussicht nicht!
Toren erzählen von dem Heroismus, mit dem Männer zum tod gegangen. Toren sehen nur die äussere Hülle, nur die göttliche Stolzeskraft der Seele, die den Körper aufrecht erhält – nicht die Gefühle des Herzens.
Sein Leben rollte Bild auf Bild an ihm vorüber, – die Kinderjahre im haus des Vaters, auf dem Strassenpflaster der preussischen Residenz – die Universitätsjahre, der Eintritt in das wogende unverstandene politische Leben. Not und Leichtsinn, Kummer und Stolz in Paris – die drückenden Fesseln des politischen Bundes, – die farbenhellen Bilder des Orients, Ruhe und Kampf, Jammerschrei und pulsirendes Leben – Blut neben Gold – Schlacht und Seuche – und jene Nacht! jene Nacht mit ihren geheimnissvollen Rätseln und Freuden – – –
"Fare well!"
Die Riegel an seiner Tür rasselten, durch die geöffnete trat eine Gestalt, in den Militairmantel gehüllt, herein und blieb vor ihm stehen. Langsam entfernte sie die bergende Hülle, – der Baronet, Edward Maubridge, stand vor dem Verurteilten. Sein Gesicht war bleich, sein Auge entschlossen.
"Sie hier? – was wollen Sie? – Sie haben Ihr Werk vollendet."
"hören Sie mich," sagte der Baronet, "