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durch die Seele des Jünglings.

"Habe Erbarmen mit mir! Bei dem Kreuz des Herrn, lass mich heute frei!"

"Was kümmert mich Dein trügendes Zeichen!" lockte wiederum die sonore schmeichelnde stimme; "was kümmert uns Dein Gott! Hat nicht der Engel der Nacht eben die süsse Stunde des geheimnissvollen Lebens der Geister verkündet, wo sich die sonst Getrennten zusammenfinden? Warum denn stösst Du mich von Dir, o Christ, warum willst Du nicht trinken Lippe auf Lippe, Liebe in Liebe, was Fatinitza Dir bietet?"

Er hatte das Antlitz verhüllt, vor seinem geist stand noch ein Mal das bleiche Bild des Blutbruders, hangend zwischen Himmel und Erde in seiner Todesnot, oder kämpfend mit den dunklen Wässern des Sees.

"Weib, ich liebe Dich, ich vergehe in Dir! Aber bei der Barmherzigkeit Deines eigenen himmels, lass mich fort in dieser Stunde, und mein Leben soll Dir gehören. Ich muss, ich muss!"

"Dschel!"

Er warf sich vor ihr nieder auf die Knie.

"Hilf Du selbst mir aus diesem Zauber, der mich umstrickt. Löse Du selbst mich aus diesen Banden, die meine Sinne hier gefesselt halten? Gieb mir das Mittel, hinaus zu gelangen aus diesen Mauern, und dann – – Er ruft! – Er ruft!"

Wie ein lang gezogener schneidender Ton schien aus weiter Ferne ein pfeifender laut hereinzudringen durch die Oeffnung der Jalousieen..

Die Augen schliessend, riss er sich los aus den umstrickenden Armen, und empor, dem Ausgange zustürzend, der hinaus führte auf den schmalen Gitterbalkon, hängend über den Tiefen des Sees.

Mit einem Sprunge, wie die Löwin, der man ihr Junges raubt, war die Mirditin empor und warf sich ihm entgegen quer vor den Ausgang, die hände zu ihm emporgestreckt, das glühende Auge wild auf das seine gebannt. Weitin war die verhüllende Decke geschleudertwie sie dem Bade entstiegenin allem geheimnis des himmlischen Leibes lag sie vor ihm.

Seine Sinne dunkeltendas Gedächtniss, – jede Erinnerung der Männerbrust schwandnur seine Augen lebten noch

Und der starre dämonische Strahl der ihren schien sich aufzulösen in weiche schmelzende Akkorde, der drohende Tigerblick wurde zum sanften, schmachtenden, lockenden Frauenauge, und wiederum zischte es sehnsüchtig, betäubend durch die roten gehobenen Lippen:

"Dschel! Dschel!"

Da beugte er sich nieder und hob die reizende Gestalt des Weibes empor wie leichten Flaum und drückte sie an die keuchende Brust und trug sie auf seinen Armen zurück zum weichen üppigen Lager.

Ihre hände umschlangen ihn, fest, unauflöslich, wie für Leben und Ewigkeit, und zogen ihn nieder – –

über die Wellen des Skadarsees strich klagend der Windeshauch aus den Schluchten des Sutormanam Turme von Skadar zwischen Himmel und Wässern stieg an den Knoten des schwankenden Seils ein bleicher Mann herab und lauschte durch die Nacht nach dem Hilfe verkündenden Zeichen des Freundes! – –––––––––––––––––––––––––––– ––––––––––––––––––––––––––––

Fussnoten

1 Die H e l d e n g e d i c h t e und V o l k s l i e d e r , oft von den Helden, die sie feiern, selbst verfasst. Sie pflanzten sich im volk fort und sind jetzt meist in dem seit etwa fünfundzwanzig Jahren erscheinenden Staatskalender von Cetinje: Grlitza (Turteltaube) abgedruckt. 2 Warme Quellen des See's. Man findet hier die obengenannten kleinen Fische oft in solcher Menge, namentlich gegen den Winter, dass, wenn man das Ruder in eine solche Fischbank hineinsenkt, dasselbe aufrecht stehen bleibt. 3 Benennung für den Sultan. 4 Eine im Türkenkrieg zerstörte Veste an der Mündung des Czernojewitsch. 5 Christliche Nymphen, Schutzgeister des serbischen Volkes. 6 Die Deutschen. 7 Die frühere Benennung des Vladika von der schwarzen geistlichen Kleidung, die er den griechischen Mönchen (Kalogeri) ähnlich trug. 8 Junakein Tapferer. 9 Der Tod ausser der Schlacht wird von diesen Tapferen als das grösste Unglück betrachtet; die Verwandten sagen von einem Kranken, der eines natürlichen Todes starb, er sei von Gott, dem g r o ss e n M ö r d e r , getödtet worden (od boga, starok kronika). Der grösste Schimpf, den man gegen einen Montenegriner ausstossen kann, ist in den einfachen Worten entalten: "Ich kenne die Deinigen, alle Deine Vorfahren sind in ihrem Bette gestorben." 10 Eine der neun Plemen (Stämme) der KatunskaNahia. 11 Bewohner des Südens. 12 des Weiberraubes. 13 Brüderschaft, Gemeinde. 14 Eines der drei Klöster von Czernagora, im jetzigen Kriege von den Türken unter Skender-Beg (Graf Jelinski) erstürmt und geplündert. 15 Vetter. 16 Wiese. 17 Ali Tebelin, der berühmte Pascha von Janina. 18 Streifzug. 19 Kula, befestigter Turm. 20 Der von den Griechen und Arnauten getragene hemdartige Rock, der vom Gürtel bis auf die Kniee fällt und aus einer Menge künstlich zusammengefalteter Leinenstücke besteht. 21 Der deckenartige weite Mantel, den die türkischen Frauen tragen. Er ist von leichtem einfarbigem Zeug und gleicht einem grossen Tuch. 22 Der Teufel. 23 Die südliche Vorstadt Scutari's, an deren Aussenseite sich eine Reihe Batterieen befindet, wärend sie durch eine Krümmung des Flusses und eine kleine Ebene von der Stadt selbst getrennt ist. 24 Diener; ihre Zahl richtet sich nach dem Range ihres Gebieters. 25 Polizeidiener. 26 Ruf zum Gebet. 27 Kadi, Mollah: türkische Richter;