werden meine Hand leiten."
Der Geächtete hatte sich auf einen Stein gesetzt.
"Ich werde die Meine nicht mehr gegen Dich erheben. Tödte mich, aber verschweige Denen, die da oben schlafen, meinen Namen."
"Ich habe auf meinem Schmerzenslager einen Eid geleistet bei dem heiligen Andreas, dem Märtyrer," sprach traurig der alte Kosack, "doch Du warst verschwunden damals, als ich Dich suchte. Jetzt bin ich ein alter Mann, aber ich muss ihn dennoch halten. Es tut mir leid, Fürst Michael, dass Du sterben sollst wie ein Hund in der Steppe, nicht wie ein Mann im Kampf, denn Du warst in Deiner Jugend ein Tapferer, bis die Blutschuld auf Dich kam. So lass uns denn beten, dass sie Dir vergeben werden möge, denn der Augenblick der Rache ist gekommen."
Er spannte den Hahn seiner Pistole; – bewegungslos, das Haupt auf die Hand gestützt, sass der Tabuntschik, den finsteren blick zur Erde gerichtet.
"Gott und die Heiligen seien Dir gnädig!"
Der Alte erhob die Pistole .......
Aber eine dritte Hand legte sich abwehrend auf seinen Arm und eine milde stimme ertönte:
"Die Rache ist mein, spricht der Herr."
Es war der Menonit, welcher gesprochen, dann fuhr er mit sanftem, in die Seele dringendem Tone fort:
"Wer bist Du, dass Du es wagst, die Hand gegen Deinen Bruder zu erheben? – Was dieses Mannes Vergehen auch sei, ich kenne es nicht, so wenig wie Dein Recht zum Richten, aber Gott, der Herr, hat mich noch zu rechter Zeit hierher gesandt, um Dir eine Todsünde zu ersparen. Wenn Gott vergiebt, wie viel eher müssen wir Menschen nicht vergeben, die von seiner Gnade gemacht sind? Lege das Werkzeug des Mordes von Dir, alter Mann, der Du selbst bald vor Deinem ewigen Richter stehen wirst, und bete zu ihm um Vergebung für den Frevel, den Deine Hand begehen wollte."
Der alte Kosack sah den Prediger unwillig von der Seite an, steckte aber die Pistole in seinen Gürtel.
"Du bist Einer von den Frommen, die hier wohnen, wie ich gehört habe," sagte er, "dem eine ehrliche Kriegswaffe ein Greuel ist und die nicht einmal fechten wollen für Gott und die Heiligen. So bete Du denn zu Gott für uns Beide, denn was ich mit dem mann dort abzumachen habe, kann weder Deine Hand noch Dein Wort zurückhalten. Unser Beider Leben ist dem heiligen Russland verfallen. Wenn Du ein Mann bist, Tabuntschik, so folge mir."
Der Angeredete erhob sich, doch der Menonit hielt sie zurück.
"Eure Schuld mag schwer sein, Brüder, dass Ihr also sprecht," sagte er, "aber wäre sie tief wie das Meer und hoch wie der Ararat, Gottes Gnade und Vergebung ist höher und unergründlicher, so ein Sünder Reue fühlt. Wir lieben das Handwerk des Krieges nicht und unser Glaube verbeut uns, die eigene Hand zum Kampf gegen Mitmenschen zu bewaffnen. Aber wir achten die Tapfern, die für das Vaterland kämpfen. So Ihr Euer Leben schuldig zu sein glaubt, so weiht es Eurem vaterland und opfert es auf den Wege der Pflicht, denn auch die Hand des Alten und Schwachen vermag Mächtiges, wenn Gottes Schutz und das Recht mit ihr ist."
Der Tabuntschik zuckte empor.
"Du hast Recht, Mann – das ist, was meiner Seele fehlte. Noch fühl' ich Kraft genug in diesem alten leib, um gegen die Feinde Russland's zu stehen. Lass mich mit Dir ziehen, einen Greis, älter als Du, Iwan, und Beide unser Leben weihen auf dem Opferaltar, der Russland heisst. An Deiner Seite will ich fechten, Mann, und Du wirst mich sterben sehen zur blutigen Sühne der Vergangenheit."
Der alte Kosack schwieg einige Augenblicke, dann führte er den Tabuntschik zur Seite.
"Du kannst nicht fechten neben mir und meinen Söhnen, Fürst Michael," sagte er fest, "denn Deine Hand raucht von Blut, und der Fluch würde bei den Unschuldigen sein. Aber ich weiss, dass ich Deinem Worte trauen darf. Willst Du schwören auf das heilige Kreuz, dass Du sterben wirst für Russland gegen seine Feinde?"
"Ich schwöre es!"
"So geh' – vergeben kann ich Dir nicht, aber die Sühne lege ich in die Hand des Herrn. Auf Wiedersehen vor dem Richterstuhl Gottes."
Er wandte sich von ihm und verliess mit dem Menoniten die Schlucht, in der einsam am grab des Jämschtschiks der alte Kaisermörder die Nacht verbrachte. ––––––––––––––––––––––––––––
Als nach Tagesanbruch die Gesellschaft zur Abfahrt sich anschickte, trat der alte Tabuntschik zu Fürst Iwan Oczakoff.
"Ich habe vernommen," sagte er, "dass der Gouverneur von Taurien sich gegen die Franzosen und Moslems rüstet und Pferde braucht. Sage ihm, dass Michael, der Tabuntschik, mit dreihundert kräftigen Rossen in Baktschiserai sein wird, ehe der Mond sein letztes Viertel geendet. Du aber, junger Mann, gestatte einem Greise, dass er dann mit zehn rüstigen Knechten in Deine Dienste tritt, und unter Deinen Augen seine letzten Tage dem heiligen Russland weiht."
Fussnoten
1 Grossväterchen.
Uursah.
Die Hitze des Tages, des nämlichen, dessen Ereignisse in Varna wir in der vorigen Scizze zu erzählen begonnen, hatte schwere Gewitterwolken von Süden heraufgeführt