1855_Goedsche_156_546.txt

des Czaren liegen in der Kaisergruft und der vierte hält mit mächtiger Hand die Krone auf seinem haupt. Er war ein Knabe zwar, als die Bluttat geschah und schuldlos daran; aber er ist von seinem Saamen, und zum zweiten Male sehe' ich die Wetterwolken dräuen über den Söhnen des Gemordeten."

Der Aelteste der Enkel, B o r i s , unterbrach die kurze Pause.

"Erzähle uns, Djeduschka1, was aus den Mördern wurde, die Hand gelegt an den gesalbten Leib des Czaren."

"Das Gericht des Herrn wandelt sichtbar auf Erden. Der Erbe des Trones wandte sein Angesicht von ihnen, nachdem die blutigen hände ihn mit der Krone geschmückt. Die Einen starben in der Verbannung, die Andern fern an den grenzen des Reiches unter den Schwertern der Feinde und dem schwarzen Odem der Seuche, Alle von den Menschen verachtet, von Gott verflucht."

"Und der Mann, der Dich verwundet, als Du den Czaren verteidigtest?" fragte Olis.

"Er ist der einzige, den Gott übrig gelassen hat, auf dass ich sein Gericht an ihm vollziehe. Wie ich für meine Sünden als schlechter Wächter meines Dienstes, ist er von dem Herrn durch den Degen des gemordeten Czaren gezeichnet worden für's Leben. Und wenn er länger als fünfzig Jahre die Kainsstirn vor der Welt verborgen, – das Gericht sollt' ihn dennoch ereilen und der heilige Iwan, mein Schutzpatron, hat ihn am Ende meiner Tage in meine Hand geliefert, auf dass Iwan, der Steppenteufel, zu Iwan, dem Rächer werde! – Ihr, die Ihr jung seid und weder Hass noch Liebe habt für die vergangene Zeit, – Ihr sollt sein Urteil sprechen."

"Den Tod," sagten Wanka und Alexei.

"Wir wollen Jeder mit Deinem Feinde kämpfen," sprach Wassili.

"Er muss ein Greis sein, wie Du, Djeduschka," bemerkte Olis. "Sag' uns seinen Namen und wo wir ihn finden mögen?"

"Es waren drei Brüder, die das Fürstenhaus der Zuboff gebar," sprach der Alte. "Zwei der Mörder ihres Czaren ruhen im grab, der Dritte und Jüngste, derselbe, der mich zu Boden schlug, lebt! – es ist – – –"

Ein dunkler Schatten schien zwischen ihnen dahin zu gleiten, eine breite Hand legte sich auf den Mund des Atamans. Die hohe Gestalt des greisen Rosshirten stand unter ihnenseine Linke wies nach dem Mond:

"Die Stunde ist dakomm!"

Die gebieterische Geberde des Tabuntschiks halte Alle verstummen gemacht. Schweigend erhob sich der alte Kosack und nahm aus den neben ihm liegenden Halftern des Sattels seine Reiterpistolen, die er in den Gürtel steckte. Dann wandte er sich zu seinen Enkeln und deutete mit dem Finger auf die Mitte des Kreises.

"Bleibt und schweigt!" befahl er kurz.

Der Tabuntschik schritt voraner war ohne alle Waffen, mit Ausnahme des kleinen Beils in seinem Gürtel; der Ataman folgte ihm eben so stumm.

So überschritten sie den Graben, der den Tabun von der Steppe schied, und wandten ihre Schritte nach der tiefen Regenschlucht, in der wenige Stunden vorher der arme Jämschtschik mit seinen Pferden den Tod gefunden hatte. Die Knechte des Tabuntschik hatten an derselben Stelle bereits ein Grab gegraben und die Leiche versenkt, die formlosen massen der Pferde aber lagen noch zur Seite.

Unfern des Grabhügels, auf den der Mond durch den Eingang der Schlucht seine bleichen Strahlen warf, blieb der Tabuntschik stehen und wandte sich, die arme über die Brust gekreuzt, zu seinem Begleiter.

"Diese Stelle," sagte er ruhig, "liegt ausser den grenzen, die Dir Gastfreundschaft gewährt. Die freie Steppe ist Jedermanns Eigentum und der Tag, da Du mein Salz gegessen, ist vorüber. Was willst Du von mir?"

"Dein Leben, Väterchen, wenn Du Fürst Michaël Zuboff bist."

"Was sollte ich es leugnen, da Du der einzige warst, der mich seit den dreissig Jahren erkannt hat, dass ich diese Steppe bewohne."

"Dann musst Du sterben!"

"Ich habe Dir bereits gesagt, Mann," sprach der Tabuntschik finster, "ich kenne Dich nicht. Wenig liegt mir am Leben und ich hoffte längst auf die Ruhe des Grabes, die nicht kommen will für den Schuldigen. Aber wer gibt Dir das Recht, mich zu richten?"

"Erinnere Dich, Väterchen, der Nacht des 23. März," entgegnete der alte Kosack, indem er langsam die Pistolen aus seinem Gürtel zog und ihre Schlösser prüfte.

Der Greis lachte wild und gellend auf.

"Skotina! meinst Du, dass ich je Dessen vergessen könnte, was wie höllisches Feuer hier brennt?"

Er deutete mit dem Finger auf seine Stirn.

"Gedenkst Du des jungen Leibkosacken des Czaren, dessen törichte Unvorsicht den Mördern die Tür öffnete? erinnerst Du Dich, als der leichtgläubige Diener seine Torheit gut machen und die Schwelle seines Herrn mit seinem leib decken wollte, dass Dein Säbel ihn zu Boden schlug? – Schau' her, das Zeichen von Deiner Hand, das er dreiundfünfzig lange Jahre mit sich getragen durch die Welt."

"Ich erkenne Dich jetzt."

"Iwan, der Kosack." fuhr der Alte fort, "will nicht morden, wie die Vornehmen tun. Nimm diese Pistole, Fürst, und lass uns kämpfen als Männer. Die Heiligen