tun."
Ein kräftiger Rippenstoss des Nebensitzenden brachte den Schwätzer Demetri zum Schweigen. Der Alte hatte den Mund geöffnet – er schien eine eintönige Melodie vor sich hin zu summen. Dann begann er plötzlich zu sprechen, Niemand wusste, ob zu den Söhnen, oder in's Unbestimmte hinaus zu unsichtbaren Gestalten.
"Ströme von Blut, – Ströme von Blut, heilige Jungfrau von Kasan! Fürbitterin der Söhne aus Ruriks Stamm, barmherzige Mutter Gottes, wende das Unheil ab vom heiligen Russland. Ich sehe die Ströme des Landes und das weite Tor der Gewässer, die Gott der Herr mit Salz getränkt, rot schimmernd von Feuer und Blut. Mein Ohr hört ein Rollen und Getöse, mächtiger als das Krachen Deiner Donner in den Bergen, und die Erde hat sich aufgetan und speit die Schrecken der Hölle aus. Heiliges Russland, heiliges Russland, erwache und rüste Dich gegen die Legion Deiner Feinde!"
Nach einer kurzen Pause begann der Unkensang des Greises auf's Neue, während die jungen Männer stumm und befangen auf jedes seiner Worte horchten.
"Wehe mir, dass ich zum zweiten Mal das Gericht über Dich erleben muss, heiliges Russland! Wohl erinnere ich mich aus den Tagen, da ich ein Mann ward, wie diese Narbe brannte im Mondlicht und ich vor mir sah die Schrecken, die da kommen sollten – die weiten Schlachtfelder und die Schneegefilde, bedeckt mit den starren Leichen, und wie die Flammen hoch emporschlugen aus der Stadt des heiligen Iwan. Und wie ich's gesehen, so kam's! Blut tränkte die russische Erde und des Franken Ross trank aus dem Weihkessel unserer Kirchen. Aber der Herr wandte sein Angesicht gnädig wieder zu unserm Volk und die Gebeine der Feinde bleichen auf den Feldern Russlands."
Schweigen lag rings umher auf der weiten Steppe, der weisse Mondstrahl sog und lastete auf dem kahlen Schädel des Alten – sie sahen es nicht, wie hinter ihnen an der Mogile, dem alten Heidengrab, langsam ein Schatten emporstieg.
"Was kommen muss, wird kommen," fuhr der Alte fort, "Blut und Tod, Schrecken und Verderben. drei von den Söhnen deckt das Grab, aber Einer lebt noch von seinem Saamen – und der Todesschrei des gemordeten Vaters gellt in seinen Ohren. Er war ein Kind, als sich die Mörderhand gegen das geheiligte Haupt des Czaren erhob, aber der Fluch will sein Recht und trifft die Schuldlosen wie die Schuldigen. Und also wird sich's erfüllen, bis ein gekröntes Haupt sich selbst zum Opfer gebracht für das blutige Vaterland, das seinen Vater gemordet hat."
Der Greis liess sein Haupt sinken und barg es in die hände. Als er es nach einiger Zeit erhob und im Kreise der stummen Enkel umherschaute, halte sein Auge, wiewohl noch immer traurig und finster, doch den unheimlichen Ausdruck der Geistesstörung verloren. Er sammelte sich einige Augenblicke und begann dann auf's Neue die Rede.
"Ich habe Euch eine geschichte zu erzählen und Ihr selbst sollt das Urteil fällen. Ost, als Ihr noch auf meinen Knieen schaukeltet oder ich Euch reiten liess auf meinem Sattelknopf vor mir über die Haide, legtet Ihr Eure kleinen Finger an diese Narbe und frugt mich, woher sie gekommen, dass die Männer der Stämme mich Iwan den Einäugigen oder den Steppenteufel heissen. Ihr sollt jetzt erfahren, wem ich dies Zeichen danke, das mich begleiten wird in's Grab.
Ich war ein junger Mann, schlank und glatt wie Ihr, wenn ich auch mehr schon erfahren, denn als Knabe schon war ich den Fahnen des grossen Hetmann Suwarow gefolgt, in das Land, das sie Italien nennen. Wenn der General erwachte, stellte er sich vor sein Zelt und krähte gleich dem Hahn, seine Krieger zu wecken, aber die Krieger hielten fest zu ihm und vollbrachten manche grosse Tat unter seiner Führung.
Der General hatte mich dem jungen Czaren gegeben, dem Sohn der grossen Katarina, da er noch Grossfürst war, und ich kam mit ihm von Schlüsselburg nach dem Winterpalast in der Nacht, da die Kaiserin starb, und wurde einer seiner Leibkosacken. Der Czar Paul war ein wunderlicher Herr, bald gerecht und gut, bald aufbrausend und jähzornig; aber mir war er ein Wohltäter und ich war sein getreuer Knecht. Gegen die Vornehmen war der Czar hart und streng, und vergalt ihnen das Leid, das sie über den Armen brachten, dessen Leib und Seele ihnen gehört, d'rum ward er gehasst von ihnen bis auf's Blut. Aber das Volk liebte den Czaren.
Es war im Michaelspalast, am Abend des 23. März im Jahre Gottes achtzehnhundertundeins – vor länger als dreiundfünfzig Jahren. Ich zählte damals zweiundzwanzig Jahre und war ein Liebling des Herrn. Ich hatte an dem Abend die Wache im Vorzimmer seines Schlafgemachs, und der Czar, der seine Feinde unter den Fürsten und Grafen fürchtete, vertraute auf uns gemeine Leute. Der Nordwind pfiff draussen um den Palast und ich stand mit blankem Säbel auf meinem Posten, als der Czar aus seinem Gemach kam, die Wachskerze in der Hand, und mir in's Gesicht leuchtete."
'Bist Du es, Iwan?' sagte der Herr, 'wenn Du wachst, weiss ich, kann ich ruhig schlafen.'
"Er probirte Schloss und Riegel der Corridortür und leuchtete an den verriegelten Fenstern umher, wie es seine Sitte war, denn er glaubte schon lange, dass sie ihm