1855_Goedsche_156_543.txt

Es scheint, dass sie die Flüchtigen bis in die Strasse Saint Josef verfolgt und dort Haussuchungen gehalten hat. Mein fränzösischer Kammerdiener berichtete mir, dass dies auch bei Mademoiselle Nini geschehen und dass man zwei Männer dort gefunden, von denen der Eine der Liebhaber der Grisette war, der sie eben zum Ball führen wollte, der Andere der eingedrungene Mensch, den man als Teilnehmer an dem Attentat verhaftete.

"Und der Liebhaber des Mädchens?"

"Ah, Sie sind eifersüchtig, Fürst, gewöhnen Sie sich den Fehler bei zeiten ab. – Der Liebhaber hat Ihre kleine Flamme zum Mabille oder in den Jardin des fleurs geführtam andern Tage aber war Mademoiselle Nini spurlos verschwunden und hatte selbst ihre elegante Einrichtung im Stich gelassen. Da ich keine Indiscretion mehr begehen konnte, ging ich selbst hin und beschaute sie mir. Ich mache Ihnen mein Compliment über Ihren Geschmack."

"Wo können sie hin seinwer war der Liebhaber? – wer – –"

Der junge Mann brachte nur mühsam die Worte heraus.

"Ja, das wissen die Götter, Fürst. Meine Meinung ist, das Mädchen hat gesehen, dass nach der Scene mit der Polizei die Doppelrolle, die sie gegen Sie gespielt, zu Ihrer Kenntniss kommen würde, und hat Ihren Rivalen vorgezogen."

Fürst Iwan wandte sich ab. Seine hände rangen krampfhaft in einander, seine Lippen pressten sich. Unhörbar für den Andern tönten die Worte aus seinem mund:

"Wiederum jede Spur verloren!"

Der Oberst wandte sich auf's Neue zu ihm:

"Es wird gut sein, Freund, wenn Sie der Fürstin, Ihrer Schwester, Nichts von der Anwesenheit des Franzosen in Silistria sagen wollen. Die tendre Inclination wird hoffentlich im Nationalgefühl längst untergegangen sein. Befindet sich die Fürstin noch immer auf Ihrem schloss an der Yalta und darf ich zu ihrer Herstellung gratuliren?"

"Meine Schwester, Graf, ist allerdings noch dort, zwar wiederhergestellt, aber noch so leidend, dass sie die Einsamkeit vorzieht und nur wenig Besuche erhält. Doch das Schloss ist weitläuftig, der teil, den meine Schwester bewohnt, auf einem abgesonderten Felsen erbaut und ich wiederhole daher meine Einladung."

"Aber was soll ich mit Madame Bibesco anfangen? Wir Männer unter uns machen allerdings aus solchen Verhältnissen Nichts, doch ich kann sie unmöglich mit in's Schloss zur Fürstin nehmen."

Der junge Fürst war leicht errötet.

"Ich habe das bedacht," sagte er mit einiger Verlegenheit und einem blick auf die Französin, "allein ich hoffe, es wird sich machen lassen, und ich darf Sie Ihrer schönen Pflegerin nicht berauben. Ich werde meiner Schwester sagen, dass Madame Bibesco als eine Anhängerin unserer Sache aus Bukarest vor den Türken geflüchtet ist und auf meine Einladung nach Schloss Aya kommt."

"Sie sind sehr galant, Fürst, und ich nehme es dankbar an, verspreche Ihnen auch, so wenig eifersüchtig als möglich zu sein. Doch wenn wir noch einige Stunden Ruhe geniessen wollen, so ist es die höchste Zeit, an unser Lager zu denken. Ich werde die Nacht in meinem Wagen zubringen und für Sie und den Lieutenant ist Raum in jener kammer. Lassen Sie uns die Diener rufen." ––––––––––––––––––––––––––––

Während die vornehmen Mitglieder der Gesellschaft in dieser Weise ihre Nachtruhe bereiteten, sass am andern Ende des Tabuntschiks im Schatten einer jener kleinen Mogilen, die gleich Maulwurfshügeln an tausend Stellen aus den Ebenen des südlich en Russlands auftauchen, der alte Kosackenhäuptling mit seinen sechs Enkeln. Sie hatten eine Grube in den Boden gegraben, diese mit Steinen ausgelegt, Feuer darin gemacht und zwischen die erhitzen Platten dann die vordere Hälfte des Hammels gelegt, die ihnen überlassen worden. Auf den Befehl des Obersten hatte sein Leibdiener ihnen eine Flasche Rum gegeben, und sie hatten so eben ihr Mahl unter sich, abgesondert von den Hirten, beendet.

Der greise Kosack sass, den Kopf auf die Hand gestützt und aus einer alten silberbeschlagenen Reiterpfeife von Meerschaum rauchend, die er vor vierzig Jahren aus Deutschland mit zurückgebracht, in Gedanken versunken am obern Ende des Kreises, den seine Enkel bildeten. Selbst sein Liebling Olis, der neben ihm kauerte, wagte nicht, ihn darin zu stören. Nur flüsternd tauschten die Brüder und Vettern ihre Meinung aus.

"Die Heiligen seien ihm gnädig," murmelte Wassili zu seinem Nachbar, "ich glaube, der böse Geist nimmt wieder Besitz von ihm, her über ihn kommt beim Neumond von seiner schlimmen Wunde her."

"Schweig still," gebot Wanka, "Du siehst, Djeduschka will reden."

In der Tat erhob der greise Kosack das Haupt, dessen weisse Haare der bleiche Mondschein versilberte und schaute mit verstörten Blicken auf die Gruppe umher. Die breite Narbe, die zerfetzend quer über das Gesicht lief, verlängerte sich bis über den rechten Vorderschädel hin, und ihr roter Streif war deutlich sichtbar. Das eine Auge des Greises schien jeden Einzelnen der Gruppe zu durchbohren und starrte dann unheimlich hinaus in's Weite.

"Gieb Acht, Alexei," flüsterte sein Bruder, "jetzt erzählt er uns eine der seltsamen Geschichten, die ihm in seinem langen Leben begegnetvon dem Franzosenkrieg oder den Fahrten nach dem kalten land am Eispol, wo mitten im Sommer der Hauch des Mundes gefriert; von der schönen Czarin selbst oder von den Zügen gegen die Moslems, da unsere Väter jung waren. Wenn der Geist über ihn kommt, pflegt er es zu