an sich war, so lag doch ein eigentümlicher fesselnder Zauber in ihm, eine medusengleiche erstarrende und zugleich entflammende Gewalt. Ueppig schlanke Glieder von jener matten, bräunlich weissen Porzellanfarbe, die manchen Brünetten, namentlich den Maurinnen, eigen ist, trugen diesen Kopf und die hundert Wendungen und Bewegungen, welche die Sclavinnen im üppigen Spiel diesem wollustatmenden Körper gaben, entüllten mit jedem Augenblick neue Reize vor den gefesselten Augen des Jünglings.
Seine Schläfe glühten, seine Pulse klopften in wildem Schlage, und gährend in der unsäglichen ungestillten Brausekraft der frischen Jugend tobte das Blut durch seine schwellenden Adern. Der Odem in seiner Brust schien zu stocken, das eigene Leben still zu stehen und sich in den Augen allein concentrirt zu haben. So stand und starrte er lange, er merkte es kaum, dass das verlockende Bild sich änderte und verschwand, dass Dunkel wieder die Geburtsstätte so verzehrenden Reizes verhüllte; nur die hohe, unbeschreiblich herrliche Gestalt, der halb aufgeschlagene blick, der, als die Herrin unter dem den Ausgang verhüllenden Teppich verschwand, verlangend, fragend, verheissend die Stelle streifte, an der sein trunkenes Auge ruhte, blieb in seinem Gedächtniss. Was kümmert den Trunkenen die Welt rings umher? Erst als an der Pforte seines Kerkers ein Schlüssel rasselte, als der helle Strahl einer Blendlaterne durch die geöffnete Tür fiel, erwachte er aus diesen Träumen und sah ein Mohrenmädchen vor sich stehen, das ehrerbietig den Salem35 gab und ihm zu folgen winkte.
"Wohin?"
Die Schwarze schüttelte das Haupt und legte den Finger auf ihre Lippen – Nicolas erbebte bei dem Zeichen.
"Nicht von der Stelle gehe ich, bis ich weiss, wohin Du mich führst!"
Das Mädchen bemühte sich, zu sprechen, – ein stammelnder unheimlicher laut zeigte ihm, dass sie stumm. Aber ihre Geberden sprachen lebendig, wie sie auf das Herz deutete, weit, wie empfangend, die arme öffnete und dann die hände flehend und bittend ihm entgegen faltete.
Ihm dunkelte und glühte es ahnend vor den Augen und Sinnen, das Blut wollte seine Kehle ersticken – halb bewusstlos winkte er "Voran!" und mit leisen, kaum hörbaren Tritten schlich das Paar durch die Gänge der Feste. Ein Schnauben und Sträuben erhob sich, wo sie stehen blieben. Im Schein der Lampe sah der Grieche den Wolf quer vor der Tür gelagert, ihn mit seinen roten Feneraugen unheimlich anstarrend. Die Sclavin zog ihn bei Seite und öffnete die Tür.
"Da hinein!" winkte ihr Finger.
Der junge Mann betrat halb taumelnd das Gemach – hinter ihm schloss sich die Pforte.
Um ihn her war eine halbe Dämmerung. Er sah sich in einem orientalisch ausgestatteten Gemach von halb ovaler Rundung, dessen hohe Jalousieen hinaus nach dem See zu gehen schienen, denn durch die halb geöffneten hörte er die Wellen rauschen. An den Wänden hingen Waffen im bunten Gemisch, zur Jagd wie zum Kriege. Durch den halb erhobenen Teppich eines breiten Bogens in der Seitenwand strömte das matte Licht, welches das Vorgemach erhellte. Er stand still, er fasste mit beiden Händen nach dem klopfenden Herzen – er wagte kaum zu atmen – und deutlich durch die geheimnissvolle duftschwangere Stille klang ihm das Plätschern der Wellen.
"Dschel36!"
Mit einem Sprunge, wie der entfesselte Tiger nach seiner Beute, war er auf den leisen Ruf am Zugang des Gemachs und schlug den Teppich zurück.
Da lag es vor ihm – weiss und üppig in seinen roten Draperieen, über die das Milchglas einer Ampel an silbernen Ketten ein weiches milderndes Licht goss, während das wohlriechende Oel ihrer Flamme das Gemach mit wollüstigen Düften durchzog. Auf einem Tische von Rosenholz zur Seite glänzten und blitzten in silbernen und goldenen Schaalen cyprischer Wein, die duftenden Confitüren von Chios, die herrlichen Früchte des Orients.
"Dschel!"
Vor ihm, vor seinen Augen, auf einem breiten Divan, von weichen Wolfsfellen überdeckt, lag eine Gestalt, in die langen Falten eines grossen Feredschi von der weissen zarten Wolle der Tibetziege gehüllt, das Haupt auf den sich aus der Decke hervorstehlenden Arm gestützt, die unwiderstehlichen Augen auf ihn gerichtet.
Er stürzte zu ihren Füssen nieder.
"Bana bak ai gusum! Ai dschänum, stambul37!" bat in tiefen Gutturaltönen die stimme der Türkin.
Der Jüngling begrub sein Gesicht in die weichen Falten des Mantels, seine Lippen glühten auf den Wellenlinien dieser Formen. Durch sein weiches lokkendes Haar spielte die Hand des Türkenmädchens, kosend, verführend. Ihre Augen bohrten sich in die seinen, als sie sein Haupt zurückbog, – sein Gehirn schien zu brennen unter diesen verzehrenden aussaugenden Strahlen.
"Böser Christ, warum hast Du Fatinitza so lange harren lassen? Hat das Heben ihres Schleiers Dir nicht damals schon verkündet, als sie Dir zuerst begegnete im Haine der Gärten, dass sie Dein war vom ersten Augenblick? – Musste ich Dich erst fesseln und führen lassen vor das Antlitz des Bei, meines Vaters, und Dich werfen in den Kerker, um Dich in süsse Liebesarme zu holen? Uriel, der Engel der Finsterniss, schwebte über der Wölfin von Skadar, so lange ihr Junges fern blieb von der liebenden Brust."
Ein Strom von Feuer brannte in ihrem Kuss auf seinen Lippen, er breitete die arme aus nach dem süssen, dämonischen weib – –
Da klang es in dem Nebengemach hell und scharf, – eine französische Uhr, ein Geschenk ihres Vaters, schlug die Stunde vor Mitternacht, und wie ein eisiger Strahl fuhr die Mahnung