"Goddam! mein eigenes zeugnis hat den Ausschlag gegeben."
"Ich bitte, erzählen Sie!"
"Verdammt! dass ich es sagen muss, aber wir haben dem Doctor den Ankläger selbst zugeführt. – Sie erinnern sich meines Landsmannes, des Baronet Maubridge, Vicomte. Er ist es, der aus einer mir unbekannten Ursache den Mann verfolgt und denuncirt hat. Er hat Briefe übergeben, die unzweifelhaft beweisen, dass eine verräterische Verbindung aus Silistria mit den Russen unterhalten und der Feind vielfach von dem Zustand der Festung und den beabsichtigten Ausfällen unterrichtet worden ist."
"Aber das ist noch kein Beweis, dass der Doctor darum gewusst hat. Dass es an Spionen in Varna nicht fehlte, ist eine bekannte Tatsache."
"Der Baronet behauptet, dass er die Briefe am Abend des 13., – Sie erinnern sich der Minensprengung am andern Tag und des grossen Ausfalles, bei dem General Schilder fiel – selbst dem Knaben abgenommen habe, der für Mussa Pascha mehrfach Spionendienste verrichtete. Der Knabe ist entflohen oder befreit worden, – aber Sie wissen, dass er sich während der Anwesenheit in der Festung bei Welland aufhielt."
"Spione dienen häufig beiden Parteien," bemerkte Depuis.
"Der Hauptbeweis ist leider ein Brief, der an den Doctor selbst gerichtet und von einem Offizier aus dem Stabe Gortschakoff's unterzeichnet ist. Er spricht ganz klar von einer früheren Befreiung des Schreibers aus türkischer Gefangenschaft durch den Arzt, von einem fortbestehenden Einverständniss, und der Angeklagte hat ihn anerkennen müssen."
"Der Unglückliche!"
"Er weigert jede nähere Auslassung über das verhältnis, in dem er zu dem Schreiber steht, beteuert aber mit seinem Ehrenwort, dass er nie eine seine Pflicht verletzende Mitteilung gemacht und dass der Brief auf unbekanntem Wege ihm zugegangen und durch seinen Diener auf der Schwelle seiner wohnung vorgefunden worden sei."
"Hat man den Diener befragt?"
"Der junge Mohrenknabe ist seit der Verhaftung seines Herrn verschwunden und nicht aufzufinden. Es wurde leider durch Zeugen bewiesen, dass der Doctor nach seiner Ankunft von Silistria in Varna mit Griechen verkehrt hat, die in gegründetem Verdacht der Verräterei stehen und von der Polizei des Pascha's verfolgt werden."
"Aber Ihre eigene Aussage, kapitän?"
"Sie erinnern sich des Wortwechsels mit meinem Landsmann kurz vorher, ehe Mussa-Pascha fiel. Ich musste zugeben, dass bei dem nächtlichen Ausfall am 28. Mai, als ich Kiriki-Pascha aus dem Getümmel brachte, und die Russen uns überfielen, ein feindlicher Offizier, derselbe, der den Brief geschrieben, den Doctor und mich aus den Händen seiner eigenen Leute befreite und entkommen liess.
So wäre der Unglückliche wirklich verloren – ich weiss nicht, es sträubt sich ein Gefühl in meinem inneren, an seinen Verrat zu glauben."
"Dasselbe ist bei mir der Fall. Ich schulde ihm eine Freundlichkeit von Paris, die Rettung in jener Nacht und es grollt mich, dass ich seinem Feinde selbst die gelegenheit geboten. Ich habe dem Baronet meine Erklärung gemacht und erwarte seine Botschaft."
"Ich stehe in jeder Beziehung zu Diensten. Wohin hat man den Doctor gebracht?"
"Er wird im haus Sali-Pascha's gefangen gehalten, nahe an dem grossen Magazin. Man hat mir den Zutritt verweigert."
"Wäre, Canrobert nur hier! – doch er ist bereits nach Baltschick aufgebrochen. Vor Allem müssen wir Aufschub der Vollstreckung erlangen, – eilen Sie Beide zu Ihren Freunden, ich werde den Prinzen für den Unglücklichen zu interessiren suchen."
"Zum Henker, Kommandant," sagte eine stimme neben ihnen, "ich suche Sie seit einer Stunde. Ordre im Dienst!"
"Zu Ihren Diensten, kapitän Marcell!"
"Soll mich freuen, Kommandant, denn ich habe gern brave Kameraden neben mir. Aber sputen Sie sich, unsere Brigade ist die erste. Wir sollen dem Prinzen um zwei Etappen voraus sein und Oberst Bourbacki mit seinen Zuaven ist schon aufgebrochen. Sie wissen, der tolle Afrikaner duldet keine Verspätung. Au revoir unterwegs, Kamerad!"
Der Vicomte hatte unterdessen die Ordre gelesen.
"Heiliger Gott! – ich muss in einer Stunde mit meinen Spahi's auf dem Marsch sein. Der Aermste – Doch halt, Sazé, Sie müssen meine Stelle vertreten und dem Prinzen die Bitte vortragen – es gilt ein Menschenleben."
"Ich bin zu Ihrer Verfügung und werde tun, was ich vermag."
"Kommen Sie eilig, kapitän Morton und Depuis begleiten uns; ich muss meine Befehle geben und unterwegs hören Sie das Weitere."
Sie verliessen hastig den Restaurant, doch war es kaum möglich, von dem Tschardak sich durchzudrängen. Die Corsostrasse herauf von dem Dewno-Kai her wogte es in dunklem Gedränge – Militairmusik, das donnernde Vive l'empereur! aus tausend kräftigen und durstigen Kehlen. Dann klang es lustig, trotz Staub und Hitze:
As-tu vu
La casquette,
La casquette?
As-tu vu
La casquette
Du père Bugeaud!2
Bataillon, des dritten Zuaven-Regiments aus Algier, so eben ausgeschifft, rückte in die Festung, um jenseits derselben das Lager zu beziehen.
Das Interesse des Kommandanten wandte sich unwillkürlich dem militairischen Schauspiel der stattlichen truppe zu, in deren Reihen er selbst seine Sporen verdient, als Lieutenant unter Canrobert bei der Belagerung von Zaatcha und im Aurasgebirge gefochten hatte.
Der Leser erinnert sich, dass der Vicomte am