1855_Goedsche_156_536.txt

die Nachricht, der Marschall sei zum Generalissimus ernannt. Omer soll in Constantinopel seine Demission für den Fall verlangt haben."

"Bêtes! – diese türkischen Dickköpfe begreifen nicht einmal die Ehre, unter den Adlern der grossen Nation zu fechten!"

In der Ecke des Gemaches, an einem kleinen runden Tische, sass der Lieutenant-Colonel Vicomte d e M é r i c o u r t mit einem Offizier in Husarenuniform bei einer Flasche Bordeaux. Der Colonel führte sichtlich zerstreut das Gespräch, seine Miene war ernst und nachdenkend, und seine Blicke musterten häufig forschend die Eintretenden, gleich als erwarte er Jemand.

"Graf Branicki," erzählte der Husarenoffizier, "reist morgen nach Constantinopel ab, um mit dem ersten Dampfer nach Marseille zu gehen. Der Prinz sendet ihn, um dein Bericht des Marschalls das Paroli zu bringen."

"Ich hörte von den neuen Zwistigkeiten, aber nicht den Grund, S a z é ."

"Bah, Freund," lachte der frühere Flaneur, "was wollen Sie noch für einen Grund? Seit der Marschall Constantinopel betreten, zanken sie sich. Der Empfang des Sultans mag ein solcher Grund sein. Der Prinz ist bequem, und der Marschall chicanirt ihn."

"Aber die Veranlassung der neuen Scene?"

"Der Prinz nahm sich Bosquet's an bei einem Widerspruch und es soll zu sehr anzüglichen Worten gekommen sein. Er kam mit rotem Kopf zurück und liess selbst das Diner stehen, was bei ihm viel sagen will. Er schloss sich sofort mit dem Grafen ein und die Reise desselben ist das Resultat."

"Haben Sie Etwas über den heutigen Kriegsrat gehört?"

"Er kann erst jetzt zu Ende seinoffenbar die Expedition von Canrobert und Sir George Brown. Ich fürchtete schon, man hätte Sie mit commandirt."

"Es gehen nur regulaire Truppen; aber die geringe Zahl ist auffallend."

"Zwölftausend MannRegimenter der Division Bosquet und Engländer."

"Damit kann man unmöglich einen Angriff gegen Sebastopol wagen?"

"Alle Welt sagt's – es ist ein lautes geheimnis."

"Bon jour, Commandant!" grüsste ein hinzutretender Ingenieur-kapitän. "Diantre! ich habe heute Morgen Ihre orientalischen Spahi's exercieren sehen, wie der Marschall unsere metamorphosirten Bozuks benennt, und ich muss Ihnen das Compliment machen, Sie haben Merkwürdiges in den zwei Wochen geleistet."

"Der Mann, der Ihnen bei Arab-Tabia die Mine sprengte, kapitän Depuis, ist einer meiner besten Unteroffiziere oder On-Baschi's, wie es heisst. Ich verdanke seinem Eifer viel."

"Ich erinnere michein Mohrsein Gefährte verunglückte in der Mine. Das ist eine schwarze Krähe unter den Geiern. – Sie werden des Gesindels genug haben füsiliren lassen, ehe sie gehorchen lernten."

"Sie erinnern mich mit dem Worte an ein trauriges Temahaben Sie von dem deutschen Arzt gehört?"

"Doctor Wellandmein Reisegefährte von Widdin? – was ist's mit ihman der Cholera gestorben? ich hörte eben von Santerre aus dem Bureau des Oberstaabsarztes, dass wir täglich an fünfzig tote zählen."

"Die Engländer fünfzig Prozent mehr," warf ein kapitän der Artillerie ein, der dicht daneben ein Huhn verspeiste. "Eine Schlacht mit den Russen könnte kaum so aufräumen, wie wir in der letzten Woche decimirt worden sind."

"Schlimmer als das, DepuisSie scheinen also nicht zu wissen, dass in diesem Augenblick Kriegsrecht über ihn gehalten wird?"

"Fichtre! Warum? ich komme vor einer Stunde erst von Baltschik, wo ich fünf Tage Gurken mit Hammelfüllsel gefressen."

"Eine unglückliche Denunciationman behauptet, er habe in Silistria mit dem Feinde correspondirtes sollen Briefe mit seiner Adresse aufgefangen sein."

"Ce serait bien le diable! Ich kann es kaum glauben."

"Ich auch nichtich sah den Mann in seiner Pflichterfüllung und lernte ihn achten. Aber ein unglückliches Zusammentreffen von Umständen verbündet sich gegen ihn."

"Wer bildet das Kriegsgericht?"

"Leider die Türkener steht in türkischem Dienst. Es sind zwar ein französischer und ein englischer Beisitzer zugezogen auf Bestimmung des Marschalls, sonst aber blieb Alles Sali-Pascha überlassen und dieser ist ein eingefleischter Türke."

"Wer bestimmte den französischen Offizier?"

"Bosquet. Ich bat ihn persönlich, mich zu commandiren, da ich in Silistria gewesen. Aber er schien seltsamer Weise ein Vorurteil gegen den Angeklagten zu haben, denn als er sein Notizbuch nachgesehen, schlug er es rund ab."

"kennen Sie die politische Gesinnung des Deutschen?"

"Wie so?"

"Der General, so heisst es, ist Republikaner."

"Das sind auch Andere, aber der Arzt ist zu unbedeutend, um irgend politische Antipatieen auf sich gezogen zu haben. Ich weiss nicht, wie. – Endlich, kapitän M o r t o n !"

Der Engländer, dem dieser Zuruf galt, und dem wir in Silistria schon begegnet sind, war hastig in das Haus getreten und hatte sich suchend umgeschaut. Sein blick war finster, sein Gesicht zeigte deutlich Aufregung. Er trat hastig zu dem Tisch.

"Nun, Herr Kameradwelche Nachricht?"

"Er ist verurteilt und soll morgen früh erschossen werden." – Er stürzte ein grosses Glas Rotwein hinunter. –