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Pferden, Kameelen und Maultieren. Bergehoch waren hier die Munition, die Tornister, die Brotsäcke aufgetürmt. Angebundenes Schlachtvieh brüllte und blökte, betrunkene Matrosen standen und lagen überall im Wege, Jeden mit Grobheiten tractirend, der in ihre Nähe kam, schreiende Griechen, plaudernde und lachende militairische Flaneurs, marschirende Kolonnen, Araber und Lasttiere aller Art. In den Strassen, die zum Staunen der gläubigen, über solche Neuerungen die Augen zu den sieben Himmeln des Propheten schlagenden Muselmänner von den Franzosen rasch mit Namen und Nummer versehen worden, war die Bewegung und das Gedränge nicht minder gross. Der Spahi mit seinem abenteuerlichen afrikanischen Costüm und dem wehenden Mantel, der Araber mit seinem schmuzigen Burnus, den nackten Beinen und dem gelben, durch einen Strick um den Kopf befestigten Tuch; die englischen Uniformen rot mit blauen Pantalons, den steifen erstickenden Halsbinden und den hohen Bärenmützen; die Franzosen mit den leichten Kaskets, die sie auf Befehl des Marschalls schon in Gallipoli gegen die schweren Tschako's vertauscht hatten, auf den Kopf gestellte Engländer, blau oben, rot unten; der Gamin der Armee: der Zuave mit den weiten, türkischen, roten Pantalons, dem koketten Jäckchen und blossen Halse und dem langen blauen Schweif am grossen Fess; Marketenderinnen in ihrer kecken, zierlichen Tracht; griechische Kaufleute und bulgarische Ochsentreiber mit den quietschenden und knarrenden Wagen; Staabsoffiziere zu Pferde; die irregulären Aegypter in ihren Hosen und Jacken von gelb, rot oder weiss gestreiftem Kattun, die wie ein wandelnder Bettüberzug aussahen; Juden und Maultiere, Jäger von Vincennes und Bergschotten, faule Moslems, die hände auf dem rücken, den langen Tschibuk hinter sich her schleifend; Baschi-Bozuks in ihrer malerisch wilden Tracht; Matrosen in den Rinnsteinen, lachende Midshipman, Mohren, Araber, Europäer, Nord- und Südländer, der Hut neben dem Turban, der Helm neben der braunen bulgarischen Pelzkappe, Filz und Seide, Gold, Tuch, Silber, blinkende Waffen, Pferde, Esel, Kameele, zwanzig Sprachen durch einanderdas war das Babylon von Varna!

Welche Feder vermöchte die bunten Scenen zu malen! Dort die beiden Zuaven, die lachend, den Fess schief auf dem Ohr, dass eine wahre Kunstfertigkeit dazu gehört, ihn auf seiner Stelle zu balanciren, zum Tor hereinschreiten, jeder in der Hand ein grosses Huhn, während hinter ihnen schreiend und gestikulirend der Grieche herrennt, mit den vierzig Sons nicht zufrieden, die sie ihm als Kaufgeld octroyirt haben; – vor einer der zahllosen, rasch in den Strassen voll Knoblauchsgeruch, Staub und Schmuz etablirten offenen Schenken ein halb Dutzend französischer Offiziere und Unteroffiziere mit dem Frühstück aus freier Faust, der Wurst, dem Zwieback und dem Gläschen Absynt oder Wermut; – ein betrunkener englischer Matrose mit einem Soldaten der irländischen Brigade zusammenrennend und Pat im nächsten Augenblick im derben Handgemenge, während die Franzosen einen Kreis um Beide bilden lassen; – der türkische Philister, neugierig zuschauend, bis er bei einer falschen Bewegung des Trunkenen selbst einen heftigen Faustschlag in's Gesicht bekommt, worauf beide Kämpen gemeinsam über ihn herfallen und das lange Nohr seines Schibuks auf seinem rücken zerschlagen; – auf eine Araba, die nicht durch das Gedränge kann, klettern vier Chasseurs d'Afrique und ziehen ein schmuziges Spiel Karten hervor, mit dem sie, trotz aller Protestation des Fuhrmanns, eine Spielpartie dort etabliren; – um die Garküche des Türken, der mit seiner einfachen Dampfmaschine Hammelschnitte am hölzernen Spiess brät, eine Reihe Rotjacken, hungrigen Blickes auf das Garwerden des Bratens harrend, denn das Brot, was die englische Bäckerei liefert, ist nur halb gebacken und ungeniessbar; – die Menge plötzlich rechts und links auseinander drängend: eine Kolonne, die vom Exerciren kommt, – eine Wache des Profoss mit zwei gefangenen, französischen Voltigeurs, die mit Gewalt in ein bulgarisches Haus eingedrungen sind, hinter dessen Jalousieen sie ein Paar Mädchenköpfe bemerkt haben, ein seltener Artikel jetzt in Varna; – oder gar vier Krankenträger mit zwei verhüllten Bahren, von Schildwachen begleitet, auf dem Wege zum Lazaret.

"Fi donc! La Cholera! – De quelle troupe les malheureux, mon brave?"

"Des huzards!"

"Merci! Place, Messieurs, pour les malades!"

Der Zuave stösst den langen Engländer bei Seite, der sich mit einer gewissen Unbehaglichkeit den Leib hält.

"Dam your eies!"

"Beliebt, Herr Kamerad?"

"No!"

Lachend, tobend drängt die Menge hinter dem Krankenzug wieder zusammen, der nahe Tod ist vergessen, so lange voll das Leben pulsirt. Auf dem Tschardak eines Hauses kramt ein armenischer Handelsmann sein Bündel aus, Pfeifenköpfe, Rosenöl, Filigranarbeiten, Wundpflaster und schlechte Seidentücher. Seine gewandte Zunge preist sie in einem Gemisch aller Sprachen den umdrängenden Flaneurs an. Ein englischer Dragoner, der seinen letzten Sold noch in der tasche hat, kauft fünf Flaschen von der Rosenessenz, die Adrianopel nie gesehen. Die vergoldeten, in Böhmen gefertigten Flacons verlocken ihn und er will sie nach haus schicken. Einstweilen vermehrt er sein Gepäck damit, das ohnehin 82 Pfund wiegt. – Ein Sürüdschi, mit dem Courier von Schumla sich Bahn brechend durch das Gedränge. "Wo ist der Konak des Pascha?" – "Bilmem!" – ich weiss nichtmit "Olmas" – es gibt Nichts, kann nicht seindie ewige Antwort der Türken! – an einer Ecke eine Gruppe Moslems und Engländer, auf das Schauderhafteste die beiderseitigen Sprachen in aller Höflichkeit