, war Stadt und Festung, nachdem ihre Wälle bei der letzten Eroberung durch Diebitsch und bei dem Bombardement durch Admiral Greigh im Jahre 1828 zerstört worden, in Schmuz und Unbedeutendheit versunken, bis plötzlich die rollenden Donner des orientalischen Krieges sie mit einem Zauberschlag zum wichtigsten Stapel- und Sammelplatz zuerst der türkischen Donau-Armee, dann selbst der westmächtlichen Expeditionscorps machten. Durch das Verdrängen der russischen Flotte aus dem Schwarzen Meere concentrirte sich der ganze Transport auf Varna; Truppenmassen wandten sich von hier aus nach dem Feldlager des Krieges, Schumla, oder bildeten in weiten Lagerungen um die Stadt eine neue; kolossale Vorräte aller Art wurden hier aufgehäuft und der breite Golf wimmelte von Kriegsund Transportschiffen jeder Gattung.
Vom April bis zum Ende August 1854 war das sonst kaum 16,000 Einwohner zählende Varna eine Weltstadt, in der sich drei Weltteile – Europa, Asien und Afrika – ihr kriegerisches Rendezvous gegeben hatten. Es wird nötig sein, einen kurzen Rückblick auf die militairischen Operationen der Schutzmächte der Türkei zu werfen, ehe wir zur Beschreibung der vorliegenden Scenen übergehen.
Wir haben am Schluss des zweiten Bandes erwähnt, dass bereits zu Ende Februar die Sendungen französischer und englischer Truppen nach dem Orient begonnen hatten. Am 20. März wurden auch die ersten afrikanischen Truppen eingeschifft; General C a n r o b e r t traf mit B o u a t und E s p i n a s s e zu Anfang April in Gallipoli ein, was zum ersten Sammelpunkt der anglo-französischen Armee bestimmt war. Der Marschall St. A r n a u d , der am 22. April mit einer Proclamation in Marseille den Oberbefehl übernommen, folgte im Mai; Prinz N a p o l e o n , der Vetter und präsumtive Tronerbe des Kaisers, hatte sich, mit einem Divisions-Commando betraut, am 1. April eingeschifft, war nach Beseitigung der über die Ausweisung der Griechen zwischen dem französischen Gesandten und der Pforte entstandenen Differenzen in Constantinopel eingetroffen und hatte den Palast von Defterdar-Burnu bezogen. Von englischer Seite folgten im März Lord R a g l a n , der britische Oberbefehlshaber, und der Herzog von C a m b r i d g e , dem vom Sultan das Palais Tschiragan eingeräumt wurde; – in der Mitte des April standen bereits 40,000 Mann englisch-französischer Truppen auf türkischem Boden.
Schon in Gallipoli zeigte sich der grosse Nachteil, in dem die englische Armee durch die jammervolle Fahrlässigkeit ihrer Intendanzen und VerpflegungsCommissariate gegen ihre kriegerischen und gewandteren Rivalen stand. Die Franzosen hatten rasch die besten Quartiere für sich genommen, während es dem ersten englischen Detachement, das ankam, selbst an Booten zur Landung fehlte. Es klingt unglaublich, aber es ist wahr, dass der englische Consul in Gallipoli nie Befehl erhalten hatte, für die Unterbringung der erwarteten Truppen Vorkehrungen zu treffen. Wenige Tage früher waren zwei Verpflegungs-Offiziere, die kein Wort türkisch verstanden, angekommen, um Proviant einzukaufen, das war aber auch Alles, was für die Expeditions-Armee geschehen war. Schon damals fingen daher die auf's Trefflichste bedienten Franzosen an, mit Spott und Achselzucken auf die Engländer zu schauen und John Bull zu hänseln, was häufig zu ernsten Händeln führte.
Mitte April begannen auch die ersten Translokationen der Truppen nach Scutari, Adrianopel und Varna. Durch die strategischen Operationen der Russen gegen die Dobrudscha und Silistria beunruhigt, sahen die Alliirten ein, dass sie zum Schutz Constantinopels eine Position einnehmen müssten, um das bereits ziemlich lau gewordene Vertrauen der Türken zu stärken, und Varna wurde als Operationsbasis für alle weiteren Zwecke gewählt. Anfangs Mai trafen englische Sappeurs und Mineurs in Varna ein und steckten ein Lager am Südende der Bucht ab. Am 18. kamen Marschall St. Arnaud und Lord Raglan in Varna an, wo der bereits früher erwähnte grosse Kriegsrat über den Entsatz von Silistria gehalten wurde. Die Feldherren begleiteten Omer-Pascha nach Schumla und in der am Bord des Agamemnon, des Flaggenschiffs des Vice-Admirals Sir Edmond Lyons, nach ihrer Rückkehr gehaltenen Veratung wurde zuerst auf die Instruction des Kaisers die Expedition nach der Krimm beraten und beschlossen.
Tiefes geheimnis sollte diesen Beschluss begleiten, dennoch war er bald den gewandten griechischen Spionen kein geheimnis mehr. Freilich hatten sie das Schicksal Kassandra's, die auch bei der modernen Iliade nicht fehlen sollte, – die Russen glaubten sich sicher und Sebastopol uneinnehmbar – von der Seeseite. Eine Belagerung zu land hielt man für eine Unmöglichkeit.
Im Juni trafen die erste und dritte Division der französischen-Hilfs-Armee, die Divisionen Canrobert und Prinz Napoleon, zur See in Varna ein. Die Divisionen Bosquet und Forei (die zweite und vierte) folgten auf dem Landwege über Adrianopel.
Mitte Juli standen mit den Türken und Egyptern ungefähr 100,000 Mann in Varna. Die Engländer hatten ein festes Lager bei Dewno an der Strasse nach Schumla und auf der Südseite des Golfes bezogen, die Egypter und Baschi-Bozuks lagerten neben den Zuaven auf dem Campo und das Hauptcorps der Franzosen hinter dem alten Wall der Festung.
Ein Treiben, wie die bewegteste Phantasie es sich nicht zu malen vermag, herrschte am Nachmittag des 20. Juli in den Strassen, Gassen und Gässchen von Varna und auf dem Spiegel des Golfs. Eine starke Escadre der ankernden Kriegsschiffe machte sich offenbar fertig, in See zu gehen und nahm Munition und wasser ein. Am Dewno-Kai wimmelte es von Matrosen und Mariniers, Soldaten und türkischen Lastträgern,