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Er war eine hagere aber kräftige Gestalt, fast nur Sehnen und Muskeln, das von einem weissen krausen Bart umgebene Antlitz lederfarben geworden von der Glut der Sonne und den eisigen Wettern des Winters. Ein dunkles unruhiges Auge lag unter den buschigen Brauen, die linke Wange zeigte eine tiefe querüber laufende Narbe. Die ungebeugte kräftige Haltung, durch den fortwährenden Aufentalt im Freien, die Art seiner Beschäftigung und die einfache Nahrung über die gewöhnliche Zeit des Menschen hinausgebracht, liess das Alter des Mannes nicht erkennen, dennoch musste es hoch und selbst über die Jahre des greisen Kosacken reichen. Er war ganz in gegerbtes Fohlenleder gekleidet; eine eng anschliessende Jacke, Beinkleider, an denen die Haarseite nach ausserhalb gekehrt war, und derbe hochhinaufreichende Stiefeln von Rossleder mit starken Sporen bildeten seine Tracht. Eine lederne Kaputze mit eingeschnittenen Oeffnungen für Augen, Ohren und Mund hing ihm über den Nacken; in dem breiten Gürtel, auf den er die Hand stützte, staken ein kurzes Beil und verschiedene Zangen, Werkzeuge und Büchsen, die er in seinem Beruf als Besitzer grosser Rossheerden brauchte; die Hand hielt die derbe kantschuhartig geflochtene Peitsche.

Der alte Kosack, der um die Geretteten genug Personen beschäftigt sah, hatte sich von ihnen gewandt und näherte sich dem einsam stehenden Tabuntschik.

"Die Heiligen mögen Dich segnen, Väterchen. Wir sind gekommen, bei Dir Hilfe und ein Nachtlager zu suchen, Du wirst uns nicht von Dir weisen."

"Ich lade Niemand zu mir," sagte finster der Rosshirt, "doch weigere ich auch Niemand mein Brod und Salz. Du bist mein Gast. – Weshalb starrst Du mich so an, alter Mann?"

Das Tageslicht war zwar dem Erlöschen nahe, aber seine letzten Strahlen brachen eben noch scharf durch die sich teilenden Rauchnebel und fielen auf das Antlitz des greifen Rosshirten.

Der Ataman sprang auf ihn zu und fasste seinen Arm:

"Dies Gesicht kenne ich und wenn es Metusalem's Alter hätteschau' diese Narbe auf meinem Gesicht an, Kaisermörder, und erinnere Dich an die Nacht des 23. März!"

Seine Rechte fasste nach der Pistole in seinem Gürtel.

Das Antlitz des alten Tabuntschik war fast schwarz geworden, seine tiefliegenden Augen schienen Blitze zu schiessen.

"Tschort w twaju Duschu!7 Du bist verrückt."

"So wahr die Heiligen an meinem Sterbelager stehen und die finstern Geister verscheuchen mögenich kenne Dich, Fürst Michael, und Gott der Herr hat dem armen Kosacken der Steppe das Leben erhalten, um noch an der Pforte des Grabes seinen Todfeind zu finden."

Der Tabuntschik lächelte bloss verächtlich.

"Lege den Finger auf Deine eigene Wange und Du wirst das Zeichen finden, mit dem der Degen des Czaren Dich gebrandmarkt. Du musst sterben von meiner Hand!"

Er zog den Hahn des Pistolsdoch die Hand des Rosshirten drückte es jetzt zur Seite:

"Ich weiss nicht, wer Du bist und welchen Anspruch Du an mich hast," sagte derselbe finster. "Aber bedenke, dass Du mein Gast bist und ich Dein Wirt, und Fluch auf den Russen, der die heilige Sitte der Väter verletzt. Wenn die erste Stunde eines neuen Tages da ist, wirst Du, ein Greis wie ich, mich über der Gränze dieses Tabuns finden, bereit, Dir Rede zu stehen."

Er wandte sich unerschüttert von ihm und verschwand in die Semlanke.

Der alte Kosack blieb in tiefem Sinnen, auf seinen Säbel gestützt, zurück.

Fussnoten

1 Postillon. 2 21. Juli 1774. 3 Rosshirt, Heerdenbesitzer. 4 Tölpel, Narr. 5 Station. 6 Historischen. 7 Der Teufel in Deine Seele!

Varna.

Das Geschick der Städte und Orte wechselt wie das der Menschen; Metropolen versanken in Schmuz und Trümmer; wo der Handel der Welt einst sein Gold streute und Tausende fleissiger hände tätig waren, herrscht ein Jahrzehend darauf Einsamkeit und Elend. So auch umgekehrtdie öde Stätte, die kaum genannt wird unter den Namen, lässt ein plötzlicher Umschwung zum wichtigen Stapelplatz werden. Eine halbe Welt versammelt sich an der Einsamkeit der Gräber und Glanz und Leben vergolden schmuzige Baracken.

Nirgends mehr zeigt sich dieser plötzliche Wechsel, diese zauberhafte Veränderung, als gerade im Orient, jenem seltsamen Gemisch von Letargie und flammender leidenschaft.

Wenn der Schiffer aus dem Bosporus an den felsigen, seltsam schroff geformten Westküsten des Pontus Euxinus mit günstigem Wind hinaufstreift, an der Stätte des alten Apollonia vorüber, wo jetzt das Dorf St. Nicol seine Fischerhütten ausgestreut, gelangt er mit dem milden Hauch des Südens zu einem breiten schönen Golf, der sich so weit hineinstreckt in's Land, dass die Flotten der Welt hier stattlich, wenn auch eben nicht sehr sicher vor Anker liegen könnten. Der Golf wird von dem Ausfluss des Dewno-See's in's Meer gebildet, oder der See bildet eine Fortsetzung des Golfes, wie man will. Im Süden erheben sich begränzend die Felsen des Galata-Vorgebirges, die Nordseite steigt in leichter Hebung plateauförmig bis an den Fuss des mächtigen Hämus, dessen breiter Kamm mit unzähligen Ausläufen vom Schwarzen Meere bis zu den Felsenwänden der Adria die bulgarischen und slavischen Provinzen der Türkei durchschneidet. Zwischen dem Gebirge und dem Golf, seine Wälle und Mauern unmittelbar in die blauen Wellen des Letzteren tauchend, liegt V a r n a , das Obessus der Alten.

Stets ein wichtiger militairischer Vorposten Constantinopel's in den seit 140 Jahren andauernden russisch-türkischen Kriegen