ein Signal!"
Die Jämschtschiks hatten auf einer vom Feuer noch nicht erfassten Stelle die Pferde angehalten. Alle lauschten gespannt, einige Augenblicke lang war Nichts zu hören, wie das Knistern und Zischen der Flammen, die fast ringsum empor schlugen – dann klang es erst leise und immer lauter, wie der Ton einer metallenen Glocke, – bald war eine Täuschung unmöglich.
"Das ist die Glocke des Tabuns für die Heerden," sagte ruhig der Menonit, – "Gott vergebe es mir, dass ich dem mann kaum diese Menschenfreundlichkeit zugetraut habe. Der Herr ist mit uns – wir dürfen nur dem Schall der Glocke folgen, doch rate ich Dir, Freund Offizier, die beiden Gespanne zu trennen. Diese Frauen werden sicherer fahren mit der Troika."
Der Rat war bei der rissigen Beschaffenheit des Bodens zu gut, um nicht befolgt zu werden. Im Nu waren die Stränge der zwei Vorderpferde vom Jäger Bogislaw und den Kosacken abgeschnitten, und der Erstere befahl dem Jämschtschik, voran zu reiten nach dem Schall der Glocke, um zugleich den Zustand des Weges zu prüfen. Die Todesgefahr war so gross, dass der junge Postillon, kaum die Möglichkeit der Rettung vor sich sehend, und von der drohenden Pistole des Obersten befreit, wie blind und toll davonjagte. Hinter ihm her flog, von den Reitern umgeben, der Wagen durch Rauch und Flammen.
"Links! links, Freund! so lieb Dir Dein Leben ist!" schrie der junge Menonit, während schon näher und näher der Schall der Glocke erklang und sie bereits den Zuruf einer menschlichen stimme zu hören vermochten.
Es war zu spät –
Ein wilder, furchtbarer Schrei des Entsetzens – und vor ihren Augen verschwanden im Nebel und Rauch, kaum zehn oder fünfzehn Schritt vor ihnen, die Gestalten des Jämschtschiks und seiner zwei Pferde, wie von der Erde verschlungen.
"Links! links! Gott sei Seele und Leib gnädig!"
Der Menonit hatte sich mit seinem Pferde quer vor das Gespann geworfen, Bogislaw riss mit Aufbietung all seiner Kraft das rechte Sattelpferd, das er bestiegen, zurück und drängte das Gespann nach Links – so flogen sie davon dem Rufen und Läuten entgegen, ohne dass Einer von dem schrecklichen Schicksal des jungen Postillons Kunde nehmen konnte; wenige Augenblicke darauf war das Läuten vor ihnen –
"Passt auf, Brüder," rief der Menonit, "der Graben kommt – hopp!"
Er setzte mit seinem Pferde hinüber, Iwan folgte – dann der Jämschtschik mit dem Dreigespann – ein Ruck, Angstgekreisch, – der Wagen stürzte um, aber war glücklich über den rettenden Graben, den die Hirten zur Sicherung ihres Tabuns gegen das Feuer aufgeworfen.
Die Voransprengenden hatten jenseits desselben noch den jungen Kosacken Olis gesehen, wie er eifrig eine kleine Glocke schwang, die zum Herbeirufen der Heerden zu dienen schien, und neben ihm eine hohe Greisengestalt in wildem Costüm, teilnahmlos die arme übereinander geschlagen und den Anstrengungen des jungen Mannes zuschauend.
Im nächsten Augenblick waren Alle – mit Ausnahme des seltsamen Greises – um den umgefallenen Wagen beschäftigt, um den Insitzenden herauszuhelfen. Der Oberst war der Erste, der durch die geöffnete Tür sich herausschwang, sein kranker Arm schmerzte ihn durch den Stoss heftig und schien auf's Neue beschädigt. Er rief nach seinem Leibdiener und befahl, sogleich aus dem geretteten Gepäck ein Arzneinecessaire zu suchen, während die Damen herausgehoben, in her Nähe eines gegen die Hitze verdeckten Brunnens niedergesetzt und von den beiden jüngeren Offizieren mit wasser benetzt wurden. Gräfin Wanda, die erst bei dem Todesruf des Jämschtschiks die während, der ganzen furchtbaren Scene bewahrte Fassung verloren und ohnmächtig geworden, erholte sich zuerst und leistete nun mit dem Kammermädchen der Französin Hilfe.
Sie schlug die Augen auf, – ihr erster blick fiel auf den jungen Fürsten, den sie auf dem Ball des GeneralConsuls von Meusebach sich hatte vorstellen lassen, und der sie mit sichtlichem Interesse betrachtete
Eine dunkle Röte – bei der Erinnerung an Worte, die sie in der Todesangst ausgestossen – überzog das Gesicht der ehemaligen Lorette.
Während diese kurze Erkennungsscene unter der Gruppe der vornehmen Reisenden spielte, die sich so eigentümlich zusammengefunden, war ein noch seltsamerer Auftritt unfern von ihnen vorgegangen.
Der Tabuntschik hatte sich von der zahlreichen, so plötzlich auf sein Gebiet eingedrungenen Gesellschaft zurückgezogen. Die Scene umher gewährte einen eigentümlichen Anblick. Obschon das Feuer, so schnell wie es gekommen, sich nach dem raschen Verzehren des trockenen Grases entfernte und den Tabun – die Niederlassung der Rosshirten – ganz unberührt, gelassen hatte, da derselbe – auf der einen Seite durch die tiefe, jähe Regenschlucht, auf der andern durch einen von den Hirten aufgeworfenen und mit befeuchteter Erde abgedämmten Graben gesichert worden, so sah man doch an einzelnen, dichter mit Gestrüpp bewachsenen Stellen in der Nähe noch immer die Flammen emporschlagen, und Rauchwolken ballten sich über die freigebliebene und abgebrannte Stätte hin. Wo sie sich öffneten, sah man grosse Heerden Viehes – Pferde und Schaafe dicht zusammengedrängt auf der gesicherten Oase, von den Hirten oder den Knechten des Tabuntschiks bewacht, und ein eigentümliches Schauspiel gewährte es, als diese jetzt zwischen den Schaafen zwei Wölfe hervorzerrten, die sich in der Angst vor dem Feuer unter die Heerden schmiegsam verkrochen hatten, und die sonst so gefährlichen Bestien ohne Widerstand todtschlugen.
Der Tabuntschik stand in der Nähe seiner Semlanke – der kaum mannshoch aus dem Boden hervorragenden, grösstenteils in diesen gegrabenen aber geräumigen Hütte, – deren Dach nach beiden Seiten hin in den Rasen selbst auslief.